LIFT-AKTUELL

LIFT-Leseprobe im JUNI 2019

An dieser Stelle gibt es jeden Monat eine Leseprobe zum Download sowie einen Artikel aus unserer aktuellen LIFT-Ausgabe.

DIE TOURI-TYPEN DES KESSELS

Rekord: Über zwei Millionen Besucher kamen 2018 nach Stuttgart. Eine seriöse Einordnung.

Chinesen auf Durchreise

Das beliebteste Fotomotiv Stuttgarts für chinesische Gäste – mit 68.554 Übernachtungen die viertgrößte Touristengruppe aus dem Ausland – ist vermutlich das Ortsschild: Nur so wissen sie am Ende ihrer Tour de Force mit dem Reisebus durch Europa noch, in welchen Städten sie überhaupt waren. Und natürlich dank ihrer Kreditkartenabrechnung. Stuttgart ist nämlich nur eine Zwischenstation zwischen Münchner Hofbräuhaus, Schloss Neuschwanstein und der Outletcity Metzingen. Alles an einem Tag, wohlbemerkt. Die Stadt ist vor allem als Shoppingparadies beliebt: Nicht nur in Metzingen, sondern auch bei Breuninger spricht man längst chinesisch. Etliche Shops, Museen und Hotels akzeptieren – übrigens als Vorreiter in Deutschland – die beliebtesten chinesischen Bezahl-Apps. Zurück in den Reisebus geht es mit mindestens einem Dutzend Einkaufstüten und einem neu gelernten Wort: „Feinstaub“. Und zwar als Insidergag der Reisegruppe: Verglichen mit Shanghai ist Stuttgart schließlich der reinste Luftkurort.

Wasen-Fans und Wiesn-Flüchtlinge

Zweimal im Jahr wird’s wirklich voll in Stuttgart – und zwar im doppelten Wortsinn. Vier Millionen Besucher kamen 2018 zum Cannstatter Wasen, immerhin 1,2 Millionen waren es trotz des durchwachsenen Wetters beim dies-jährigen Frühlingsfest. Das merkt man nicht nur an ausgebuchten Hotels und überfüllten Bahnen, sondern auch bei der Kehrwoche – für die braucht man in dieser Zeit nämlich eher einen Wischmopp. Was Wasengäste von Stuttgart mitbekommen, bleibt dabei überschaubar: Auf dem Programm stehen Riesenrad statt Fernsehturm, Wilde Maus statt Zacke, Festzelt statt Stadtpalais. Gefühlt hüpft zwar halb Italien auf den Bänken, mindestens die andere Hälfte besteht aber aus Wiesn-Flüchtlingen, weil sie in Cannstatt, anders als in München, zum Rauchen im Zelt bleiben dürfen. Ist schließlich schlimm genug, dass man zum Pinkeln aufstehen muss...

Autofreaks

Für PS-Liebhaber ist Stuttgart das Herrgottsbescheißerle unter Deutschlands Touristenstädten. Ihrer Familie machen sie die Stadt mit Kunst, Kultur und Maultaschen schmackhaft, in Wahrheit wollen sie aber nur ins Mercedes-Benz- und Porsche-Museum und zwei Tage lang nichts weiter sehen als Autos, Autos, Autos. Die meisten Besucher Stuttgarts kommen aus den Vereinigten Staaten – diese ärgern sich nicht wie ihr grundsympathischer Präsident über Deutschlands Exportüberschuss, sondern möchten anstelle der amerikanischen Plastikkisten endlich mal echte Autos zu Gesicht bekommen. Und die wollen natürlich auch mal richtig ausgefahren werden, anderswo geht das schließlich nur noch in Ländern wie Nordkorea oder Afghanistan. Kaum ist der Porsche gemietet, lernen die Gäste aber den Stuttgarter Verkehr kennen – und sehen im Stau nichts weiter als Autos, Autos, Autos.

Geizhälse von nebenan

Die zweitgrößte Touristengruppe fällt mit 144.833 Übernachtungen gleich aus der Nachbarschaft ein. Mindestens die halbe Schweiz drängt sich um die Stände des Stuttgarter Weihnachtsmarkts, um sich dort Glühwein zum gefühlten Schnäppchenpreis zu gönnen. Verglichen mit den Schweizern wirken in Sachen Geiz sogar die Schwaben wie Amateure: Die Schweizer kaufen ihre Weihnachtsgeschenke nämlich lieber im „billigen“ Stuttgart als daheim, wohnen dafür dann aber in den teuersten Hotels der Stadt. Immerhin lassen sie ordentlich Geld im Kessel – dumm nur, dass das meiste davon zwei Wochen später gleich wieder für unseren Skipass in der Schweiz draufgeht. Wirklich gerissen, unsere lieben Nachbarn.

Eilige Geschäftsreisende

Weinbergwanderungen, Stäffelestouren, die grandiose Aussicht vom Birkenkopf? Kennen 70 Prozent der Stuttgarter Touristen nur vom Postkartenständer. Diese sind nämlich bloß geschäftlich hier und deshalb so kurz im Kessel, dass sie sich bestenfalls einen Überblick aus dem Flugzeugfenster verschaffen. Stuttgart ist für sie die Stadt der kurzen Wege – vom Terminal zur Messe geht’s schließlich zu Fuß, ganz ohne lästige Stadtbewohner. Die beste Chance, Geschäftsreisenden Stuttgarts Schokoladenseite nahezubringen, haben Taxifahrer: einfach mal großräumig „den Stau umfahren“ und dabei an allen Highlights der Stadt vorbeituckern. Ob Schloss Solitude, Wilhelma oder Fernsehturm – liegt alles auf dem Weg zum Bahnhof, klar!

Kulturliebhaber ohne PS

Der Louvre hat die Mona Lisa, die Staatsgalerie hat Banksy. Den suchen natürlich alle, die nach Stuttgart als Kulturtouristen kommen – und machen anschließend auch im Kunstmuseum, an der Weissenhofsiedlung oder den Containern bei den Wagenhallen Halt. So viel Stuttgart kulturell auch zu bieten hat, die Zielgruppe dürfte ruhig größer werden. Das dachte sich jedenfalls das Stadtpalais und ergatterte in einem cleveren Schachzug ein Objekt, das für sicheren Touri-Beifang sorgt: Die leidgeprüfte Gattin des PS-Freaks bekommt endlich mal Kultur zu Gesicht, indem sie die Kinder im Untergeschoss spielen – und den Mann bei Manfred Rommels Mercedes stehen lässt.

Texte: Frank Rudkoffsky, Illustrationen: Paulina Eichhorn
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