LIFT-Aktuell im November 2017

An dieser Stelle gibt es jeden Monat eine kleine Leseprobe zum Durchblättern sowie einen kompletten Artikel aus unserer aktuellen Print-Ausgabe.

LESEPROBE

Das ehrenamtliche Stay-Team finanziert Agrarhilfe und Ausbildungen in Uganda
Fotos: Stay/Christoph Kalscheuer

VIELE PROJEKTE AUS STUTTGART WOLLEN DIE WELT GERECHTER MACHEN. GAR NICHT SO EINFACH

STUTTGARTER WELTVERBESSERER

Kriegsgräuel, Armut und Perspektivlosigkeit zwingen Menschen in vielen Teilen der Welt, ihre Heimat zu verlassen. „Migrationsursachen bekämpfen“, schallt es jetzt unisono aus der Politik. Auch die Entwicklungszusammenarbeit rückt wieder in den Fokus. Wie die ganz praktisch funktionieren kann, machen zahlreiche Stuttgarter Initiativen vor.

Ihre Eltern sind tot, gestorben an Aids. Seither leben die beiden ugandischen Kinder bei ihrer Großmutter. Das Schulgeld kann die sich nicht leisten. Bis sie von einer lokalen Spargruppe einen Kredit bekommt. Damit kauft sie ein Schwein, zieht es auf und verkauft es. Jetzt kann sie ihre Enkel in die Schule schicken. 

Diese berührende Geschichte erzählt Angelika Severin von der spendenfinanzierten Stuttgarter Stiftung „Stay“. Die hat in Uganda die „Stay Alliance“ gegründet, ein Netzwerk aus derzeit 32 ugandischen Sozialunternehmern. Einheimische, die die Entwicklung ihres Landes im Bereich Bildung, Gesundheit und Landwirtschaft selbst in die Hand nehmen – und so vielen Ugandern ermöglichen, ihr Leben zu verbessern. Wie die Spargruppe, die jede Woche Geld zurücklegt und damit der Großmutter den Kredit finanzieren konnte. 

Die 32 Sozialunternehmen betreiben im ganzen Land Gesundheitsstationen, Schulen und Landwirtschaftsgruppen. Noch schickt die Stuttgarter Stiftung Geld nach Uganda, künftig soll die Stay Alliance sich selbst tragen – genau wie die von ihr geförderten Projekte.

Stay bezeichnet sich als „Pionier einer neuen Form der internationalen Entwicklungszusammenarbeit“. Selbige hat eine lange Geschichte. In den 1960ern rückt die staatliche Entwicklungshilfe in den Blick der Weltgemeinschaft. Reiche Staaten transferieren Geld an Entwicklungs- und Schwellenländer, vor allem in Afrika, aber auch in Südamerika und Asien. Außerdem entstehen Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die sich gegen globale Armut und Hunger und für Bildung und wirtschaftliche Lebensgrundlagen einsetzen. 

„Das Thema ist seitdem immer stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt“, erklärt Claudia Duppel vom Dachverband Entwicklungspolitik Baden-Württemberg (DEAB). „Inzwischen haben wir in der Fachöffentlichkeit einen Paradigmenwechsel erreicht. Es geht nicht mehr darum, Almosen zu verteilen, sondern darum, ungerechte wirtschaftliche und politische Strukturen zu beseitigen.“ Denn lange Zeit sah Entwicklungshilfe so aus: Die reichen Länder geben den armen Geld und freuen sich, wie sozial sie sind. 

Erst vor rund 15 Jahren habe die Politik eingesehen, dass ihre Entwicklungshilfe nicht effektiv war, erklärt Paul Marschall vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE). „In der Folge ist man weg von der Entwicklungshilfe, hin zur Entwicklungszusammenarbeit. Man will mit den Empfängerländern auf Augenhöhe Entwicklungspolitik machen.“ Doch natürlich gehe es immer auch um die wirtschaftlichen Interessen der reichen Länder. Oft genug stehen die im direkten Widerspruch zu den Zielen der Entwicklungszusammenarbeit: Zum Beispiel, wenn hiesige Unternehmen Rohstoffe zu Spottpreisen aus Entwicklungsländern importieren und teure Endprodukte dorthin verkaufen. Oder wenn hochsubventionierte europäische Agrarprodukte die lokalen Märkte Afrikas fluten und den Bauern ihre Existenzgrundlage nehmen. 

Für Baden-Württemberg steht ein Staat besonders im Fokus der Entwicklungszusammenarbeit: Das bitterarme Burundi in Ostafrika ist Partnerland. Doch wegen der angespannten politischen Lage vor Ort fällt eine Vertiefung der Partnerschaft schwer. Immerhin gibt es bei der Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg (SEZ) – einem wichtigen Akteur der Entwicklungszusammenarbeit – ein Kompetenzzentrum Burundi. Die SEZ veranstaltet unter anderem die jährliche Messe „Fair handeln“ in Stuttgart. Außerdem führt sie eine Online-Datenbank mit Initiativen, Vereinen und anderen Akteuren der Entwicklungszusammenarbeit. Stattliche 200 Treffer spuckt die für die Region Stuttgart aus. Vor einem Jahr hat die Stiftung besonders verdienstvolle Projekte der Entwicklungszusammenarbeit mit dem Eine-Welt-Preis ausgezeichnet. 

Love for Life bringt Solarlampen per Boot in abgelegene Amazonasgebiete Ecuadors.
Foto: Love for Life/Hanna Witte

Unter den Gewinnern war auch die NGO „Love for Life“ mit ihrem Projekt „Imagine Light“. Der gemeinnützige Verein aus Weissach im Tal bei Backnang bringt Licht ins dunkle Grün. Und zwar mit Solaranlagen für Menschen im nordöstlichen Amazonasgebiet von Ecuador, die auch in deren Installation und Wartung ausgebildet werden. Außerdem kooperiert der Verein eng mit dem lokalen Netzwerk Ceibo, in dem sich vier indigene Völker zusammengeschlossen haben, um ihre Rechte durchzusetzen und ihr überleben im Regenwald zu sichern.

Mit dem Solarenergieprojekt steht der Verein nicht alleine da, viele Initiativen verfolgen ähnliche Ansätze. Beispielsweise die britische NGO „Solar Aid“, die in Deutschland von der in Stuttgart ansässigen Marriott-Stiftung vertreten wird. Solar Aid setzt auf kleine, günstige Lösungen. Mit handlichen Solarlampen wollen sie „den Ärmsten und Bedürftigsten Licht schenken“.

Allein in Afrika haben laut der 2006 gegründeten Stiftung mehr als 500 Millionen Menschen keinen Zugang zu Strom. Als Lichtquelle nutzen sie Kerosinlampen, doch die sind teuer, gesundheits- und umweltschädlich. Dank der günstigen Solarlampen sparen Menschen Geld für das Kerosin und sind nicht länger dem schädlichen Rauch ausgesetzt.

Nina Müller hat vor zwei Jahren gemeinsam mit Freunden den Verein Nepu (Nachhaltige Entwicklungsprojekte unterstützen) gegründet. Wir treffen uns im Weltcafé am Stuttgarter Charlottenplatz – dem Stammlokal der Gruppe. „Was hier wenig Geld ist, kann in ärmeren Regionen der Welt ganz viel bewirken“, erklärt sie ihre Motivation. „Und wir wollten selbst mitbestimmen, wohin das Geld fließt. Und sicher sein, dass es zu hundert Prozent bei den Menschen vor Ort landet.“

Der Verein sammelt Spenden und fördert damit gezielt Projekte. Mitgründer Jens Bee erklärt: „Wir haben uns damals gefragt: ‚Was können wir gut?’ Die Antwort war: Netzwerken. Also Spenden sammeln, Leute informieren, auch ein Bewusstsein schaffen, dass gerade der Raum Stuttgart sehr wohlhabend ist.“

Bee war 2013 acht Wochen in Peru, hat dort eine Schule mitaufgebaut. „Es war total inspirierend“, erzählt er, „wie dankbar die Menschen unsere Hilfe angenommen haben.“ Und Müller ergänzt: „Natürlich wollen wir die Welt ein kleines bisschen verbessern. Wenn jeder was tun würde, wäre ganz schön viel erreicht.“ Aktuell unterstützt die junge NGO ein Projekt in Burkina Faso. Dort wurde zuletzt die Geburtenstation eines Krankenhauses aufgebaut. Besonderen Wert legt Nepu auf die Nachhaltigkeit der unterstützten Projekte. Die sind insbesondere in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Mikrokredite zu finden.

Solar Aid bringt Solarlampen statt schädlicher Kerosindämpfe
Fotos: Nepu, Solar Aid (li.)

Doch nicht nur Staaten und NGOs können Entwicklungsarbeit leisten. „Damit Unternehmen aus reichen Ländern nicht nur Rohstoffabbau, sondern auch die Weiterverarbeitung vor Ort betreiben, ist politische Stabilität zentral“, erklärt Paul Marschall vom DIE. „Sonst fürchten sie plötzliche Änderungen der lokalen Rahmenbedingungen, im schlimmsten Fall Enteignung.“ Dass Unternehmen verstärkt Dependancen in armen Ländern aufbauen, wünscht sich auch der Ingenieur Karl Schock. Der ehemalige Geschäftsführer eines Schorndorfer Unternehmens reiste 2012 durchs westafrikanische Gambia. Er sah viele junge Menschen ohne Arbeit und noch mehr Elefantengras. Und gründete kurz darauf die Isocalm GmbH. Die verkauft ökologische Wärmedämm-Matten aus Elefantengras für den Hausbau und zur Denkmalsanierung. In Gambia ließ der Rentner eine Werkshalle errichten und Männer ausbilden, die vor Ort die Arbeiter anleiten und die Firma in Gambia selbst führen. Inzwischen sind die ersten Container mit Isocalm-Platten in Deutschland angekommen, interessierte Vertriebspartner gefunden. Die Dämmplatten sollen auch in Gambia selbst als effektiver Schutz vor der Hitze genutzt werden.

Das Unternehmen arbeitet nach dem Prinzip der Unternehmerischen Sozialverantwortung (Corporate Social Responsibility, CSR), künftige überschüsse sollen in die weitere soziale Entwicklung und Schaffung von Arbeitsplätzen in Gambia investiert werden. Für Schock ist Isocalm ein Herzensprojekt auf die alten Tage. Aber auch ein wirtschaftliches. „Der weiße Mann muss endlich aufhören, in Afrika Almosen zu verteilen“, meint er, „und soll stattdessen in echte wirtschaftliche Entwicklung investieren.“

Die Stuttgarter Stay-Stiftung will deutsche Unternehmen als soziale Investoren gewinnen. Schon bei der Gründung der Vorgängerstiftung Südwerk 2006 war die zentrale Idee: Die Menschen vor Ort wissen viel besser, was sie brauchen als wir Europäer. Deshalb hat Stay lokale Sozialunternehmer gesucht, sie bei der Gründung der ugandischen Stay Alliance unterstützt, aber überlässt das Tagesgeschäft komplett den Spezialisten vor Ort.

Wie jedes Unternehmen brauchen auch die ugandischen Sozialunternehmer Startkapital. Und dafür sammelt Stay Spenden. Am 7. November lädt die Organisation deshalb Unternehmer und andere Spendenwillige zur Abendveranstaltung „Stay the Night“ im Römerkastell ein. Eine Sozialunternehmerin aus Uganda wird berichten. Das innovative Konzept soll jetzt auf weitere Länder übertragen werden. Stay hat bereits passende Sozialunternehmen in Ruanda gefunden. Hier wird bald eine weitere Stay Alliance gegründet.

Auch Claudia Duppel vom DEAB glaubt an die Kraft der Menschen vor Ort. „Es gibt überall zivilgesellschaftliche Gruppen, die auf mehr Mitbestimmung, Sicherheit und Gerechtigkeit in ihren Heimatländern drängen. Die gilt es zu stärken.“ Und was tut man selbst am besten, um die Welt ein klein bisschen besser zu machen? „Den eigenen Konsum hinterfragen. Wo kommen meine Klamotten her, wo der Kaffee, wie schadet mein Auto der Umwelt? Wenn man sein Leben in einen globalen Blickwinkel nimmt, kommt das richtige Engagement fast von alleine.“

 

Johannes Pimpl

 

STAY THE NIGHT [7.11. 18 Uhr, Phoenixhalle im Römerkastell, S-Bad Cannstatt]

[www.stay-stiftung.org, www.deab.de, www.loveforlifeproject.org, www.solaraid.de, www.isocalm.com, www.nepu-verein.dewww.sez.de/plattform.]

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