LIFT-AKTUELL

LIFT-Leseprobe im MÄRZ 2019

An dieser Stelle gibt es jeden Monat eine Leseprobe zum Download sowie einen Artikel aus unserer aktuellen LIFT-Ausgabe.

Foto: Ronny Schönebaum

FRIDAYS FOR FUTURE & CO: DIE JUGEND PROBT DEN AUFSTAND GEGEN DIE ALTEN

NUR NOCH KURZ DIE WELT RETTEN

Der Junge am Mikro ist höchstens neun, einer der Jüngsten auf der Demo vor dem Stuttgarter Rathaus. Sein Mut wird von den Schülern, die an diesem Freitag den Unterricht schwänzen, mit lautem Applaus belohnt. Für seine Forderung nach Solarzellen auf allen Hausdächern erntet er bei einer älteren Dame aber nur einen missmutigen Kommentar im Vorbeigehen: „Der weiß ja nicht mal, was das ist.“ Kurz darauf bleibt ein Rentner stehen, auch er hat für die Fridays for Future-Demo nur eine Schimpftirade übrig: „Die haben sie nicht alle. Rattenfänger!“

Der Aufstand der Jugend – er ist auch ein Aufstand gegen die unverständigen Alten. Angefangen hat alles mit der 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg, die im vergangenen Sommer als Erste in den Klimastreik trat. Den Unterricht schwänzen, um mehr Engagement beim Klimaschutz einzufordern: In etlichen Städten hat das längst Schule gemacht. In Brüssel gingen 35.000 Schüler und Studierende auf die Straße, auch in Deutschland wird in mehr als 50 Städten zu Tausenden protestiert.

Ausgerechnet die Landeshauptstadt Stuttgart zeigt ein gespalteneres Bild: Zwar versammeln sich bis zu 1.000 Aktivisten wöchentlich auf dem Marktplatz, die Proteste gegen das Dieselfahrverbot mobilisierten aber bereits ebenso viele Menschen – so verschieden können die Prioritäten zwischen Generationen sein.

Genau deshalb fordern die Klimastreiker eine Politik, die nicht nur ans Heute, sondern auch ans Morgen denkt: „Wir Jungen sind es, die eure Fehler später ausbaden müssen – nicht ihr Alten!“, ruft einer der Demonstranten in Richtung Rathaus.

Trotz Zukunftsangst ist die Stimmung gut, es wird skandiert, gesungen und gehüpft. „Der Schülerstreik ist keine Spaßveranstaltung, sondern ein Hilferuf“, stellt Nisha Toussaint Teachout aus dem Organisationsteam von Fridays for Future Stuttgart klar. „Wir müssen den Klimawandel als existenzielle Krise behandeln.“

Der 19-Jährigen ist es ernst mit dem Aktivismus, deshalb engagiert sie sich sogar in Vollzeit für die Bewegung. Das ist vor allem Koordinationsarbeit: Für den 15. März planen etwa alle Ortsgruppen gemeinsam einen Aktionstag. Viele Junge in der Region seien von der Politik desillusioniert, glaubt Toussaint Teachout: „Wir haben einen grünen Ministerpräsidenten und einen grünen Oberbürgermeister, trotzdem passiert zu wenig.“

So empfindet das auch ihre Mitstreiterin Charlotte von Bonin: „Wenn die Politik auf uns nicht reagiert – was soll da noch demokratisch sein?“ Die 21-Jährige, die gerade ihren Freiwilligendienst im Stuttgarter Jugend- und Kulturzentrum Forum 3 absolviert, hat Fridays for Future in Stuttgart erstmals auf die Straße gebracht: „Ich lud Freunde per Whatsapp ein, anfangs waren wir bloß zu sechst.“

Sie wünscht sich, dass in Stuttgart bald auch mehr Studenten auf die Straße gehen – anders als in Freiburg oder Tübingen, wo sich zahlreiche Studierende den Protesten angeschlossen haben, lassen die sich hier nämlich noch bitten. Eine bessere Klimapolitik allein wird aber nicht reichen, um noch die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu retten: „Jeder muss Verantwortung im Alltag übernehmen und so nachhaltig wie möglich leben“, fordert Toussaint Teachout deshalb.

Nachhaltigkeit, so lautete Ende Januar auch das erste Thema von „Einmischen“, einem Open-Space-Format für junge Menschen, das vom Schauspiel Stuttgart initiiert wurde und in Kooperation mit dem Jungen Ensemble Stuttgart (Jes) und Theater Rampe viermal im Jahr stattfinden soll. An wechselnden Orten sollen Allianzen geschmiedet, Kunstaktionen erdacht, Vereine gegründet werden: Networking für junge Weltverbesserer. Zur Premiere luden die Theaterpädagogen Tobias Rapp und Maria Winter junge Initiativen und Vereine, die sich in der Region engagieren – die Resonanz war größer als erwartet. Politikverdrossene Jugend? Für Rapp bloß ein abgedroschenes Klischee: „Man merkt deutlich, dass da was am Brodeln ist.“

Unter den Rednern waren Studenten vom Global Campus Hohenheim, die sich für eine faire Weltwirtschaft einsetzen, oder Felix Kaminski, der Stuttgarter Jugenddelegierte für nachhaltige Entwicklung, der neben dem Studium ehrenamtlich für das Umweltministerium an Schulen die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen bewirbt und weltweit an Gipfeln teilnimmt.

Etwas bewegen, Bewusstsein schaffen, das wollen alle. So auch Thomas Venupogal, der mit seiner Initiative Cleanup Network schnell Nachahmer in ganz Deutschland fand. Mit Gleichgesinnten verabredet sich der Stuttgarter zum Aufräumen von vermüllten öffentlichen Plätzen. „Das Aufräumen ist nur ein Mittel zum Zweck“, sagt Venupogal.

„Ratschläge werden selten angenommen, aber mit gutem Beispiel voranzugehen, schafft eine passive Sensibilisierung.“ Mit anderen geht Venupogal härter ins Gericht: Seit Monaten versuche er, die SSB zu überzeugen, an ihren Haltestellen Aschenbecher zu installieren – und laufe dabei gegen Wände.

Doch reiner Aktionismus ist manchen nicht genug: Am Ende wird schließlich noch immer über die Köpfe der Jugend hinweg entschieden. „Wir leben in keiner Demokratie, wenn zehn Prozent der Bevölkerung kein Mitspracherecht hat“, sagt die 17-jährige Laura Kurz vom Stuttgarter Verein Demokratische Stimme der Jugend, die sich für Fern-Abitur statt Schule entschieden hat, um mehr Zeit für ihr politisches Engagement zu haben. Seit fast zwei Jahren macht sich die Demokratische Stimme der Jugend mit ihrer Bewegung „You move“ mit Vorträgen, Demos oder  Kunstperformances in Stuttgart und Berlin für gesellschaftlichen Wandel stark.

Das ehrgeizigste Projekt des Vereins ist aber die Forderung nach einem Jugendrat im Deutschen Bundestag: „Unsere Generation wird in der Politik überhört, deshalb wollen wir Mitspracherecht“, sagt Kurz. Nach einem Anruf im Bundestag wurden sie tatsächlich zu Gesprächen nach Berlin eingeladen, noch hält sich die Unterstützerzahl in den Parteien jedoch in Grenzen.

Wie ernst es der Jugend mit dem politischen Engagement wirklich ist, wird sich vielleicht am 26. Mai zeigen. Als vor fünf Jahren erstmals auch 16-Jährige an der Kommunalwahl in Baden-Württemberg teilnehmen durften, lag die Wahlbeteiligung der Erstwähler in Stuttgart bei 41 Prozent, von den 18-25-Jährigen gingen aber nur noch 35 Prozent an die Urne.

Die Zahlen zur Europawahl, an der man ab 18 teilnehmen kann, zeigen ein ähnliches Bild: 39 Prozent Wahlbeteiligung bei den Erstwählern, aber nur 32 Prozent in der Altersgruppe zwischen 21 und 29. Zum Vergleich: Von den 60-69-Jährigen gaben dagegen 55 Prozent ihre Stimme ab.

Ein mahnendes Beispiel für die Jungen könnte der Brexit sein. Während ganze 83 Prozent der über 65-Jährigen zur Wahl gingen und mehrheitlich für den Brexit stimmten, verspielten die Jungen zwischen 18 und 24, von denen die meisten einen Verbleib in der EU befürworteten, ihre Chance: Von ihnen gaben nur 36 Prozent ihre Stimme ab – und die fühlen sich nun plötzlich ihrer Zukunft beraubt.

Die Wahlen im Mai sollen deshalb auch Thema beim zweiten „Einmischen“ am 6. April im Theaterhaus sein ­­– mit Aufmischen allein ist es schließlich nicht getan.    

Frank Rudkoffsky

 

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[www.cleanupnetwork.com]

[www.demokratische-stimme-der-jugend.de]

 

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