Hedonismus, Heimat und ein Hering

35 Jahre LIFT – Ein Gespräch mit Arne Braun, Ingmar Volkmann, Petra Xayaphoum und Kathrin Stärk

35 Jahre LIFT sind auch 35 Jahre Stadtgeschichte: Wir haben vier ehemalige ChefredakteurInnen zum Gespräch gebeten und blicken zurück auf politische Kämpfe, legendäre Nächte, verschwundene Orte und die Frage, was ein Stadtmagazin eigentlich leisten soll.

Foto: Ronny Schönebaum

35 Jahre LIFT sind auch 35 Jahre Stadtgeschichte, in denen sich die Redaktionen, ihre Arbeitsweisen und vielleicht auch die Ansprüche verändert haben. Wir haben vier ehemalige ChefredakteurInnen zum Gespräch gebeten und blicken zurück auf politische Kämpfe, legendäre Nächte, verschwundene Orte und die Frage, was ein Stadtmagazin eigentlich leisten soll – damals und heute. Ein Gespräch mit Arne Braun, Ingmar Volkmann, Petra Xayaphoum und Kathrin Stärk.

 

Kathrin Stärk Ihr habt das LIFT in ganz unterschiedlichen Zeiten geprägt. Wenn ihr an eure ersten Ausgaben zurückdenkt: Was war das damals für eine Stadt?

Arne Braun LIFT kam aus der Tradition der alternativen Stadtmagazine, und so haben wir uns zu der Zeit auch immer ein bisschen als Opposition verstanden, das ließ später ein wenig nach. Es ging uns zwar auch darum, die Stadtgesellschaft zu informieren, wo man gut essen oder ausgehen kann, aber nicht nur. Nicht zu vergessen: Wir haben uns auch als Gegenmodell zum Zeitgeist-Magazin Prinz verstanden.

Ingmar Volkmann Auch wir wollten Haltung zeigen in den Nuller Jahren. Stuttgart wirkte in dieser Dekade vielleicht etwas unbeschwerter. Es ging viel um Restaurants, Clubs, Ausgehen, Einkaufen und die richtige Sneaker-Marke. Rückblickend würde ich sagen: Das war eine ziemlich hedonistische Zeit.

Petra Xayaphoum Und bei mir war es dann fast das Gegenteil. Wir hatten gerade die Aprilausgabe 2020 fertig produziert – und am nächsten Tag war Lockdown. Plötzlich war niemand mehr in der Redaktion. Drei Ausgaben erschienen gar nicht. Ich hatte Kurzarbeit und habe im Grunde nur noch Instagram bespielt. Das war eine völlig surreale Situation.

Kathrin Wenn ihr an eure jeweilige Zeit beim LIFT denkt, woran denkt ihr als Erstes – außer vielleicht an Gerald, den langjährigen Geschäftsführer?

Arne Es war ein Heft voller Möglichkeiten, denn wir durften noch bis zu 250 Seiten füllen. Also haben wir Dinge ausprobiert, einfach weil wir sie spannend fanden. So haben wir Grafik-Ikonen wie Staeck oder Weidemann fiktive Wahlplakate gestalten lassen, das LIFT-Kabinett mit dem Ministerrat aus der Kultur- und Nachtszene berufen oder später Konzerte und andere Events veranstaltet. Wir waren nicht nur Berichterstatter, sondern Teil dieser Stadtkultur.

Ingmar Auch wir waren gerne Teil der Szene oder wären es gerne gewesen. Dass wir die Stuttgarter Hip-Hop-Szene von den Massiven bis Freundeskreis publizistisch begleiten durften, war für mich das größte Geschenk. Drops an Schwor und Strachi an dieser Stelle und an Gerald Domdey, der zwar nur miserabel Rappen kann, uns als Geschäftsführer aber hat machen lassen, und das als wichtiges Korrektiv mit einem hohen Maß an journalistischem Gespür. Petra Meine Zeit war wiederum von ganz anderen Herausforderungen geprägt. Corona hat die Redaktion praktisch leergefegt. Wir arbeiteten monatelang im Homeoffice. Gleichzeitig ging es darum, das Magazin gestalterisch zu modernisieren und jüngere LeserInnen anzusprechen.

Kathrin Was sich meines Erachtens aber immer durchzog war, dass die Redaktion eine Haltung hatte. War LIFT eigentlich jemals neutral?

Arne Nein, das wollten wir auch nicht sein. Klar war, wir waren gegen Stuttgart 21, wir haben aber genauso gut die grauen Grünen kritisiert, weil wir fanden, dass sie das Rebellische verloren hatten. Erwin Teufel fanden wir eher peinlich. Das gehörte alles zur Folklore dazu.

Ingmar Stuttgart 21 war sicher das prägendste politische Thema meiner Zeit. Nicht nur wegen der Baustelle, sondern wegen der gesellschaftlichen Spaltung damals, die Familien, Freunde und Redaktionen betraf. Der Schwarze Donnerstag ist einer der traurigsten Tage, die ich erlebt habe.

Kathrin Interessant ist aber auch, dass sich Haltung verändert hat. In meiner Zeit war sie weniger laut, sondern zeigte sich eher in Themenauswahl und Sprache: Wir durften noch nicht gendern, haben aber auf Diversität geachtet und versucht, auch queere Lebensrealitäten abzubilden – auch über die jährliche CSD-Berichterstattung hinaus.

Petra Genau. Das Politische steckte oft zwischen den Zeilen. Welche Menschen auf dem Cover zu sehen sind, welche KünstlerInnen vorkommen oder welche Geschichten erzählt werden – das ist ebenfalls Haltung. Wir hatten mehr Schwarze, People of Colour und Frauen drauf und es war uns wichtig, sie selbstbewusst darzustellen. Die Mischung musste stimmen. In der Konzertberichterstattung sollten auch weibliche Artists vorkommen. Ich glaube, wir waren politisch, aber auf eine andere Art. Schließlich haben wir dann auch gegendert. Und uns gefragt, warum sich das die StZN nicht trauen.

Kathrin Wir als Frauen waren für diese Themen auch stärker sensibilisiert. Schließlich mussten wir oft mehr kämpfen. Und ein bisschen Ärger gehörte immer dazu.

Ingmar (lacht) Zu meiner Zeit sowieso. Unser „Creme 21“-Titel war so ein Fall. Wir haben unter dem Titel „Wegziehen, jetzt!“ und der abgewandelten Dose einer bekannten Hautcreme auf die – schon damals – nie enden wollende Dauerbaustelle Hauptbahnhof hingewiesen. Der Hersteller drohte mit rechtlichen Konsequenzen, sollten wir das Motiv noch einmal verwenden.

Arne Legendär auch unser Cover zum Kirchentag: Jesus war vom Kreuz heruntergestiegen und gab sich den fleischlichen Gelüsten hin, mit unübersehbaren Kreuzigungsspuren. Es gab Christen unter unseren LeserInnen, die das überhaupt nicht lustig fanden.

Petra Heute wäre wahrscheinlich schon der Shitstorm schneller da als das gedruckte Heft.

Kathrin Apropos: Ohne despektierlich sein zu wollen, hat man zu deiner Zeit eigentlich noch mit Fax gearbeitet, Arne?

Arne Ja, bei dem Gedanken erklingt eine atonale schräge Melodie in meinem Kopf, soll ich‘s vorsingen? Die gibt es übrigens bis heute in vielen Behörden.

Petra Es gab bis zuletzt Anzeigenkunden, die alles nur per Fax geschickt haben. Das ist dann schon sehr special.

Arne Zu meiner Zeit gab es tatsächlich noch richtige Post. Viele Rezensionsexemplare – also Platten, Bücher, Geschenke – kamen per Paket. Man wusste nie, was der Briefträger mitbrachte.

Ingmar Und manchmal brachte er Überraschungen...

Arne Unser Musikredakteur hatte das Promo-Exemplar von Nordisch by Nature irgendwann in seinen Schreibtisch gelegt und  vergessen, inklusive eines echten Bismarck-Herings, der als Werbe-Gag mitgeliefert worden war. Den hatte er nie ausgepackt. Naja, irgendwann fischelte die komplette Redaktion. Nach aufwändiger Suche fanden wir dann den inzwischen historischen Hering.

Ingmar Das ist schon sehr LIFT.

(alle lachen)

Kathrin Ja, LIFT hatte auch immer etwas Spielerisches.

Arne Absolut. Ohne die irren Geschichten hätten wir nie jeden Monat so viele Seiten füllen können. Da waren etwa die Leningrad Cowboys in Stuttgart, also raus in die Stadt mit den Finnen und ihren Tollen. Die haben sich wie im Kaurismäki-Film flach auf die Königstraße gelegt und wir dokumentierten’s. Die Passanten waren besorgt: „Seid ihr krank?”

Ingmar Es gab einfach unglaublich viel Raum zum Ausprobieren.

Kathrin Das LIFT hat also Kultur nicht nur beschrieben, sondern auch Kultur gemacht. Was machte Stuttgart damals aus?

Arne Es war ein Entdeckergeist spürbar. Wir liefen durch die Stadt, schauten hinter jede Tür. Und daraus wurden Geschichten.

Ingmar Diese Neugier war typisch fürs LIFT. Nicht warten, bis etwas passiert, sondern rausgehen. Zu meiner Zeit war das schon so ein Fan-Boy-Journalismus, der nicht mehr die nötige Distanz kannte. Wir haben Stuttgart gefeiert.

Kathrin Das LIFT hatte ja nicht umsonst den Ruf, hedonistisch zu sein.

Arne Absolut. Aber das bedeutete nicht Oberflächlichkeit. Es ging darum, Kultur zu ermöglichen und Spaß ernst zu nehmen. Deshalb entstanden auch von uns aus Reihen wie die „Montage“, wir machten Radio Harakiri oder Konzerte – und erfanden Großveranstaltungen wie die Lange Nacht der Museen.

Ingmar Das war auch das Schöne an der Arbeit: Man schrieb einen Text über das Rocker 33 und stand zwei Stunden später selbst dort. Später hat dann eine ganze Generation wegen Corona verlernt, in Clubs zu gehen.

Kathrin Viele dieser Orte sind heute verschwunden. Clubs schließen, Zwischennutzungen enden. Aber genau daraus entsteht in Stuttgart immer wieder Neues. Welche Orte vermisst ihr?

Arne In den 90ern waren das auf jeden Fall das Unbekannte Tier, der Hi Club, Zapata.

Ingmar ...bei mir das Prag mit dem 0711 Club oder das schon genannte Rocker 33, das Tonstudio oder das Le Fonque und später das Freund und Kupferstecher. LIFT war meine erste Festanstellung in einer Lebensphase, in der ich nicht immer zwischen Arbeit und Freizeit unterschieden habe.

Kathrin Und dann gab es immer wieder für kurze Zeit so besondere Orte, wie das KimTimJim, ein Club in einem ehemaligen China-Restaurant. Da verdrücke ich manchmal immer noch eine Träne. Oft waren es solche Interimsorte oder Baustellen, die mich an Stuttgart von Anfang an faszinierten. Durch den Raummangel waren viele KünstlerInnen, aber auch die Clubszene immer wieder gezwungen, kreativ zu sein und Neues zu entdecken.

Arne Ich hab ja 1992 zufällig den Bunker unter dem Marktplatz entdeckt, durch ein altes Hotelprospekt. Da unten hingen ja noch Tütenlampen und stand der Rezeptionstresen, heute ist der Bunker die Attraktion bei der Langen Nacht der Museen.

Ingmar Bitte festhalten! Als Trümmerfrauen Stuttgart wieder aufgebaut hatten, hat Arne Braun das Hotel unter dem Marktplatz ausgegraben!

Arne Es gab auch die Reihe „Vergessene Orte“, in der wir die LeserInnen mit auf die Reise durch das Abenteuer Stuttgart nahmen  – ein alter Knast im Westen, die Röhre unter der Röhre. Das war im klassischen Sinne auch konservative Stadtgeschichte, also immer auch Heimat.

Kathrin Die Grenzen zwischen Redaktion und Stadtkultur waren also an dieser Stelle fließend.  Obschon Wasser in Stuttgart weiterhin fehlt. Dabei verspricht die Politik seit Jahrzehnten, nun endlich die „Stadt am Fluss“. Das wäre ja mein Traum. Wie ist das bei euch:  Wenn ihr heute eine Titelgeschichte machen dürftet – ohne Budgetgrenzen, ohne Rücksicht auf Verkaufszahlen – worüber würdet ihr schreiben?

Ingmar Ich würde gerne hart politische Titel machen, angefangen mit einer Rückschau, wer der schlechteste OB Stuttgarts nach dem Zweiten Weltkrieg war. Aktuell wäre bei mir Fritz Kuhn auf Platz 1, 2 und 3. Das wäre aber natürlich völlig unjournalistisch, weil die meisten Menschen gar nicht mehr wissen, wer Fritz Kuhn  war und wie sehr er die Entwicklung der Stadt ausgebremst hat mit seiner angstgetriebenen Politik.

Petra Ich würde ein völlig neues Magazin gestalten. Weniger Text, mehr starke Fotografie, viel Weißraum, digitale Erweiterungen über QR-Codes zu Videos und Podcasts.

Ingmar Also gedrucktes Instagram?

Petra Nee, ein Coffeetable-Book mit Connection zu Online-Inhalten.

Arne Ich würde LIFT wieder zu einem Experimentier- und Denkraum mit einem seriösen journalistischen Rahmen machen. Ein Magazin, das Ideen entwickelt, und qualitätsvollen Service bietet.

Ingmar Dann nehme ich mein lahmes Fritz-Kuhn-Bashing zurück und denke ebenfalls an die Zukunft. Ich würde gerne schreiben, dass der nächste Oberbürgermeister von Stuttgart Arne Braun wird. Slogan: „Wer Braun will, muss Grün wählen.“ Überschrift der ersten Homestory: „Zieht euch warm an. Arne läuft heiß.”

Kathrin Es sind noch zweieinhalb Jahre, um sich warmzulaufen – im Wald, jeden Morgen.

Vielleicht verbindet das alle LIFT-Generationen: dass ein Stadtmagazin mehr sein kann als ein Veranstaltungskalender. Ein Ort, an dem sich Stadt neu denken lässt.

 

Die LIFT-ChefredakteurInnen

Arne Braun (1992 – 2007)

Arne Braun, geboren 1965 in Eschweiler, leitete mehr als 15 Jahre die Redaktion des Stadtmagazins LIFT.

Anschließend beriet er bis 2011 die Landtagsfraktion der Grünen in Sachen Kultur und Sport und machte dort Pressearbeit.

2011 wechselte er mit der grün geführten Landesregierung Kretschmann als Stellvertretender Regierungssprecher ins Staatsministerium. Die dritte Legislatur der Regierung Kretschmann begann er 2021 als Regierungssprecher und beendete sie 2026 als Staatssekretär für Kunst und Kultur.

In seiner Freizeit geht er gerne im Wald laufen, und seit 26 Jahren moderiert er freitags die Musiksendung Radio Harakiri beim Freien Radio für Stuttgart.

Ingmar Volkmann (2007 – 2012)

Ingmar Volkmann, geboren 1977 in Pforzheim, zog 1998 zum Studieren nach Stuttgart. Nach dem Studium der Geschichte, Anglistik und Germanistik in Stuttgart und London volontierte er beim LIFT, dessen Redaktion er sechs Jahre leitete.

Daneben veröffentlichte er unter anderem in der taz und bei 11 Freunde.

Ab 2012 war der semi-talentierte Hobbygärtner bei der Stuttgarter Zeitung mit den Themen Essen, Trinken und Stuttgarts Club- und Subkultur betraut.

2024 wechselte er an die Staatstheater Stuttgart als Referent für Öffentlichkeitsarbeit des geschäftsführenden Intendanten.

Seit Beginn des Jahres 2026 versucht er sich als Sprecher der Stadt Heidenheim an der Brenz auf der wunderschönen Frostalb.

Kathrin Stärk (2014 – 2017)

Kathrin Stärk, Jahrgang 1977, volontierte und arbeitete als Redakteurin bei der Tageszeitung Frankenpost und studierte anschließend International Business and Cultural Studies in Passau.

Seit 2009 ist sie in Stuttgart als Autorin und Konzepterin unterwegs und war nach fünf Jahren als freie Autorin und Ressortleiterin vier Jahre lang Chefredakteurin des LIFT.

2018 wechselte sie ans Theater Rampe, wo sie sich bis 2023 um die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit kümmerte. Als Teil der Gruppe RAMPE 23 arbeitete sie intensiv zu Machtstrukturen, Rassismus, Klassismus und Öffnungsprozessen und bringt in ihren Yoga-Klassen Menschen zum Schwitzen.

Bis Herbst 2025 leitete sie die Kommunikation des ITFS.

Petra Xayaphoum (2019 – 2023)

Petra Xayaphoum ist Jahrgang 1989 und arbeitet als Themenkoordinatorin des Thementeams Stadtgespräch von  Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten (StZN).

Geboren und aufgewachsen in Fellbach, heute in Stuttgart zuhause, kennt sie Stadt und Region wie ihre Westentasche.

Nach einem Bachelor in Kunstgeschichte/VWL in Stuttgart und Master in Europäischer/Ostasiatischer Kunstgeschichte in Heidelberg volontierte sie beim LIFT, wo sie später als Ressortleiterin, Creative Director und Chefredakteurin arbeitete.

Im Pressehaus leitete sie mit Carina Kriebernig das Thementeam Stadtkind, bevor sie die Themenkoordination Stadtgespräch übernahm – mit Fokus auf Lokales, Gastronomie, Kultur und Stadtgeschehen.

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