Träume oder Schäume?

Im Kessel könnten besondere Orte entstehen – aber wie realistisch sind die Utopien?

Eine stillgelegte Brücke als öffentlicher Park? Was New York hat, könnte es auch in Stuttgart geben – die Stadt muss es nur wollen. Auch bei manch anderen visionären Ideen für den Kessel liegt es in der Hand der Politik, aus Utopien Wirklichkeit werden zu lassen.

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Man kann aber auch auf das Helmut Schmidt-Zitat pfeifen und so lange beharrlich bleiben, bis man auch den letzten von seiner Vision überzeugt hat.

So wie Peter Mielert zum Beispiel. Schon 1998 hatte der Architekt und Bezirksbeirat in Bad Cannstatt die Idee, die Rosensteinbrücke über dem Neckar zu einem Park umzufunktionieren. Die wird jetzt nach der Fertigstellung von S21 und der Inbetriebnahme der neu gebauten Eisenbahnbrücke tatsächlich nutzlos – und könnte von der Bahn abgerissen werden.

Für Mielert eine vertane Chance, zumal der geplante Steg für Fußgänger und Radfahrer unter der neuen Brücke keine Alternative ist: „Ein 4,5 Meter breiter Steg, über dem Züge fahren, bietet keinerlei Aufenthaltsqualität“, sagt Mielert.

Sein Vorschlag: Die Stadt kauft der Bahn die Rosensteinbrücke ab und ermöglicht so nicht nur eine Verbindung zwischen dem Schlossgarten und Bad Cannstatt, sondern auch einen Ort zum Verweilen über dem Fluss – mit einer Länge von 320 Metern und 16 Metern Breite böte die Brücke die einmalige Gelegenheit, einen besonderen Ort für Stuttgart zu schaffen.

Lange stieß Mielert mit seiner Idee auf Skepsis. Erst 2014 kam wieder Bewegung in die Sache, als der Ingenieur Frank Schächner, dessen Büro die neue Eisenbahntrasse plant, dieselbe Idee hatte und die „Initiative Rosensteinbrücke“ ins Leben rief. Als Vorbild für ihre Vision nennen beide die „High Line“ in New York – auch hier wurde eine alte Güterbrücke zu einem beliebten öffentlichen Ort umfunktioniert. „Man spürt mitten in der lauten Stadt die Ruhe, es ist wirklich ein Knaller“, schwärmt Schächner.

Die Rosensteinbrücke könnte ihr Vorbild aber sogar übertreffen. Ideen für eine zukünftige Nutzung gibt es viele – neben der Begrünung ist von Gastronomie, wie etwa einem Stadtstrand oder einer Bar in einem Eisenbahnwaggon, einem Spielplatz, einer Skateranlage oder sogar einem Basketballplatz alles denkbar. Das gilt auch für einen Zugang zum Neckar: „Wenn man den Bogen öffnet und Treppen baut, könnte man direkt ans Wasser“, so Schächner. Theoretisch sei es sogar möglich, einen an der Mittelinsel festgemachten „schwimmenden Pool“ in den Neckar zu bauen, wie es beispielsweise in Berlin realisiert wurde.

Eine Chance bieten auch die beiden in Zukunft ungenutzten Tunnel hinter der Brücke. In einem können sich die Vordenker eine gastronomische oder kulturelle Nutzung vorstellen – etwa eine Neuauflage der „Röhre“. Der zweite würde sich dagegen ideal für einen Radschnellweg geradewegs zum Hauptbahnhof anbieten, angefangen beim Cannstatter Bahnhof.

Klingt nach Utopie? Tatsächlich ist der Abriss der Brücke – so zumindest das Ergebnis einer Stuttgarter Masterarbeit – teurer als ihr Erhalt. Dank ihres guten Zustands würde der Umbau nur wenige Millionen Euro kosten. Stattdessen kann die Bahn die Brücke aber auch einfach absperren und die Tunnel zumauern. Zum Abriss sei sie nicht verpflichtet, so Ingenieur Schächner.

Oberbürgermeister Fritz Kuhn und Baubürgermeister Peter Pätzold sind von der Vision durchaus angetan. Auch beim Ideenwettbewerb zur Neugestaltung des Neckarknies war der Brückenerhalt in sieben von zehn Vorschlägen vorgesehen, wenn auch nicht im Siegerentwurf enthalten. Im Gemeinderat war die Rosensteinbrücke bislang jedoch kein großes Thema.

Das soll sich nun ändern: Einer, der besonders für die Idee brennt, ist Thorsten Puttenat. „Das wäre ein liegender Leuchtturm für Stuttgart, ein echtes Wow-Ding für alle, die die Stadt besuchen“, glaubt der Stadtrat von den Stadtisten und sucht deshalb das Gespräch mit allen Fraktionen des Gemeinderats. Bei den Grünen rennt Puttenat damit offene Türen ein: „Wir sind schon seit Langem dafür. Bislang gab es aufgrund der Skepsis bei SPD, CDU und Freien Wählern keine Mehrheit im Gemeinderat“, sagt Stadtrat Björn Peterhoff. Seit der Wahl seien die Karten aber neu gemischt. „Jetzt werde ich alles dafür tun, um eine Mehrheit zu finden“, verspricht er. Immerhin: Eine Machbarkeitsstudie hat die Stadt bereits in Auftrag gegeben.

Dass aus einem Ort, der ursprünglich dem Verkehr vorbehalten war, ein Ort der Begegnung und des urbanen Lebens werden kann, hat Stuttgart bereits unter der Paulinenbrücke am Österreichischen Platz in S-Mitte bewiesen. Wo bis zum Frühjahr 2018 noch Autos parkten, entstand durch das Projekt Stadtlücken ein Experimentierfeld für das Zusammenleben der Zukunft – mit Open Air-Kino, einer Boulderanlage, einem Stadtregal für Foodsharing sowie Eventflächen für den Austausch von Initiativen und Kreativen.

Obwohl das Projekt Stadtlücken jetzt endete, könnte der ehemalige Parkplatz bald dauerhaft zu einem Raum für Alternativkultur werden: als kooperativer Stadtraum mit Bandproberäumen, Ateliers, Foodsharing und urbanen Bewegungsflächen.

So zumindest der Plan des Vereins Stadtlücken, der die Errichtung einer Freitreppe vorsieht, die die Stadtteile Mitte, Süd und das Heusteigviertel miteinander verbinden und zugleich als Tribüne fungieren soll. „Wir wünschen uns einen Begegnungsraum für alle, einen kreativen Ort, an dem Ideen entstehen, die die Stadt besser machen“, erklärt Hanna Loller von Stadtlücken. Solche Orte seien wichtig für eine Stadtgesellschaft.

Ein Antrag für den Doppelhaushalt ist gestellt, nun liegt es an der Stadt, ob aus dieser Vision Wirklichkeit wird. Die Chancen stehen nicht schlecht: Die Grünen haben die Ideen zur Umgestaltung in einem eigenen Antrag aufgegriffen und schlagen Container als Proberäume für Bands, ein Gastronomieangebot sowie eine programmatische Gestaltung vom Off-Kultur-Projekt Containt vor.

Will man aus Unorten wie einem Parkplatz  einen Raum für mehr Lebensqualität im Kessel schaffen, muss man sich an die Gegebenheiten anpassen und improvisieren. Anders ist es, wenn man gleich einen ganz neuen Stadtteil erfinden darf – entsprechend groß haben die Stuttgarter Architekten von ASP und Koeber Landschaftsarchitektur bei ihrem Siegerentwurf für das Rosensteinquartier in S-Nord gedacht. Ihre Vision für die Stadt der Zukunft ist einerseits dicht und urban, andererseits radikal grün und bietet möglichst viel Freiraum.

Das neue Quartier, das nach Fertigstellung von S21 auf frei werdenden 85 Hektar entstehen wird, soll autofrei sein und dank Quartiersgarage und E-Carsharing trotzdem Mobilität ermöglichen. Nachhaltig wird der Entwurf unter anderem dank eines eigenen Energie- und Stoffkreislaufkonzepts.

Seen – theoretisch sogar mit Badequalität – sollen den Aufenthalt verschönern und Nachbarschaftshäuser in den kleinteiligen Kiezen für soziale Mischung und Interaktion sorgen. „Der größte utopische Freiraum ist der große Gleisbogenpark als zentrales Element, das den Nordbahnhof und das Rosensteinquartier miteinander verbindet“, erklärt der ASP-Architekt Markus Weismann. Er soll keine Erweiterung zum Schlosspark sein, „sondern ein Freiraum, den die Bürger gemeinsam mit Planern gestalten“.

Eine Besonderheit soll auch das neue Kreativquartier bei den Wagenhallen werden: die sogenannte Maker City. Auf 24.500 Quadratmetern könnte ein Experimentierfeld für die Stadt der Zukunft entstehen – mit einer Mischung aus Kunst, Gewerbe, Wohnen und Forschung in flexibler und innovativer Holzbauweise. 

Aber: Kommt das auch wirklich so? „Wir haben das Leitbild entwickelt, legen aber nur das Skelett des Quartiers fest“, erklärt Weismann. Was tatsächlich umgesetzt werde, müsse zwischen Politik, Verwaltung und Stadtgesellschaft ausgehandelt werden. Bei der Vorstellung ihrer Ideen im Bezirksbeirat mussten sich die Architekten aber auch skeptischen Fragen stellen. „Alle reden von Wien, Zürich oder Kopenhagen, aber keiner hat den Mut, hier so etwas zu bauen“, kritisiert Weismann.

Seine Hoffnung für das Stuttgart der Zukunft: „Man sollte nicht klein denken, sondern sich zusammensetzen und gemeinsam eine Vision entwickeln.“ Gerne auch mit politischem Druck aus der Stadtgesellschaft.          

Illustrationen: Paulina Eichhorn, Text: Frank Rudkoffsky
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