VERZICHTEN AM TAG, GENIESSEN AM ABEND

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Am 6. Mai beginnt der Ramadan. Wie erleben Stuttgarter Muslime den Fastenmonat?

Foto: Ronny Schönebaum

Diella Jezerci, 20 Jahre „Ich freue mich auf den Ramadan, da diese Zeit meine Familie noch fester zusammenschweißt. Während der ersten Tage fällt mir das Fasten noch schwer, am Ende des Monats würde ich aber am liebsten verlängern. Das Fasten wird bei uns üblicherweise mit einer ungeraden Anzahl an Datteln gebrochen. Speziell in meiner Familie wird an Ramadan jeden Tag traditionell Albanisches gekocht. Neben beispielsweise Fasul, einem Bohneneintopf, Brot, Salaten, Flia sowie verschiedenen Pite und Börek darf selbstgemachter Schwarztee nicht fehlen. Oft wird gegenseitig auf ein gemeinsames Fastenbrechen, Iftar genannt, eingeladen. Am Ende des Monats gehen wir morgens für das Gebet in die Moschee und verbringen den restlichen Tag mit der Familie. Die Wohnung wird festlich dekoriert, es gibt ein schönes Festmahl, Kinder werden beschenkt und es gibt traditionelle Süßigkeiten wie Baklava oder Ravani. In der Schulzeit wurde ich oft gefragt, ob das Fastenbrechenfest für uns wie Weihnachten für die Christen sei – tatsächlich gilt das für den ganzen Monat.“

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Mohamad S., 18 Jahre „Das Schönste am Ramadan ist, dass die Familie beim Fastenbrechen fast immer zusammen an einem Tisch isst, die Atmosphäre ist dabei immer etwas Besonderes. Abends essen wir immer Fattusch und selbstgemachte Pommes. Ans Fasten am Tag gewöhnt man sich nach einer Woche, diesmal wird es aber sicher anstrengender als sonst, weil ich Prüfungen habe. Als ich noch kleiner war, habe ich öfter heimlich etwas gegessen, inzwischen halte ich aber immer bis zum Abend durch. Es gibt oft auch witzige Momente beim Ramadan: Vor ein paar Jahren war ich mit meiner Familie im Supermarkt und kaufte mir einen Eiskaffee. Ich bin ein bisschen vorgegangen und habe ihn aus Reflex gleich getrunken – bis mein Bruder mich darauf ansprach, was ich da mache. In diesem Augenblick war das etwas peinlich, aber auch lustig. Am Ende des Ramadans gibt es das „Zuckerfest“, das eigentlich Fest des Fastenbrechens oder Eid al-Fitr heißt. Nach dem Monat freue ich mich immer ganz besonders auf gefüllte Weinblätter.“

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Faduma Khaire, 21 Jahre „Besonders ist für mich die spirituelle Atmosphäre, die in der Familie und auch im Freundeskreis entsteht. Das Zusammensein mit der ganzen Familie, die vielen Einladungen zum gemeinsamen Fastenbrechen mit Freunden oder in der Moschee sind toll. Die Regeln empfinde ich nicht als streng, weil es ja auch Ausnahmen gibt. Mein 11-jähriger Bruder muss noch nicht fasten, trotzdem fastet er oft für halbe Tage mit, um sich mit uns zu solidarisieren. In meinem Umfeld nehmen manche fast zu viel Rücksicht und fragen mich, ob sie vor mir einen Schluck Wasser trinken dürfen – aber das ist natürlich eine süße Geste. Während des Monats versuchen wir so oft es geht, an den gemeinsamen Nachtgebeten in der Moschee teilzunehmen. Auch ist es uns wichtig, gemeinsam an einem Tisch das Fasten zu brechen – und zwar mit unseren geliebten Sambusas, somalischen Teigtaschen gefüllt mit Hackfleisch und Gemüse, die meine Mutter nur während des Ramadan macht. Leider lebt ein Großteil unserer Verwandten in Somalia, im Ramadan vermissen wir sie ganz besonders.“

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Christina Bezzoubir, 38 Jahre „Alles, was einem sonst im Jahr so furchtbar wichtig erscheint, verliert im Ramadan plötzlich an Bedeutung, und man erkennt, was eigentlich im Leben wichtig ist: die Beziehung zu Gott und das Zusammensein in der Familie. Meine jüngste Tochter ist erst zehn, sie will es an den Wochenenden oder in den Ferien unbedingt mit dem Fasten versuchen. Während der Schulzeit erlaube ich es ihr nicht, damit sie sich konzentrieren kann. Meine Söhne sind 17 und 16 und fasten bis auf Ausnahmen komplett. Wenn es ihnen nicht gut geht, brechen sie das Fasten ab und holen die Tage nach. Viele meiner Freunde haben eine Spezialität aus ihrer Heimat, die im Ramadan immer dabei sein muss. Bei uns ist das Burek. Diese gefüllten Teigtaschen aus Nordafrika gibt es bei uns jeden Tag im Ramadan – und auch nur dann. Traditionell in Algerien ist eine spezielle Suppe, Harira genannt. Mein Mann ist leider der einzige von uns, der sie mag. Einmal war er morgens noch nicht ganz wach und trank in der Küche einen Kaffee . Als ich ihn an den Ramadan erinnerte, fiel er aus allen Wolken. Damit ziehe ich ihn noch heute auf.“

Die Regeln

Während des Ramadan, der immer im neunten Monat des islamischen Mondkalenders stattfindet und damit alle Jahreszeiten durchäuft, dürfen Muslime zwischen Sonnaufgang und -untergang weder essen noch trinken und müssen auch auf Tabak oder Sex verzichten. Abends wird dann in der Familie oder mit Freunden gemeinsam das Fasten gebrochen und traditionell gekocht.

Am Ende gibt es ein großes Fastenbrechenfest – das Zuckerfest ist der zweitwichtigste islamische Feiertag nach dem Opferfest. 2019 dauert der Ramadan vom 6. Mai bis zum 5. Juni an.

 

Die Ausnahmen

Chronisch Kranke, Reisende oder Altersschwache sind vom Fasten ausgenommen, dasselbe gilt für schwangere, stillende und mens-truierende Frauen. Kinder müssen erst ab der Pubertät am Ramadan teilnehmen. Setzt man aus zwingenden Gründen das Fasten aus, kann man die Tage auch eigenständig nachholen.

Allerdings herrscht besonders in streng islamischen Ländern ein großer sozialer Druck, das Fasten durchzuhalten – für Leistungssportler, Diabetiker, Alte oder Menschen mit Herzproblemen gehen damit große gesundheitliche Risiken einher.

 

Die Risiken

„Fasten kann durchaus positive Effekte auf den Körper haben“, sagt Stephan Bischoff, Ernäh­rungsmediziner an der Universität Hohenheim. Den Verzicht auf jegliche Flüssigkeitszufuhr sieht er jedoch äußerst kritisch. „Auf Kaffee, Cola oder Säfte kann man problemlos verzichten, nicht aber auf Wasser“, sagt Bischoff und warnt vor den Gefahren einer Dehydrierung. „Weil sich die Durchblutung verschlechtert, sinkt die Konzentration und es kann schnell zu Kreislaufproblemen kommen. Das Herz muss mehr arbeiten, um die Sauerstoffversorgung zu gewährleisten“, so der Ernährungsmediziner. Dadurch können besonders Schüler in ihrer Leistungsfähigkeit beeinträchtigt werden, auch herrscht ein größeres Risiko bei Berufen mit Verantwortung für andere – etwa Ärzten oder Busfahrern. Ebenso wird körperliche Arbeit – besonders im Sommer – durch den strikten Verzicht auf Wasser zur  Belastung für den Körper. Viele Muslime verzichten im Fastenmonat zudem auf ihre Medikamente und setzen so ihre Gesundheit aufs Spiel.

Ärzte appellieren deshalb an Muslime, verantwortungsvoll mit dem Fasten umzugehen – schließlich gibt es im Koran auch das Gebot, für die eigene körperliche Unversehrtheit zu sorgen.

Texte: Frank Rudkoffsky
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