Wie Instagram unsere Gastro verändert

The Look is King

Foto: Elena Koycheva/Unsplash

Das gastronomische Angebot in Stuttgart ist so vielfältig wie seine Bewohner selbst. Viele Hungrige werfen inzwischen einen Blick auf Instagram, um sich von ansprechenden Food-Fotos der Lokale inspirieren zu lassen.

Diesen Trend macht sich auch das Gardener’s Nosh in der in der Stuttgarter Innenstadt zunutze. Seit März 2008 serviert das Team um Madeleine Al Sahuri-Schwer Frühstück mit ästhetischem Anspruch. Von Anfang an lautete das Konzept, „das Café muss instagrammable sein“, erklärt die Inhaberin. „Die Gestaltung wird in der Gastronomie immer wichtiger.“ Dafür gibt es gute Gründe. Ein schön angerichteter Teller wird fotografiert und in den sozialen Medien geteilt. Die Bekanntheit des Lokals steigt. „Das ist kostenloses Marketing, darin muss man investieren“, so Al Sahuri-Schwer.

The Gardener's Nosh - Foto: Ronny Schönebaum

Mit einem Bloggerfrühstück nach der Eröffnung holte sie deshalb Stuttgarter Influencer ins Boot und pflegt einen professionellen Instagram-Account sowie eine Facebook-Seite. „Es passiert nicht selten, dass die Gäste genau das bestellen, was ihnen auf Instagram gefallen hat.“

Aus diesem Grund gibt es im Gardener’s Nosh sogar ein internes Handbuch für die Küche, damit die Speisen immer gleich aussehen und man den Vergleich mit geposteten Fotos nicht scheuen muss. Über das Tool Facelift Cloud, das sonst hauptsächlich Systemgastronomien nutzen, werden neben tagesaktuellen Inhalten Posts vorgeplant und vorproduziert. Zusätzlich gehen dort alle Beiträge ein, in denen das Gardener’s Nosh verlinkt wird.

Al Sahuri-Schwer versucht, auf jeden Beitrag zu reagieren, sei es mit einem Like oder einem Kommentar, in dem sie sich für den Besuch und das Feedback bedankt. „Das ist sehr aufwändig, aber wir versuchen so unsere Reichweite zu vergrößern.“

Aber das reicht noch lange nicht aus: „Im Moment arbeite ich mich in Tik Tok ein, das vor allem von Jugendlichen genutzt wird. So decken wir alle Altersgruppen ab“, erklärt die Gastronomin. Raffiniert. Aber nicht nur das Essen muss instagrammable sein, auch bei der Einrichtung hat man sich was gedacht: Zum Beispiel werden die Speisen absichtlich auf bunten statt auf weißen Tellern serviert: Weil es auf Bildern besser aussieht. „Ein schönes Ambiente weckt positive Emotionen, die in die sozialen Medien übertragen werden“, so Al Sahuri-Schwer.

Wilma Wunder - Foto: Ronny Schönebaum

Das Studio Komo in Stuttgart ist auf Gastronomie-Interieur spezialisiert. „Bei der Einrichtung der Lokale wird die Instagram-Tauglichkeit mittlerweile vorausgesetzt“, sagt Geschäftsführer René Rauls. Um das zu erreichen, arbeitet er hauptsächlich mit einheitlichen Schriftzügen und Farben. „Es wird eine Corporate Identity geschaffen, die über alle Kanäle gleich wahrgenommen wird. Die Gastronomen setzen auf den Wiedererkennungswert ihres Lokals in den sozialen Medien.“ Diesen Effekt erreicht zum Beispiel das Wilma Wunder am Rotebühlplatz über eine ausladende Blumenwand, die sich auf fast allen Fotos der Gäste oder des Firmenaccounts wiederfindet.

Aber wie sieht die Kehrseite des Instagram-Trends aus? Die Gastronomen laufen Gefahr, sich in der Präsentation ihrer Angebote zu verlieren. So liest man auf der Facebook-Seite des Gardener’s Nosh neben appetitanregenden Fotos Kommentare wie „Ich wollte mit einer Freundin gemütlich frühstücken gehen, da die ersten Eindrücke von den Bildern echt schön ausgesehen haben. Wir sind aber sehr unfreundlich bedient worden [...], wir haben über eine Stunde auf das Frühstück gewartet [...], das Essen kam in solchen Abständen, dass die Eier kalt waren.“

Das Blau - Foto: Ronny Schönebaum

„Wir sind Menschen und Fehler passieren“, heißt es zu Fällen wie diesen aus dem Blau in der Breitscheidstraße. „Aber mit anonymer Kritik können wir nichts anfangen. Wir haben einmal ein Foto, das gerade erst aufgenommen wurde, mit einer vernichtenden Kritik bei Instagram entdeckt. Die Gäste saßen sogar noch am Tisch. Bei der vorherigen Nachfrage durch den Kellner wurde die Kritik mit keinem Wort geäußert.“

So wichtig Feedback auch ist – im Nachhinein kann man Fehler nicht wiedergutmachen, weiß auch Al Sahuri-Schwer. Ihrer Erfahrung nach posten Gäste eher, wenn ihnen etwas nicht gefallen hat, denn eine positive Erfahrung wird im Restaurant vorausgesetzt. So bekommt der Gast eine große Macht über die Außenwirkung des Lokals.

„Es darf aber nicht passieren, dass die Gäste meinen, bei der Ladenführung mitbestimmen zu können. Wenn wir lesen, dass jemand droht, uns so lange zu meiden, bis ein bestimmter Mitarbeiter gefeuert wird, geht es zu weit.“

Auch das Blau will sich bei der Konzeption nicht reinreden lassen: „Als Gastronom muss man authentisch bleiben. Deshalb bieten wir Online-Bewertungen so wenig Plattform wie möglich. Wir haben keinen Facebook- oder Instagram-Account – nicht mal einen Namen über der Tür.“ Dementsprechend werden nur wenige Gäste durch Online-Werbung angezogen. Es sind hauptsächlich Nachbarn und Freunde, die bereits wissen, was sie erwartet. Das Team sagt: „Wir möchten, dass man sich hier unterhält und das Essen genießt und nicht zu sehr vom Handy abgelenkt wird.“

La Casa del Consumo - Foto: Ronny Schönebaum

Auch La Casa del Consumo in der Heusteigstraße hält sich weitestgehend fern von sozialen Medien. Service-Chef Antonino Venezia freut sich zwar, wenn das Restaurant online positiv wahrgenommen wird, aktiv präsentiert es sich aber nur bei Facebook – und zwar ohne viele Bilder.

„Wir wollen den Gästen nicht zu viel vorwegnehmen“, sagt Venezia. Jeder solle sich seinen eigenen Eindruck verschaffen. „Außerdem hat man uns gesagt, dass die Beleuchtung hier für Fotos ohnehin sehr ungünstig ist“, lacht er.

Umso charmanter wirken die Lichterketten an der Decke dafür in echt. Man kann halt nicht alles haben. Für das Restaurant ist Essen etwas Familiäres, das nicht unbedingt nach außen getragen werden muss. Die Gerichte werden in großen Gruppen geteilt, wer etwas besonders gerne mag, muss schnell sein und nicht noch vorher zig Fotos schießen. „Wir servieren keine perfekt angerichteten Speisen, sondern Cucina povera“, sagt er. „Das ist eine ländliche Küche, bei der es hauptsächlich um gute Zutaten geht.“ Deko findet sich auf den Tellern keine.

So sehr sich die Social-Media-Ansätze der Stuttgarter Gastronomen unterscheiden, in einem sind sie sich einig: „Die Qualität des Essens steht an allererster Stelle. Die Gäste sollen schließlich wiederkommen.“ 

Text: Isabel Franke
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