Alte Probleme, verschärfte Umstände

Wie geht es Alleinerziehenden in der Pandemie?

Mutter arbeitet am Laptop im Bett, Kind spielt daneben
Text: Nina Scheffel, Foto: Tatiana Syrikova/Pexels.com

Homeschooling, Haushalt, Beruf und wegfallende Kinderbetreuung – die Corona-Pandemie bringt eine enorme Belastung für Eltern mit sich. Glücklich schätzen können sich da jene, die jemanden an der Seite haben, mit dem sich der Alltag gemeinsam bewältigen lässt. Alleinerziehende hingegen ziehen den Kürzeren – nicht erst seit der Pandemie.

Laut dem Bundesministerium für Familie sind 19 Prozent aller Familien mit Kindern in Deutschland alleinerziehend. Manja Reinholdt, Vorsitzende des Gesamtelternbeirats der Stadt Stuttgart und selbst alleinerziehende Mutter, weiß um die prekäre Situation. „Alleinerziehende, speziell mit jüngeren Kindern, leben eigentlich immer in einer Art Lockdown“, erzählt sie. „Viele Eltern haben entweder nicht die Zeit oder nicht das Geld, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Durch die Schließung von Betreuungseinrichtungen in der Pandemie werden diese Probleme noch verschärft.“ Reinholdt fordert daher ein Umdenken in der Politik und bedarfsorientierte – und vor allem hochwertige – Betreuungsangebote.

Das Problem erkennt auch Michaela Klein vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter Baden-Württemberg (VAMV). Der Verband hat mithilfe der Förderung des Ministeriums für Soziales und Integration eine Online-Beratung ins Leben gerufen,  bei der sich Alleinerziehende per Mail, in Online-Gruppengesprächen oder telefonisch zur Beratung melden können.

Damit sich die Eltern trotz Corona auch untereinander austauschen können, bietet der VAMV darüber hinaus ein sogenanntes „Vernetzungsformular“ an. Eltern melden sich online an und  werden dann mit anderen Alleinerziehenden in ihrer Nähe per Mail in Kontakt gebracht. „In Stuttgart haben wir da einen großen Zulauf“, so Klein.

Neben mangelnden Betreuungsangeboten weist Reinholdt auf die fehlende finanzielle Unterstützung hin. „Alleinerziehende teilen sich den Corona-Bonus mit den unterhaltszahlenden PartnerInnen – unabhängig davon, inwiefern diese sich in der Corona-Zeit an der Betreuung der gemeinsamen Kinder beteiligt haben“, so die zweifache Mutter. Michaela Klein vom VAMV sieht die verstärkte finanzielle Last auch in zusätzlichen Kosten für Schulmaterialien. Diese müssten die Eltern ohne Bezuschussung stemmen.

Dass erst eine Pandemie kommen muss, um auf diese Probleme aufmerksam zu machen, sieht Reinholdt vor allem in der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Alleinerziehenden begründet: „Es gibt nicht nur Alleinerziehende, die im näheren Umfeld familiären, unterstützenden Anschluss haben, sondern auch Eltern, die ganz auf sich allein gestellt sind“, so die Elternbeiratsvorsitzende. 

Aber auch Familien, die bisher auf die Hilfe der Großeltern zurückgreifen konnten, sind nun sich selbst überlassen. „Viele Eltern berichten, dass Großeltern, die Kinder normalerweise betreuen, jetzt wegfallen, weil sie zur Risikogruppe gehören“, sagt Klein. Sie und ihr Team versuchen Eltern bei Schwierigkeiten wie diesen eine mentale Stütze zu bieten. „Wir hören den Alleinerziehenden zu, zeigen Verständnis für ihren Frust und setzen uns politisch gegen ihre strukturelle Benachteiligung ein.“ 

Auch das Eltern-Kind-Zentrum (Ekiz) im Stuttgarter Westen steht Alleinerziehenden zur Seite – gerade, wenn es darum geht, sich im bürokratischen Antrags-Dschungel zurechtzu finden. Per Zoom, Mail oder Telefon unterstützen SozialarbeiterInnen Eltern dabei, sich über Beratungsmöglichkeiten zu informieren und helfen ihnen, amtliche Anträge zu stellen. 

Dass die Nachfrage nach Beratungsmöglichkeiten wie diesen vorhanden ist, zeigt auch eine aktuelle Statistik des VAMV. In keiner Stadt in Baden-Württemberg meldeten sich im letzten Jahr mehr Alleinerziehende bei der Beratungsstelle als im Kessel. Nina Scheffel

 

VAMV [Online-Beratung: onlineberatung-vamv.assisto.online, Vernetzungsformular: www.vamv-bw.de/alleinerziehende-vernetzen-sich]

Alleinerziehenden Beratung des Ekiz [Mo, Mi, Fr 10-20 Uhr, Tel. 0711/505 368 46, Mail an andrea.bundschuh@eltern-kind-zentrum.de, www.eltern-kind-zentrum.de]

Dieser Artikel ist aus LIFT 04/21

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