25 Jahre und 300 schräge Gastros später

Nix für Weicheier

Seit 25 Jahren erkundet LIFT die raue Seele der Stuttgarter Gastronomie: Pinten, Spelunken und Kultkneipen abseits des Mainstreams. Ehrlich, schmerzhaft, legendär – eine Hommage an Orte, Wirte und Geschichten, die nichts für Weicheier sind.

Foto: Lukas Eggert

Reality bites. Das gilt auch und gerade für die angeschrägte Gastronomie. Wer, wenn nicht wir, die wir in unserem Kessel immer von Schrägen umgeben sind, könnte das beurteilen? Und immerhin sind wir seit 25 Jahren in dem Geschäft.

Also: Begonnen hat alles vor 35 Jahren, also kurz nach dem Krieg. Aus einem Stuttgarter Stadtmagazin, das sich ehemals schwungvoll „Ketchup“ genannt hatte, war die „Stuttgarter Illustrierte“ geworden. Und Gastronomie war eine ihrer Kernkompetenzen. Koryphäen wie Rose’N’Kohl, Peter  Silius oder Max Stramm schlichen um den heißen Brei, testeten, kritisierten und bewerteten, was das Zeug, die Leber und der Magen hielten.

Und stellten eines Tages fest, dass es Läden in ihrer Stadt gab, die sie nur von außen kannten, weil sie sich nicht reintrauten – und ihre Leserschaft auch nicht. Das musste sich ändern. Und so zogen sie los: In eine Partyhölle namens Pflaumenbaum, wo die Damentoilette mit „Venus-Hügel“ beschriftet und die Herrentoilette zum Sackleeren da war. In ein kleines Loch namens Tunnelkneipe, wo StammkundInnen im Eisenbahntunnel ihre Wäsche waschen und trocknen durften. Oder ins Tanzcafé Tabaris, wo zwischen Herren- (Pils mit Cognac) und Damen-Gedeck (Piccolo mit Kirschwasser) sauber getrennt wurde, man sich aber ansonsten durchaus näherkam.

Die Resonanz war überwältigend – von angedrohten Prügeln bis hin zu Liebesbriefen älterer Damen. Und nach mehrseitigen Erlebnisberichten wurde das schräge Projekt wieder beendet. Bis vor 25 Jahren die Altvorderen des Stuttgartmagazins LIFT die Mission wieder aufnahmen. Der bis heute würdige Opener in der neuen Reihe „Schräggastro“: Der Wikinger in der Unterführung Charlottenplatz. Mit dem Top-Tipp: „Reservierungen sind eigentlich nicht nötig. Außer man kommt vor 13 Uhr.“ Bis heute richten sich die Öffnungszeiten hier nach dem Stadtbahnfahrplan – nur ohne Nachtruhe.

Und so konnte es weitergehen. Und das ging es auch. Von den Schräggastro-Hotspots Heslach (Fiaker), Ostendplatz (Scheibe) bis Feuerbach (Hawaii Pub) und geilen Pinten im Hauptbahnhof (Schlemmergrill) – wir gehen dahin, wo es auch mal wehtut. Monat für Monat, Jahr für Jahr.

Und damit kommen wir zu Trend Nr. 1: Unkraut vergeht nicht. Für das leise vor sich hin siechende Feld der Schräggastronomie scheint das leider nicht zu gelten. Zwar gibt  es Dauerbrenner, aber es scheint ein Fluch über den Pinten unserer Wahl zu liegen, denn sehr viele von ihnen hat es im Laufe der sehr vielen Jahre dahingerafft. Damit ist unsere journalistische Perle mittlerweile eine Wilhelma in Wort und Bild: ein Schutz seltener Lebensräume, deren Bewohner einer sich durch Jägi und Camel selbst gefährdenden Gattung angehören.

Und 300 Schräggastro-Folgen später können wir feststellen: Trend Nr. 2 ist ungebrochen.  Ohne die Griechen wären wir ein Nixos. So stellte schon der 2012 in Buchform erschienene – passenderweise in der Edition Randgruppe – wunderbare Schräggastro-Reiseführer fest: „90 % der schrägen Gastros sind fest in griechischer Hand, 80 % haben eine vergilbte Ansicht von Korfu an der Wand und 75 % sind untereinander verwandt.“

Dankbar sind wir bis heute für sehr steile Lernkurven, denn wir konnten sehr viel lernen – und werden es sicherlich auch in Zukunft noch. Von Lebensweisheiten („Könnten Arschlöcher fliegen, wäre hier ein Flugplatz“), über knackige Ansagen („Junkies und Parasiten bitte wegbleiben“) bis zum reifen Umgang mit menschlichen Dramen („Willsch mal sehen? Meine Tochter. Die jüngste Drogentote Stuttgarts.“). Ist halt nix für Weicheier, diese Schräggastro.

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Den ganzen Artikel gibt’s in der Ausgabe LIFT 01/26
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