LIFT-Aktuell im September 2018

An dieser Stelle gibt es jeden Monat einen Blick ins Heft zum Durchblättern sowie einen kompletten Artikel aus unserer aktuellen LIFT-Ausgabe.

WAS KÖNNEN ONLINE-NACHBARSCHAFTSPORTALE IN STUTTGART?

Hallo Nachbar!

Nachbarschaftsprojekte liegen voll im Trend. Das gilt auch für Nachbarschafts-Online-Portale. Nur: Was können die? Und braucht man sie wirklich? LIFT haben sich online in der Nachbarschaft herumgetrieben und Augen und Ohren aufgesperrt.

Illu: Ibou Gueye
Die nebenan.de-Gruppe aus S-Bad Cannstatt. Foto: Schönebaum

„Da wohn ich seit zwanzig Jahren in Cannstatt und habe nicht so viele Nachbarn kennengelernt wie im vergangenen Jahr.“ Für Annegret Bauer funktioniert das Portal nebenan.de offenbar. Seit einem Jahr treffen sich Bewohner aus der Nachbarschaft „Cannstatt Mitte/Kurpark“ und aus den angrenzenden Vierteln zum wö­chentlichen Sams­tagskaffee, bei schlechtem Wetter im Mon Petit Café im Zentrum der Altstadt, bei gutem Wetter – so wie heute – im Neckarbiergarten.

Sechs Leute und ein Hund sind gekommen, wir machen die Bierbank voll. „An anderen Tagen, wenn keine Ferienzeit ist, kommen acht bis zwölf“, sagt Anna Karle, die Initiatorin des etwas anderen Kaffeekränzchens.

Eine Nachbarin hatte vor einiger Zeit auf der Pinnwand von nebenan.de einen Post verfasst und angemerkt, dass es für sie als neue Cannstatterin nicht einfach sei, Leute kennenzulernen. Kurzerhand nahm Karle die Sache für sie in die Hand. Seitdem findet sich die Ankündigung zum Samstagskaffee wie zahlreiche andere Events, Gesuche, Informationen und Zu-verschenken-Meldungen auf der Pinnwand der Portalnutzer aus Cannstatt.

Alles vereinsamte Leute? Von wegen! Die Truppe am Neckarbiergarten ist bunt gemischt, Männer und Frauen, alt und jung. Alle haben eigene Hobbys, eigene Freundeskreise, gehen unterschiedlichen Berufen nach. Das ist gerade das Tolle, findet Birgit Enderle: „Es ist schön, dass man mal aus seinem gewohnten Umfeld, in dem sich viele Interessen und Meinungen überschneiden, herauskommt.“

Außerdem hätte man bei der Nachbarschaft den Vorteil, dass die Wege kurz sind, man kurzfristig etwas gemeinsam unternehmen kann, führt Annegret Bauer weiter aus. Am Vorabend haben sich Teile der Kaffeegruppe schon auf dem Cannstatter Abendmarkt gesehen, andere haben sich erst vor Kurzem auf einem Nachbarschafts-Spieleabend getroffen.

Alles ganz unverbindlich, wer kommen kann und möchte, kann kommen. „Nicht, wie etwa im Verein“, betont Bauer. Irgendwie hipper.

Foto: nebenan.de

Auf nebenan.de sind 20.700 Stuttgarter in 82 Nachbarschaften aktiv. Die größten finden sich in Rosenberg, Heslach und Lehen mit 700 bis 800 Nutzern. Cannstatt Mitte/Kurpark steht mit rund 600 auf Platz vier. Deutschlandweit sind inzwischen 900.000 Menschen auf dem 2015 gegründeten Online-Portal aktiv. Tendenz schnell steigend, wie Mitgründerin Ina Brunk erzählt. Rund 50.000 kommen mittlerweile jeden Monat dazu.

Noch finanziert sich die Webseite rein über Investoren-Kapital. In wenigen Wochen soll aber eine Art Fördermitgliedschaft eingeführt werden. Wer das Portal für die eigene Nachbarschaft gut findet, kann spenden.

„Wir wollen so noch transparenter machen, was der Betrieb des Portals kostet“, erklärt Brunk. Immerhin beschäftigt das Berliner Unternehmen 50 Mitarbeiter, die neue Funktionen programmieren, für die Sicherheit sorgen, Support bieten. Das kostet.

Auch wenn das Unternehmen freundlich auftritt, gemeinnützig ist es nicht. Brunke und ein weiterer Portalbegründer kommen aus dem Nonprofit-Bereich, erzählt sie. „Deshalb war uns von Anfang an klar, dass man ein Produkt dieser Größe kaum mit Spenden finanzieren kann.“

Nebenan.de soll aber weiter kostenlos bleiben. Künftig sollen lokale Unternehmen Werbeanzeigen in „ihrer“ Nachbarschaft kaufen können. Die hätten dann die Gewissheit, dass ihre Botschaft auch nur bei potenziellen Kunden ankommt.

Mit solchen Anzeigen nimmt Nextdoor im Heimat-Land USA seit 2017 Geld ein. Im selben Jahr drang das Unternehmen auf den deutschen Markt vor – vorerst werbefrei. In Stuttgart hat das Portal noch wenige Teilnehmer. Die größten Nachbarschaften sind Lehen-Nord und Hölderlinplatz mit rund 100 Nutzern. Generell macht das Unternehmen keine Angaben zu Nutzerzahlen, nur zu Nachbarschaften. Davon gibt es in der Landeshauptstadt erst 30 Stück. Gezählt werden diejenigen mit mehr als zehn verifizierten Nutzern.

Wer sich etwa mit einer Adresse in S-Weilimdorf anmeldet, erhält folgende Nachricht: „Herzlichen Glückwunsch! Du bist Gründungsmitglied von Weilimdorf-Südost. Um deine eigene Nachbarschaft anzulegen, musst du innerhalb von 21 Tagen zehn Mitglieder gewinnen.“ Man kann Einladungs-Postkarten senden lassen. Und wird regelmäßig per Mail erinnert, dass man nur noch einige Tage Zeit zur Gründung hat. Ähnlich mau sieht es in den angrenzenden Nachbarschaften aus: Die haben ein, zwei, drei und zehn Mitglieder.

Das mit den Postkarten ist so eine Sache. Denn die braucht es nicht nur zur Einladung, sondern auch zur Verifizierung. Sowohl Nextdoor als auch nebenan.de werben damit, dass wirklich nur echte Nachbarn in den Gruppen aktiv sind – anders als zum Beispiel bei Facebook-Gruppen.

Deshalb muss man nach Anmeldung mit Klarnamen, E-Mail- und reeller Adresse belegen, dass man auch wirklich in der Nachbarschaft wohnt. Das funktioniert unter anderem per Postkarte, die einem an die angegebene Adresse zugeschickt wird und einen Zugangscode enthält. Nur kamen die von Nextdoor in unserem Test nicht oder erst nach zwei Wochen an. Wer hingegen von Nachbarn eingeladen wird, ist automatisch verifiziert.

Nebenan.de bietet außerdem die Möglichkeit, seinen Personalausweis abzufotografieren – was manchmal funktioniert, manchmal nicht und in jedem Fall ein komisches Gefühl hinterlässt.

Darüber hinaus hat man hier in der Handy-App die Möglichkeit, sich per GPS-Ortung zu verifizieren, Nextdoor will demnächst eine ähnliche Funktion freischalten. Das funktioniert problemlos – letztlich kann sich aber natürlich jedermann mit seinem Smartphone in eine x-beliebige Nachbarschaft stellen und behaupten: Hier wohne ich. „Wir sind halt keine Bank“, kommentiert das Ina Brunk. „Aber hier sitzt ja auch noch ein Team, das die Anmeldungen prüft“, sagt sie.

Der hohe Zuspruch des deutschen Portals könnte – neben den zwei Jahren Vorsprung – auch mit der Liebe der Deutschen zum Datenschutz zusammenhängen. Nebenan.de wirbt offensiv damit, ein „TÜV-geprüftes Online-Portal“ zu sein.

Und das Unternehmen hat sich erfolgreich ein soziales Image aufgebaut. Am 5. September etwa verleiht die nebenan.de-Stiftung zum zweiten Mal den mit 50.000 Euro dotierten Nachbarschaftspreis an „Nachbarschaftsprojekte mit Vorbildcharakter“.

Anders als zum Beispiel Facebook will das Portal auch keine Daten über seine User sammeln, um zielgruppenspezifische Werbung auszuspielen. Auch Nextdoor erhebe keine demografischen Daten, versichert Sprecherin Juliane Leupold. Angegebene Interessen könnten allerdings in Zukunft präzise Zielgruppenansprache mit Werbeanzeigen  ermöglichen.

Die Nutzung jedenfalls ähnelt der von lokalen Facebook-Gruppen wie dem „Fair-Teiler Stuttgart“. Es wird viel ge- und verkauft, verschenkt und ausgeliehen. Aber viele Nachbarn unterhalten sich auch einfach („Die Sauberkeitsaktion trägt Früchte“), geben sich Tipps („Wer kennt guten, billigen Friseur“) oder planen ihr ganz reales Nachbarschaftsleben („Essenspartner für 15.8. gesucht“).

Ein Stuttgarter Portal-Original, deine-strasse.de, hat vor wenigen Monaten aufgegeben. In seiner Abschiedsmail verwies das soziale Start-up auf die Ressourcen-Übermacht von nebenan.de.

Die haben aktuell die Nase vorn, doch die Konkurrenz wächst. Die App zu wirvonhier.de beispielsweise war Anfang August in den Google-Playstore-Trends – doch zwischen Filderstadt und Ludwigsburg sind nur 25 Menschen dort aktiv. Was auch an dem mit Fehlern behafteten Anmeldeprozess liegen könnte.

Juliane Leupold von Nextdoor kommentiert die wundersame Portalvermehrung folgendermaßen: „Die sprießen gerade wie Pilze aus dem Boden – und haben natürlich alle ein knallhartes geschäftliches Interesse. Da sollte man nicht so tun, als wolle man die Welt retten.“ Das müssen dann wohl andere übernehmen. Der Nachbar vielleicht.

 

 Johannes Pimpl, Petra Xayaphoum

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