Biodiversität im Weinbau

Text: Björn Springorum, Fotos: Denise Martin

Artenvielfalt wird im Weinbau immer essentieller – für den Erhalt unserer Ökosysteme

Artenvielfalt ist essentiell für unseren Planeten. Ein Beispiel: Ohne Bienen gäbe es kaum Obst, weil die emsigen Insekten unzählige Sorten bestäuben. Ohne Bienen gäbe es aber auch weniger Nahrung für Vögel und andere Tiere, die diese Insekten gern verputzen.

Heißt: Je mehr Artenvielfalt, desto mehr Leben. Weltweit, aber natürlich auch in Baden-Württemberg, auf allen Feldern, aber auch in den Weinbergen. Das Zauberwort heißt Biodiversität und wird auch für WinzerInnen immer wichtiger.

Lange Zeit war der Rebberg genau wie der Getreideanbau eine Monokultur, in der eben nur eine einzige Pflanze gedieh und Aufmerksamkeit bekam: die Weinrebe. Maximaler Ertrag bei minimalen Störfaktoren. Längst weiß man, dass ein biodiverser Weinbau als Heimat für zahlreiche Tier-, Pflanzen- und Ökosystemarten, gut ist für Flora und Fauna, für Land und Boden.

Und sogar für den Wein selbst, wie Jochen Konradi von der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg bei Heilbronn weiß. „Von Biodiversität hat nicht nur das Ökosystem etwas, sondern auch das Weingut. Ein biodiverses Weinbergsystem kann viel schneller und wirksamer auf Krankheiten und Schädlingsbefall reagieren.“

Vereinfacht ausgedrückt: Je größer die Vielfalt an Mikroorganismen und Pilzen unter der Erde, desto gleichmäßiger ist die Nährstoffversorgung der Reben. „Nährstoffe für eine spezifische Pflanze ernähren eben auch nur diese eine Pflanze. Als würde sie am Tropf hängen. Biodiversität sorgt für eine harmonischere und vielfältigere Ernährung der Pflanze.“

Davon kann auch Winzer Moritz Haidle (Foto) aus dem Remstal ein Liedchen singen. „Biodiversität ist wichtig für den Kreislauf beim Weinbau“, betont er. „Heute ist das eigentlich Standard, egal ob Bio oder nicht. Hier bei uns im Remstal arbeitet jede und jeder auf seine Weise damit.“

Die Begrünung der Rebflächen kann auf verschiedene Arten geschehen, wichtig ist eine gute Mischung: Diese Pflanze für mehr Stickstoff, jene gegen bestimmte Würmer. „Auch für die Zersetzung von Kompost in Stickstoff ist Bio-diversität wichtig“, so Haidle. „Ohne Bakterien und Mikroorganismen geht da gar nichts“, betont der Winzer. „Sonst kann die Rebe den Kompost nicht aufnehmen.“

Einfach ist das nicht immer: „Eine Begrünung ist bei Regen wichtig, weil die Pflanzen zwischen den Reben das überschüssige Wasser abziehen. In trockenen Jahren ist es aber eher schlecht, weil da eine Konkurrenz ums Wasser herrscht.“

Drei Jahre dauert die Umstellung von konventionellem Weinbau auf einen biodiversen Weg. „Danach“, so Jochen Konradi, „darf man das EU-Bio-Logo ausweisen.“ Was erst mal lang klingt, ist für Olympia Samara vom Weingut Roterfaden in Roßwag bei Vaihingen an der Enz das Mindeste. „Man sieht erst ab dem dritten Jahr eine gewisse Veränderung“, sagt sie. „Im ersten Jahr sind die Weinberge noch verwirrt, regelrecht irritiert und außerdem sehr empfindlich Krankheiten gegenüber. Das lässt immer mehr nach, doch meiner Meinung nach ist die Umstellung erst ab dem fünften Jahr abgeschlossen.“

Für sie und ihr Weingut ist diese Arbeitsweise „alternativlos“, wie sie betont. „Als LandwirtInnen wollen wir mit der Natur arbeiten, nicht gegen sie. Dein Organismus und dein System sollen ja möglichst lange erhalten bleiben, wenn du davon leben willst. Und das geht nur, wenn du dafür auch etwas tust.“

Das führt bei Roterfaden sogar so weit, dass lieber mal eine Reihe Haselnusssträucher und Feigenbäume gepflanzt werden, obwohl man auch Reben hätte anlegen können. „Wir wollen bewusst gegen die Monokultur kämpfen“, betont sie. „Klar verzichten wir dann auf eine Reihe Reben, aber dafür ergeben sich andere Vorteile. Bei uns leben wahnsinnig viele Kleintiere und Raubvögel, weil wir nicht viel mähen. Ich wirke also positiv auf ein Ökosystem ein und das gibt mir ein gutes Gefühl.  Der Boden ist doch unser Leben.“

Was Olympia Samara und Moritz Haidle seit vielen Jahren tun, ist für Timo Saier noch Neuland. Der Leiter des Weinguts der Stadt Stuttgart hat kürzlich auf Biodiversität umgestellt.

Und hat gute Gründe dafür: „Für mich ist es die geeignetste Art, ein Genussmittel herzustellen. Klar ist es mit deutlich mehr Aufwand verbunden, aber sowohl für die Umwelt als auch für den oder die KonsumentIn lohnt sich diese Anstrengung.“ Schon 2007 war er bei der Umstellung auf einem österreichischen Weingut dabei. Seit er das städtische Weingut 2016 übernommen hat, verfolgt er die Vision von biodiversem Anbau auch im Kessel.

Jetzt muss auch Saier die drei Jahre mit regelmäßigen Kontrollen absolvieren, ehe das städtische Weingut das Bio-Siegel tragen darf. „Wir haben schon davor einige Kriterien erfüllt“, sagt er, „es ging eigentlich nur noch um den Pflanzenschutz.“

Das kann Konradi von der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau bestätigen: „Viele WinzerInnen arbeiten schon jetzt teilweise nach biodiversen Richtlinien, greifen in gewissen Ausnahmesituationen aber doch noch auf konventionelle Methoden zurück.“

Klar ist also: Biodiversität ist wichtig. Aber deutlich mehr Arbeit. „Wir müssen permanent alle Weinberge im Auge behalten, weil wir nur noch mit präventiven Mitteln arbeiten“, erklärt Timo Saier. „Dadurch sind auch Arbeits-einsätze am Wochenende notwendig. Unser Team ist das gewohnt – bei Weinbergen mitten in Wohngebieten ist es aber  schwierig und führt zu Diskussionen mit den AnwohnerInnen.“ Der Erhalt eines funktionierenden Ökosystems geht eben nicht nur von Montag bis Freitag zu normalen Geschäftszeiten. Pilze machen schließlich auch keinen Feierabend.                 

Dieser Artikel ist aus LIFT 11/21

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