Am Ende bleiben die Fotos

Charlotte Obertreis fotografiert im Hospiz

Fotografie über den Tod hinaus – die 21-jährige Stuttgarterin Charlotte Obertreis begleitet Familien im Hospiz mit ihrer Kamera.

Foto: Charlotte Obertreis

Den Grundstein zu ihrem heutigen Herzensprojekt „Fotografie über den Tod hinaus“ legte Charlotte Obertreis bereits in der achten Klasse: „Ich habe die Natur, Tiere und die Fotografie immer schon geliebt. Daher habe ich mich entschieden, im Rahmen meiner künstlerischen Jahresarbeit an der Waldorfschule gegen eine Spende Shootings für TierbesitzerInnen anzubieten“, erzählt die mittlerweile 21-Jährige. So kamen knapp 800 Euro zusammen, die das junge Mädchen auf Anraten ihrer Eltern an den ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst Sternentraum in Backnang spendete. „Da wusste ich eigentlich schon: Ich möchte mehr machen, als das Hospiz nur finanziell zu unterstützen“, erinnert sich Obertreis. Also begann sie damit, ihre Fotografie auch den Familien anzubieten, die aufgrund einer lebensverkürzenden Diagnose vom Hospizdienst betreut wurden. Auf ehrenamtlicher Basis, um die Erinnerungen an den geliebten Menschen lebendig zu halten.

Doch wie gestaltet sich die Arbeit mit einem so tabuisierten Thema für eine Heranwachsende? „Das Thema Tod hat mich schon immer beschäftigt. Für mich ist der Prozess des Sterbens auch nicht nur negativ geprägt. In meinen Augen ist es wichtig, sich damit auseinanderzusetzen“, so die junge Fotografin. Nicht zuletzt deshalb empfindet Obertreis es als Geschenk, wenn Familien mit kranken Kindern oder einem lebensverkürzend erkrankten Elternteil ihr einen Einblick in ihr Leben gewähren, denn das zeuge schließlich von viel Vertrauen. „Für die Betroffenen ist das ein großer Schritt, sie sind mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert. Das ist also kein klassisches Familien-Shooting“, wie Obertreis zu verstehen gibt. Und dennoch: Die im Laufe ihres „Herzensprojekts“ gesammelten Erfahrungen hätten ihr gezeigt, wie kostbar Fotos sein können, wenn ein Leben sich dem Ende zuneigt.

Vor allem eine Begleitung, die sich über einen langen Zeitraum erstreckte, habe etwas mit ihr gemacht, reflektiert Charlotte Obertreis: „Als ich das Kind, das schlimm erkrankt war, kennengelernt habe, habe ich es gleich ins Herz geschlossen, weil es so frisch und fröhlich war. Bis der Zustand des Kindes sich relativ schnell verschlechtert hat. Ich habe also die Höhen und Tiefen ganz nah miterlebt. Da muss man aufpassen, dass man eine gesunde Distanz wahrt.“ Generell fiele es manchmal schwer Abstand zu nehmen, wenn man emotional tief drin sei, wie beispielsweise bei der fotografischen Begleitung von Beerdigungen, wenn alle Trauernden zusammenkommen. „Ich habe aber zum Glück ein ganz tolles Umfeld, eine aufmerksame Familie und Freunde, mit denen ich schwere Phasen durchstehe“, betont Obertreis.

Um ihr besonderes Engagement zu ehren, wurde Charlotte Obertreis im Herbst dieses Jahres der Jugenddiakoniepreis verliehen, der sozialen Projekten junger Menschen zu mehr Sichtbarkeit verhilft. Und das bestärkt die junge Fotografin, auch wenn ihre Arbeit von außen manchmal auf Unverständnis stößt: „Die Arbeit im Hospiz ist eine so sinnvolle Tätigkeit. Und wenn ich durch sie eines gelernt habe, dann dass es bei all der Schwere, die mit dem Tod einhergeht, so viele Möglichkeiten gibt, den Tagen Leben zu geben.“ 

Charlotte Obertreis Fotografie [www.charlotte-obertreis.jimdoweb.com, @charlotteobertreisfotografie]

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