Alli Neumann

Von einem anderen Stern

Was Alli Neumanns aktuelles Album mit Aliens und Rockstars zu tun hat, welche Rolle Klassik in ihrer Popmusik spielt und was die Künstlerin abseits ihres Touralltags so treibt, erzählt sie im Interview.

Foto: Tom Blanc

Das Gefühl von Einsamkeit, sich „alienated“ zu fühlen, wie man im Englischen sagt – also isoliert und entfremdet – kennen viele. Vor allem, wenn sie in eine neue Stadt ziehen. So ging es auch Alli Neumann, als sie aus ihrer ländlichen Umgebung in Schleswig-Holstein nach Berlin zog um ihre Musik- und Schauspielkarriere zu verfolgen. Und was machen kreative Menschen mit solchen Emotionen? Sie verarbeiten sie in ihrer Kunst.

So wurden Begriffe wie „Einsamkeit“ und „Alien“  zum Leitthema für Neumanns aktuelles Album „Roquestar“. „Ich fand dieses ,alienated‘-Gefühl als Thematik so wichtig und habe mir vorgestellt, wie ein Rockstar von einem anderen Stern auf den harten Berliner Asphalt fällt und sich hier ein bisschen allein fühlt“, erklärt die Sängerin.

So habe auch sie sich gefühlt, als sie nach Berlin ging. „Ich komme vom Land, meine Hobbys sind mit meinen Hunden zu gehen und Gartenarbeit zu machen. Am Anfang ist es mir daher schwergefallen, Anschluss zu finden.“ Die meisten ihrer sozialen Kontakte leben bis heute in Schleswig-Holstein, doch inzwischen hat Neumann einen Weg gefunden, in Berlin zu arbeiten und trotzdem Zeit bei ihren Freunden auf dem Land zu verbringen und die Ruhe dort zu genießen. Ein Alltag, den man so gar nicht mit dem eines Rockstars verbindet. Diese Ambivalenz wurde auch ihr bewusst und sorgte, vor allem zu Beginn ihrer Karriere, für Kopfzerbrechen über ihre Identität: „Ich glaube, das kennt jeder: dass man sich viele Gedanken um Selbstwahrnehmung macht und von anderen geliebt werden will“, so die 31-Jährige.

Und das mache die Aufgabe eines Rockstars auch so verwirrend: „Man soll etwas machen, was die Menschen mögen, aber gleichzeitig sein eigenes Ding durchziehen und etwas tun, was nicht jeder machen würde.“ Auf ihrem Album bearbeitet Neumann auch diese Fragen: Wie schafft man es, sich selbst die Liebe zu geben, die man sich von außen wünscht – vor allem in Zeiten der Einsamkeit? Einer ihrer persönlichen Lieblingssongs auf dem Album ist deshalb auch  „Schattenboxer“, in dem sie versucht, die Botschaft zu vermitteln: „Schau auf dich wie auf eine Freundin und sei nicht so verurteilend mit dir. Gib dir die Liebe selbst, statt sie anderswo zu suchen – sei es in der Partnerschaft, in der Gesellschaft oder durch Social Media.“

Musikalisch wollte Neumann ihren Deutsch-Pop diesmal mit Klassik aufmischen. Das beginnt schon im Albumtitel, indem sie Rock mit ,Qu‘ schreibt: „Ich habe zu der Zeit viel Fagott gespielt und Kammermusik gehört und bin ein großer Cembalo-Fan. Ich wollte ein Album machen, das barocke Einflüsse hat“, erzählt die Sängerin. Am Ende ist es aber dann doch eine bunte Mischung geworden: „Ich bin einfach poly-amorös, was Musik angeht – da ist hier ein Funk-Song entstanden, da eine Rock-Ballade und mal ein grungigerer Song“, ergänzt sie lachend.

Die Künstlerin wuchs in Polen auf. In ihrer Familie hatte Musik einen großen Stellenwert: Ihre Oma spielte Mandoline, die Mutter Posaune, gemeinsam sangen sie viel, darunter polnischer und amerikanischer Blues. Kaum verwunderlich, dass sie schon als Kind zur Geige griff und im Schulorchester spielte. Bis sie sich bei einem Skiunfall das Schlüsselbein brach und das Instrument nicht mehr spielen konnte. Ihr Orchesterdirigent meinte, sie könnte ja Fagott üben, um schnell wieder einzusteigen. „Man sagt immer, das Fagott kommt zu einem – wie der Zauberstab zum Zauberer bei Harry Potter“, lacht die Musikerin. „Ich liebe das Instrument. Es hat einen tollen, mysteriösen, vielfältigen Klang, eine große Wärme und gleichzeitig Kraft.“

Neben dem Singen schauspielert Neumann, arbeitet an kleineren Filmprojekten und schreibt gerade an ihrem ersten eigenen Drehbuch. „Egal ob schreiben, singen, schauspielern – das ist wie ein Ventil mich. Ich sehe mich als Geschichtenerzählerin.“

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