Gaming wird immer populärer – auch im Kessel können manche schon vom E-Sport leben

Stuttgart zockt

Fotos: Ronny Schönebaum, Luca Jebautzke

Misst man den Wert einer Sportart an ihren Preisgeldern, sehen einige traditionelle Disziplinen inzwischen ganz schön alt aus: Bei dem E-Sports-Turnier The International wurden 2019 für die besten vier Teams des Spiels Dota 2 ganze 34 Millionen Euro ausgeschüttet. Die Weltmeisterschaft des Games Fortnite war mit 30 Millionen Euro kaum schlechter dotiert – und brachte dem Sieger des Solo-Events mit drei Millionen Euro sogar mehr ein als ein Wimbledon-Sieg im Tennis.

In Asien füllen Gamer Stadien und sind oft bekannter als Fußballstars, anders als bei der Olympiade dürfen sie 2022 sogar bei den Asienspielen antreten. In Deutschland wird dagegen noch immer diskutiert, ob das professionelle Zocken überhaupt Sport ist.

Dabei gibt es längst auch hierzulande Spieler, die ihr Hobby zum Beruf gemacht haben – so zum Beispiel der Stuttgarter Marko Dordević, der als „Kressy“ bereits vierfacher deutscher Meister im Ego-Shooter CS:GO („Counter-Strike: Global Offensive“) ist. Seit mehr als zwei Jahren kann er von seinen Preisgeldern leben, dafür muss er sich aber auch in Vollzeit dem Spiel widmen. „Im August gab es eine Phase, in der ich drei Wochen lang jeden Tag spielte – auch an den Wochenenden“, sagt Dordević, der bereits in der ausverkauften Kölner Lanxess-Arena auf der Bühne zockte.

„Ich verdiene allerdings nur ein Zehntel von internationalen Topspielern, da können es locker 50.000 Euro im Monat sein“, sagt der Gamer. Ein Grund mehr für ihn, in Zukunft verstärkt international anzugreifen. Allein mit dem Spielen von Turnieren ist es dabei nicht getan. Um mit der Spitze mithalten zu können, braucht es regelmäßige Trainingseinheiten, Taktikschulungen und Analysen. Dafür hat Alternate Attax – das Team, bei dem „Kressy“ unter Vertrag steht – ein eigenes Trainingszentrum in Linden, wo die Spieler sich vor wichtigen Turnieren zusammenfinden.

„Das ist wie ein Fußballtrainingslager, schließlich geht es auch um die Team-Chemie“, so der 23-Jährige, der sich vor allem durch sein taktisches Spiel auszeichnet: „Viele andere preschen bloß voran und wollen den Fame. Ich stelle mich eher in den Dienst des Teams und opfere mich schon mal, wenn es uns hilft.“

Wenn seine Reaktionszeit eines Tages nachlässt, könnte er sich daher eine Laufbahn als Trainer oder Manager vorstellen – seine Zukunft sieht Dordević auf jeden Fall im Gaming.

Wirtschaftlich hat die Spielein-dustrie die Film- und Musikbranche längst hinter sich gelassen, für 2020 prognostiziert das Datenportal Statista einen weltweiten Umsatz von 85 Milliarden Dollar. Die Games werden nicht nur auf Youtube oder über die Streaming-Plattform Twitch übertragen, sondern auch auf Fernsehsendern wie Pro7 Maxx oder Sport1. Laut dem Verband der deutschen Games-Branche hat schon jeder fünfte Deutsche ein E-Sports-Match gesehen. Kein Wunder also, dass Daimler als Großsponsor den Turnierveranstalter ESL unterstützt, die Stuttgarter Firma Recaro spezielle Gaming-Seats entwickelt – oder der VfB Stuttgart wie viele andere Bundesligis-ten ein eigenes E-Sports-Team für das Spiel Fifa unterhält.

„Der VfB hat sich schon in einer sehr frühen Phase mit E-Sports beschäftigt“, sagt Christian Ruf, Bereichsleiter Digitaler Vertrieb, Clubs und Fan-Service. „Wir wollen auch diejenigen erreichen, die sich nicht so sehr für den klassischen Fußball interessieren.“

Derzeit hat der VfB zwei Youtuber sowie vier Spieler unter Vertrag, die in der Virtual Bundesliga oder bei internationalen Turnieren an den Start gehen – alle von ihnen wohnen in oder in der Nähe von Stuttgart.

Niklas „nik-lugi“ Luginsland gehört seit 2018 zum Team. Er steht bei einer Spieler-Agentur unter Vertrag und hat mehr als 12.000 Instagram-Follower. „Davon leben kann ich derzeit aber noch nicht“, sagt Luginsland, der parallel zur E-Sports-Karriere seinen Master macht. Das Schöne an E-Sports: Obwohl er aufgrund seiner Glasknochenkrankheit im Rollstuhl sitzt, kann Luginsland Leistungssport betreiben – denn Sport ist es für ihn auf jeden Fall: „Man braucht Konzentration, Schnelligkeit, Reaktionsvermögen und eine gute Hand-Auge-Koordination“, sagt er. Wenn selbst Schach ein Sport sei, könne man das den E-Sports nicht absprechen.

Fotos: Ronny Schönebaum, Clutch23, Alternate Attax

Längst gibt es zwischen den Konkurrenten einen Wettkampf um die besten Talente, so wechselte der Top-Spieler des VfB, Erhan Kayman, im Sommer ausgerechnet zum Erzrivalen Werder Bremen. Um sich besser aufzustellen, wird der VfB in Zukunft durch das Fellbacher Unternehmen Clutch23 als Kaderschmiede unterstützt.

„Wir wollen die Ausweitung auf weitere Spiele vorbereiten sowie für das Fifa-Team des VfB neue Talente scouten und ausbilden“, so Geschäftsführer René Weimar. Als Spieler brauche man über das Spiel hinaus auch Kompetenzen bei Social Media, dem Streamen von Matches sowie Turniererfahrung in großen Arenen.

Seit 2018 betreibt die E-Sports-Event-Agentur Clutch23 auch die erste Gaming-Bar der Region – auf 250 Quadratmetern und mit über 20 Spielstationen. Aufgebaut wie ein Club mit Tanzfläche und DJ-Kanzel, können die Gäste in Fellbach kostenlos mit Freunden an Konsolen zocken oder zum Public Viewing von E-Sports-Events zusammenkommen.

„Bei der Weltmeisterschaft des Spiels League of Legends sahen hier über 100 Leute zu“, sagt Weimar. An eigenen Turnier-Events nehmen sogar bis zu 130 Gamer teil. Eine reine E-Sports-Bar soll das Clutch23 jedoch nicht sein: „Wir möchten ein breites Publikum ansprechen. Aber das Interesse der Gamer, sich persönlich zu treffen, wird immer größer.“

Davon zeugen auch die E-Sports-Vereine in Stuttgart und der Region. Die rund 90 Mitglieder von Engines Stuttgart nehmen nicht nur erfolgreich an Uni-Ligen teil, sondern besuchen auch gemeinsam die Gamescom-Messe in Köln oder andere Vereine.

Dem Vorsitzenden Luca Jebautzke geht es aber um mehr: „Wir wollen E-Sports auf Messen wie kürzlich beim Stuttgarter Morgenmacher-Festival oder durch Workshops repräsentieren und bekannter machen, auch bei den Parteien.“ Von Ländern wie Dänemark, Schweden oder in Asien sei Deutschland noch immer weit entfernt. „Es wäre gut, wenn es als Sport anerkannt würde – oder zumindest die Vereine als gemeinnützig“, so Jebautzke.

Auch Robin Brauer von E-Sports Ludwigsburg ist von der Entwicklung in Deutschland ernüchtert. „Die Gamer und Vereine sind da und bereit, aber die Strukturen fehlen“, beklagt er sich über mangelnde Unterstützung aus der Politik. Bereits 2017 veranstaltete seine E-Sports-AG deshalb ein zweitägiges Symposium mit hochkarätigen Sprechern aus der Szene und strebt auch weiterhin eine stärkere Vernetzung an.

Aber auch zwischenmenschlich erfüllen die Vereine für Brauer eine wichtige Funktion: Man achtet aufeinander. In Ludwigsburg ist man dafür aktuell besonders sensibilisiert. Ein erst frisch ins Team aufgenommener Student wurde im November 2019 tot vor seinem PC gefunden. Der an Diabetes erkrankte 18-Jährige hatte im Spielrausch vergessen, sich Insulin zu spritzen. Eine Verkettung unglücklicher Umstände zwar – aber auch ein Anlass, in Zukunft stärker aufeinander aufzupassen. „Weil die Spiele darauf ausgelegt sind, dass man möglichst viel Zeit mit ihnen verbringt, sind gerade junge Menschen suchtgefährdet“, warnt Brauer.

Er selbst spielt zwar auch zwei Stunden am Tag, eine Profikarriere strebt er aber nicht an. Dafür sei er zu sehr in die Organisation des Vereins eingebunden – „und leider auch einfach nicht gut genug.“ 

 

Clutch23 [Pestalozzistr. 102, Fellbach, Di-Do 16-23, Fr 16-1:30, Sa je n. Veranst., Termine auf www.clutch23.com]

Text: Frank Rudkoffsky
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