LIFT-Aktuell im Oktober 2018

An dieser Stelle gibt es jeden Monat einen Blick ins Heft zum Durchblättern sowie einen Artikel aus unserer aktuellen LIFT-Ausgabe.

Foto: Laura Siemon

OFFKULTUR-HIMMEL ODER KOMMERZ-HÖLLE? DIE STUTTGARTER WAGENHALLEN SIND ZURÜCK

WER KRIEGT WAS UND WARUM?

Feine Sahne Fischfilet ist schon ausverkauft, Marsimoto, das Kunstkaufhaus und Martin Sonneborn stehen schon im Kalender. Stuttgarter Kultur- und Musikfans können sich freuen, im Oktober starten die Wagenhallen nach fast zweijähriger Pause wieder mit einem verheißungsvollen Veranstaltungsprogramm. Freu­en kann man sich auch auf die neuen Räumlichkeiten. Denn die Sorge, dass durch die Sanierung das industrielle, leicht heruntergekommene Flair komplett verschwindet, wird zumindest bei Besichtigung der Baustelle nicht bestätigt.

Fotos: Laura Siemon

„Wir haben alles Alte was ging, behalten“, sagt Stefan Mellmann, der Betreiber der Veranstaltungshalle. Viele Details, wie eine kleine Hängelampe über dem Eingang, konnten der Sanierung trotzen, die alten Backsteinwände kommen besser zur Geltung als zuvor. Bei den neuen, technischen Installationen hat man sich dezent zurückgehalten – Metall und grauer Beton sind die gängigsten Materialien – kein Schnickschnack. Stattdessen viele Verbesserungen, von denen die Besucher zumindest auf den ersten Blick wenig mitbekommen werden: ein neues Dach, das auf den alten Stahlträgern montiert wurde, eine neue Durchlüftung, eine neue Heizung, ein direkter Zugang für die Künstler vom Tourbus-Parkplatz, über den Backstage-Bereich auf die Bühne. Wenn das Konzert aus ist, können die Tour-Techniker mit dem LKW in die Halle fahren. „Das sind alles Sachen, die uns die Arbeit extrem erleichtern“, sagt Mellmann und betont: „Wenn das alte Flair komplett weggeplant worden wäre, hätten wir als Betreiber auch nicht weitergemacht.“ 

Was dem Besucher aber nicht entgehen wird, ist die andere Größendimension, die die Wagenhallen eingenommen haben. Statt wie früher maximal 800, können nun bis 2.100 Besucher auf Konzerte kommen. „Allerdings können wir die Zwischenwände flexibel bewegen, sodass weiterhin kleine Veranstaltungen möglich sind und auch stattfinden werden“, sagt Mellmann. Denn rein programmatisch möchte man in den Wagenhallen nichts ändern. Neben Konzerten wird es auch weiterhin zahlreiche private Feiern und Firmen­-events geben. Auch diese Umsätze dürften in Zukunft noch weiter steigen.

Ein paar Meter weiter ist man noch nicht so weit. Denn was bei aller Vorfreude unterzugehen droht: Abgetrennt durch eine Brandschutzwand gibt es im Gebäude auch noch den Kunstverein Wagenhalle mit seinen Ateliers. Dort wird ebenfalls kräftig gebaut und saniert – eröffnet wird hier allerdings ein wenig später.

Und die Formulierung „auch noch“ ist Understatement: Denn im Kunstverein Wagenhalle, der 2004 erstmals die ehemalige Bahnhalle bezog, steckt der Ursprung dessen, was heute vor allem als Veranstaltungs-Locations Wagenhallen bekannt ist. Auch Mellmann hat hier einst im kleinen Rahmen mit seinen Veranstaltungen angefangen.

„Die Veranstaltungshalle und wir als Verein haben uns aber immer mehr auseinander gelebt“, beschreibt Robin Bischoff vom Kunstverein Wagenhalle die Entwicklung. Heute gibt es die Künstler vom Verein auf der einen Seite und die Veranstaltungshalle auf der anderen. Auch die Künstler profitieren natürlich von der Sanierung. Die Ateliers können wachsen und die Stadt hat einige Millionen Euro investiert, damit die Künstler hier gute Bedingungen haben.

„Dass wir hier in dieser Form bleiben können, war aber ein harter Kampf auf mehreren Ebenen“, sagt Bischoff. Die Künstler waren in erster Linie damit befasst, künstlerisch zu arbeiten, dann mussten sie plötzlich ihre Existenz sichern und sich Gehör verschaffen. „Als sich herauskristallisierte, dass der Fokus der Stadt vor allem auf der Veranstaltungshalle lag, mussten wir um jedes Detail kämpfen, wie zum Beispiel die künftige Miete oder darum, überhaupt genau so viele Ateliers zu haben wie vorher“, so Robin Bischoff.

Ginge es nach Bischoff hätte etwas mehr Raum für die Künstler nicht geschadet und beim Blick in die Zukunft ist Bischoff immer noch etwas bange. „Es ist schwer abzuschätzen, was für eine Auswirkung die nun viel größeren Konzerte auf unsere künstlerische Arbeit haben.“ Auch Themen wie die Parkplatz- und Verkehrssituationen sieht er als nicht komplett durchdacht. Grundsätzlich aber bewertet Bischoff das Projekt als einen Erfolg für Stuttgart und die Künstler.

Durchgeboxt haben das Konzept vor zwei Jahren im Gemeinderat Bündnis 90/Die Grünen und die CDU. Die Stadtverwaltung hat es nun mit stattlichen 30 Millionen Euro umgesetzt. Schon beim Beschluss im Jahr 2016 gab es reichlich Gegenwind von den anderen Fraktionen. „Wir hielten und halten die Lösung, die den Veranstaltungsbetrieb gegenüber den Künstlern unverhältnismäßig bevorzugt, für falsch und unangemessen“, sagt Thomas Adler von der Gemeinderatsfraktion SÖS/Linke/Plus. Die Pläne der Stadtverwaltung seien für ihn zu sehr daran orientiert, die gewerbliche und gewinnorientierte Veranstaltungs­stätte auszubauen. Dadurch würde der gewünschte Ausbau der Räume für freie Ateliers von Kunst- und Kulturschaffenden eingeschränkt.

Auch die Kritik der SPD-Fraktion ging und geht in eine ähnliche Richtung. „Uns wäre ein Schwerpunkt auf die Atelierräumlichkeiten wichtiger gewesen“, so Dejan Perc von der SPD-Fraktion im Gemeinderat. „Es wurde sehr viel Geld in die Hand genommen, das wir lieber in Räumlichkeiten investiert hätten, die wirklich dringend benötigt werden.“

Überhaupt sehen Perc und Adler in Stuttgart nicht nur oft die Künstler benachteiligt, sondern auch kleinere Konzertanbieter. „Wir bräuchten ein Konzept, dass gerade die Förderung für Pop-Musik und kleine Clubs erleichtert“, sagt Perc. In der Stadt sei ein regelrechtes Clubsterben festzustellen. „Gerade für viele kleine Bands brechen immer mehr Auftrittsmöglichkeiten weg“, bemängelt er.

Damit spricht er Reiner Bocka, Inhaber des Café Galao und Mit-Veranstalter des Marienplatzfestes aus dem Herzen. Denn dem fehlt bei der Kulturförderung der Stadt eine klare Linie. Kleinere Förderprojekte werden für ihn oft nicht zu Ende gedacht: „Wieso wird das Projekt „Stadtlücken“ vom Bezirksrat befürwortet, aber gleichzeitig der Alkoholausschank dort untersagt“, nennt er ein Beispiel. Ihm und auch anderen Veranstaltern ist die Verärgerung anzusehen, dass in die Wagenhallen fast 30 Millionen Euro fließen, während er als Veranstalter mit vielen Anträgen leer ausgeht.

„Meine Kritik richtet sich keineswegs gegen die Wagenhallen-Betreiber“, betont Reiner Bocka, allerdings würde er sich wünschen, dass sich bei der Fördergeld-Verteilung der Stadt Stuttgart etwas ändert, damit auch kleine private Veranstalter, nicht hinten runterfallen.

„Die Stadt wirbt damit, Feste, wie das Marienplatzfest zu unterstützen“, sagt er. Bei ihm, der für das musikalische Programm beim Fest verantwortlich ist, sei aber finanziell noch nichts angekommen, außer dass ihm als Marienplatzfestverein die Platzmiete erlassen wird.            

Thomas Graf-Miedaner

 

ERÖFFNUNGSWOCHENENDE [26.- 28.10. ab 21.30 Uhr, mehr auf www.wagenhallen.de]

 

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