Der definitive Film über Liebe, Lust und Leidenschaft aus Tübingen kommt erst im Sommer, mit der lang erwarteten Doku über Dieter Thomas Kuhn. Zuvor gibt es mit „Allegro Pastell“ eine nicht minder beeindruckende Liebesgeschichte, die auf der Berlinale gefeiert wurde, und bei der die Hölderlin-Stadt gleich doppelt beteiligt ist. „Germany’s Next Lovestory“, verspricht das Poster augenzwinkernd. Erzählt wird von einer jungen Autorin und ihrem Freund, die es sich in ihrer Fernbeziehung gemütlich eingerichtet haben. Just an ihrem Geburtstag bekommt sie Zweifel, ob sie nicht mehr möchte – von ihrer Liebe und vom Leben.
„Eines der wichtigsten Bücher der deutschen Gegenwartsliteratur seit Christian Krachts ‚Faserland‘“, schwärmte „Die Zeit“ über den Roman von Leif Randt, der außerdem das Drehbuch zum Film schrieb. Sein Sprachgefühl wird gleich mit den ersten Dialogen spürbar, das Pärchen-Palaver im Bett klingt so: „Wie geht es dir?“ – „Ich glaub, mir geht’s sehr gut. Und dir?“ – „Ich frag mich, ob es mir schon mal besser ging!“ Die SMS lesen sich ähnlich schwärmerisch: „Gerade kann ich mir nicht viel Besseres vorstellen, als mit dir im Bord-Bistro Maultaschen zu essen“. Das Bord-Bistro taucht auf, weil Romanautorin Tanja Arnheim (Sylvaine Faligant) und Webdesigner Jerome Daimler (Jannis Niewöhner) eine vermeintlich ideale Fernbeziehung führen, die mit Bahnfahren überbrückt wird. Tanja lebt in Berlin, der Freund im geerbten Bungalow im hessischen Maintal.
Doch die romantische Honeymoon-Stimmung hält nicht ewig, schon bald ziehen erste Krisenwölkchen am siebten Himmel auf und Selbstzweifel drücken die Stimmung. „Stell dir vor, du bist Mitte 30 und du willst immer noch keine Kinder“, hadert Tanja. „Ich glaube, das ist Erwachsenwerden: weniger Rausch, mehr Dauerausstellung“, jammert Jerome. Während einer Feier mit Freunden steigt die schlechte Stimmung rapide an. „Freut mich, dass du eine gute Zeit hattest. Für mich war der Abend leider anstrengend“, erklärt sie am Morgen ihrem Freund – und die idyllische Fassade bröckelt.
Jede Leinwand-Liebesgeschichte steht und fällt mit der Chemie zwischen den Figuren. Zwischen Sylvaine Faligant und Jannis Niewöhner ist diese spürbar vorhanden. Vom Mädchenschwarm-Image aus der „Rubinrot“-Trilogie hat sich der 33-Jährige längst freigespielt. Es folgten ambitionierte Rollen in „Jugend ohne Gott“, „Narziss und Goldmund“ oder dem NS-Drama „Stella“. Wie zuletzt im Publikumserfolg „22 Bahnen“ zeigt er auch hier freizügig seinen Sixpack, was Regisseurin Anna Roller für allerlei sinnliche Szenen zu nutzen weiß. Seine „22 Bahnen“-Partnerin, die aktuell beliebte Luna Wedler, spielt als suchtkranke Schwester von Tanja diesmal nur eine Nebenrolle. Das macht sie gut, mehr Leinwandzeit hätte man ihr allemal gewünscht.
Und was hat Tübingen jetzt damit zu tun? Zum einen gilt das dortige Medienunternehmen „Bewegte Bilder“ von Carsten Schuffert längst als feste Größe in der Postproduktion von Filmen. „In Zusammenarbeit mit Bewegte Bilder“, heißt es in großen Lettern im Vorspann. Zum anderen fungiert der Ex-Tübinger Tobias Walker als Produzent. Gemeinsam mit Geschäftspartner Philipp Worm gehört Walker zu den führenden Machern des deutschen Arthaus-Kinos. Mehr als 30 Spiel-, Dokumentar- und Werbefilme hat das Duo realisiert, darunter Filmkunst-Perlen wie „Schachnovelle“, „Stiller“, „Sisi & ich“ oder zuletzt „Was Marielle weiß“. Das neue Sandra-Hüller-Drama „Rose“, das auf der Berlinale den Bären bekam, wurde gleichfalls vom Ex-Tübinger produziert. Bei derart viel Lokalkolorit in diesem Beziehungsdrama der hyperreflektierten Millennials ist eine Premiere in der Unistadt mit VIP-Besuch fest eingeplant. Wie praktisch, dass „Bewegte Bilder“-Chef Schuffert zugleich der örtliche Kino-König ist, und im Sommer die Weltpremiere der DTK-Doku feiern wird.
Allegro Pastell [DE 2026, R: Anna Roller mit Jannis Niewöhner, Sylvaine Faligant, Luna Wedler, Start: 16.4.] ●●●●◦

