Lost Places

Fotoa: Benjamin Seyfang, Text: Petra Xayaphoum

Die Schönheit des Zerfalls

Die Kopflampe klickt, der Geruch von frischer Erde mischt sich mit dem von modrig-abgestandener Luft, als wir uns rückwärts in ein Erdloch im Wald hinabgleiten lassen. Es wird dunkel. Nur wenige Meter weiter spüren wir festen Boden unter den Füßen und richten uns auf. Es dauert, bis sich die Augen an das Stockdunkel des Nazi-Bunkers gewöhnt haben, die Stirnlampe hilft kaum.

„Ich habe hier noch Scheinwerfer“, sagt Benjamin Seyfang und reicht uns einen Würfel, der im Bruchteil einer Sekunde den ganzen Stollen illuminiert. Der Fotograf ist gut ausgerüstet, er ist nicht zum ersten Mal tief unter der Erde. Lost Places, verlassene Orte, sind seine Leidenschaft. Die spürt der Nürtinger auf, besucht und erkundet sie, hält ihren Zustand fotografisch fest und präsentiert das eine oder andere Foto auch der Öffentlichkeit – bei Ausstellungen und auf seinem Blog www.cross-the-line.org.

Durchgängiges Muster: Der genaue Standort wird nicht verraten. Das ist ungeschriebenes Gesetz der Lost-Places-Community. „Es soll nichts kaputt gemacht oder gestohlen werden, ein respektvoller Umgang mit den Orten ist wichtig“, verrät der 31-Jährige. Viele Leute nehmen aus den verlassenen Villen, Bergwerken oder Gärtnereien Gegenstände mit, verewigen sich mit Graffiti, zerstören mutwillig die Einrichtung oder reißen die Kabel aus der Wand, um an das wertvolle Kupfer zu kommen. Daher ist das Credo der Lost-Places-Community, den ohnehin voranschreitenden Verfall nicht durch eigenes Zutun zu beschleunigen. In Zeiten von Fotosensationalismus wächst die Gruppe stetig und fängt dabei auch Leute ein, die für ein gutes Bild so ziemlich alles tun würden. Mehr jedenfalls als den Hausfriedensbruch, den  die meisten der Lost-Places-Fotografen billigend in Kauf nehmen, wenn sie fremdes Gelände betreten. Um wegen Hausfriedensbruch belangt werden zu können, muss man im Übrigen in situ erwischt werden. „Mit Gewalt verschaffe ich mir grundsätzlich keinen Zutritt, das ist absolut tabu. Wenn aber hoch oben im zweiten Stock das Fenster offen oder eingeschlagen worden  ist, versuche ich auf jeden Fall hochzuklettern“, erklärt Benjamin Seyfang.

Erwischt wurde er zwar bereits ein paar mal, die schlimmste Konsequenz war jedoch bisher, dass er die Fotos löschen musste. „Wenn die Leute verstehen, dass man eigentlich nur der Fotografie wegen da ist und kein Einbrecher, sind sie meistens schon milde gestimmt“, so Seyfang. Einbruch und Diebstahl sind genauso ein No-Go wie die Zerstörung der Lost Places.

Den eingeschworenen Lost-Places-Fotografen wäre es am liebsten, die Orte würden geschützt, damit möglichst lange der Zauber konserviert wird, den ein früher mit Leben gefüllter und nun stillgelegter Ort mit sich bringt. „Es ist, als wäre hier die Zeit stehengeblieben“, gerät Seyfang ins Schwärmen und zeigt dabei auf eine alte Blechbüchse aus der Kriegszeit, die in einer feuchten Mulde vor sich her rostet.

Wenn aber keiner verrät, wo er eigentlich seine Aufnahmen gemacht hat, wie kommt man dann überhaupt an neue Orte? „Ein Freund hat diesen Bunker gefunden und den Zugang freigelegt“, berichtet Seyfang, während er beim Verlassen das Loch im Wald sorgfältig wieder mit Ästen zudeckt. Infos, die er beim Durchforsten von Archiven fand, wiesen jenem Freund damals den Weg.

„Außerdem stellen auch andere Fotografen ihre Bilder ins Netz“, sagt Seyfang. Die könne man kontaktieren und versuchen, ihnen die entsprechenden Infos zu entlocken, manchmal im Tausch gegen einen Ort, den man selbst schon besucht hat und auf den der andere wiederum scharf ist. So entstehen auch Freundschaften, wie die mit Ben Sauer aus Remshalden, der ihn manchmal auf seinen Touren begleitet. Er stöbert auf Google nach Orten und Nachrichten von Schließungen, ist bei der Suche aber nicht ganz so ambitioniert wie Seyfang.

„Das ist wahnsinnig zeitintensiv“, gibt er zu bedenken. Auch Kreativität kann bei der Suche nicht schaden: „Ich hatte im Netz Fotografien von einer Mine in Wales gesehen, der Fotograf wollte aber nicht mit dem Standort rausrücken“, erinnert sich Seyfang. Die Lösung: sich im Forum der Waliser Minenfreunde anmelden und die ehemaligen Arbeiter um Rat fragen. Innerhalb kürzester Zeit war das Ding lokalisiert.

Manchmal reicht auch eine ungefähre Ortsangabe als Ausgangspunkt für weitere Nachforschungen. „Wenn ich eine grobe Ahnung habe und weiß, dass beispielsweise der alte Brunnen von oben sichtbar sein müsste, durchforste ich die Gegend auf Google Maps. Auch in den Bildern selbst sind manchmal Hinweise auf die Örtlichkeit versteckt“, erklärt der 31-Jährige.

Ebenfalls praktisch: Geotracking, aufmerksames Zeitunglesen und Pokémon Go! – es kommt schon mal vor, dass ein Fotograf in der Landkarten-App ein Hinweisfoto an der Stelle seines entdeckten Lost Place hinterlässt. Ein bewussteres Durchs-Leben-Gehen hilft aber auch schon. „Mittlerweile fallen mir vermeintlich verlassene Ort schon beim Vorbeigehen auf. Gestern erst bin ich auf dem Rückweg an einer Gärtnerei vorbeigefahren, die mir verwildert und verlassen schien.“

Keine zwanzig Minuten später stehen wir schon vor einem Glashaus in S-Stammheim, umringt von Feldern. Die Rollläden des angrenzenden Hauses sind heruntergelassen, das Tor zum Garten ist sperrangelweit offen. Vorsichtig pirscht der Fotograf sich an, kämpft sich durch das mit wilden Sträuchern und Gestrüpp bewachsene Gelände. Ein Blick durch die offene Hintertür zeigt: Hier wohnt keiner mehr. Jugendliche haben sich das Haus bereits zu Eigen gemacht, Liebesbekundungen sind auf die Tapete gekritzelt, Chipstüten und Bierdosen liegen herum und wirken auf der zurückgelassenen, altbackenen Einrichtung wie Fremdkörper aus einer anderen Zeit.

„Da gibt’s vermutlich nichts Spannendes“, stellt Seyfang fest und widmet sich stattdessen dem Glashaus, dessen Inneres von diversen Schlingpflanzen erobert wurde. Solche verlassenen Häuser hat der gelernte Abwassertechniker bereits zu Hunderten gesehen. Schon vor Jahren begann seine Lost-Places-Fotografie-Karriere, damals hatte er noch keine richtige Kamera und kein professionelles Equipment. Zu seiner jetzigen Ausrüstung zählen nicht nur diverse Licht- und Beleuchtungsmittel, auch Kletterausrüstung, wasserfestes Zubehör und sogar ein Schlauchboot hat er sich zugelegt.

Das brauchte er, um besagte Waliser Mine zu erkunden. Inmitten des unterirdischen Minensees hatte sich ein monströser Berg von alten Autos gebildet, weil viele der Einheimischen die stillgelegte Mine als Schrottplatz missbrauchten.

Jenes Schlauchboot würden wir uns jetzt wünschen. Mittlerweile sind wir vor einem Bassin siffiger Brühe in einem stillgelegten Schwimmbad unweit von Stuttgart angekommen. Die Poolnudeln haben definitiv schon bessere Zeiten gesehen, von der Decke tropft es. Und doch versprüht der Ort eine Ruhe und Romantik, wie man es unweit der Stadt nicht vermuten würde.

 

Benjamin Seyfang - Lost Places Ausstellung in einem ehemaligen Schwimmbad [19+20.10. 10-18 Uhr, Ehemaliges Montemaris, Klosterpark 3-5, 73099 Adelberg]

 

Jetzt erscheint sein Bildband:

Benjamin Seyfang

Lost Places Baden-Württemberg

Die Faszination verlassener Orte

192 Seiten, ca. 125 Abb., Format 26,8 x 28,9 cm

Hardcover

ISBN: 978-3-8425-2200-8

€ 39,99

Silberburg Verlag

 

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