Aussteigen, bitte! Herr Clair startet Kunst-Guerilla auf dem Parkplatz

Art-Park-System

Text: Nina Scheffel, Foto: Ronny Schönebaum

Man hat sein Auto geparkt, kommt zurück, möchte losfahren, parkt aus und – pieeep. Der Sensor der Ausparkhilfe macht sich lautstark bemerkbar und signalisiert ein Objekt, das im Weg ist. In den meisten Fällen ist es ein echtes Hindernis – wer in den nächsten Wochen in Stuttgart auf öffentlichen Parkplätzen unterwegs ist, könnte aber eine Überraschung erleben.

Der Stuttgarter Künstler Clair Bötschi alias Herr Clair ist Mitglied im Kunstverein Wagenhalle und Galerist. Zuletzt machte er mit der Gründung seiner „Agentur für Nachhaltigkeit und Verschwendung“, die die Wechselwirkung von Kunst und Wirtschaft diskutiert, von sich Reden. Nun sorgt er mit einer neuen Aktion für Aufregung im öffentlichen Parkraum.

Sein Plan? Kunstwerke zu schaffen, die nicht an der Wand einer Galerie oder eines Museums hängen – sondern als „Art-Park-System“ an parkenden Autos. „Wir platzieren kleine Werke an den Stoßstangen, vor den Ultraschallsensoren der Einparkhilfe. Beim Motorstart wird der oder die FahrerIn über das Hindernis informiert und muss aussteigen und das Kunst-Hindernis abnehmen und betrachten“, erklärt Bötschi seine urbane Kunst-Guerilla. Auf der Rückseite des am Auto befestigten Papierstreifens befindet sich ein QR-Code, der neben dem Kunstwerk selbst weitere Informationen zum Projekt liefert.

Bötschi versteht seine Kunst als eine Art Hindernis. „Das Projekt soll die alltagsroutinierte Kunst unterbrechen“, erklärt er. „Gerade in Zeiten von Corona geht der Trend wieder hin zum Auto und dahin, Kultur und Kunst über den Bildschirm oder eine Distanz wie im Auto wahrzunehmen. Ich frage mich, was passiert dabei mit den Menschen?“.

So fahre man beispielsweise zum Open Air-Kinoevent Kulturwasen auf dem Cannstatter Wasen und sehe dort Kultur – allerdings aus einer Distanz. Dies verändere die Wahrnehmung der Kultur massiv, weil die Kunst zu einem Konsum-Objekt werde, so Bötschi.

Der Künstler stellt eine aktuelle Frage: In welcher Beziehung stehen wir zu unserer technologisierten Umwelt und wie gehen wir mit derselben um? „Im Zuge der Digitalisierung geraten wir immer stärker in geschlossene Systeme und fragen zu wenig nach. Das Auto ist da das beste Beispiel: Denn die Ultraschallsensoren überwachen ja alles, da braucht man beim Fahren und Ausparken nicht mehr so genau hinzusehen. An dieser Stelle soll die Kunst die Menschen aufrütteln und irritieren. „So wird das Auto als ökonomisches Objekt gerade hier in der Region Gegenstand der Kunst selbst.“

Außerdem soll das Art-Park-Sys- tem das szenige Netz der Stuttgarter Kunstbranche aufbrechen und Kunst an alle Teile der Gesellschaft herantragen. „Die Aktion findet in der ganzen Stadt statt – ich möchte die Kunst aus ihrem Kontext lösen und damit auch den Alltagsmenschen erreichen. Deshalb trifft meine Aktion die Leute ja auch ganz zufällig.“

Bisher gibt es etwa 100 Werke, die in Stuttgart an Autos verteilt werden. Drei davon hat Bötschi selbst gestaltet, die übrigen stammen von hiesigen KünstlerInnen.

Und wie kommt das an? „Bisher bekommen wir nur positives Feedback“, so Bötschi. „Natürlich kann die Aktion auch negativ aufgefasst werden, das muss Kunst  aushalten.“ Nicht ohne Grund sind die Zettelbotschaften  mit einem Hinweis versehen: „Ob Kunst ein Hindernis ist oder nicht, entscheiden Sie.“ 

Art-Park-System [www.aps.herrclair.de]

Dieser Artikel ist aus LIFT 08/20

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