LIFT-Aktuell im Juli 2018

An dieser Stelle gibt es jeden Monat eine Blick ins Heft sowie einen kompletten Artikel aus unserer aktuellen LIFT-Ausgabe.

Blick ins Heft

MIETSTEIGERUNGEN UND UNSICHERHEITEN: DAS NORDBAHNHOFVIERTEL UND DIE ZUKUNFT DER STADT

ABGANG EINES STUTTGARTER BIOTOPS

Es war eines von Stuttgarts ersten Arbeiterquartieren, in dem bis vor zwanzig Jahren fast ausschließlich Bahn- und Postarbeiterfamilien lebten. Heute steht das Nordbahnhofviertel im Zuge der S 21-Planungen vor großen Veränderungen.

Wenn die U-Bahn an der Station Mittnachtstraße hält und Feierabend-Pendler entlädt, füllt sich die Straße mit Menschen jeden Alters und aller Hautfarben – Rentner, Studenten, Schüler, vor allem viele Arbeiter in ihren Blaumännern – ein Stuttgarter Wohngebiet eben.

Zugleich ist das Viertel aber auch anders als alle anderen. Hier, in unmittelbarer Nähe zu einer der größten Baustellen Europas, künden Bauzäune und Kräne von Veränderung. Sollte Stuttgart 21 irgendwann tatsächlich fertig werden, wird aus diesem Viertel ein Stadtteil am Park. Zahlreiche neue Gebäude sollen dort entstehen, wo nun noch Gleisanlagen sind. Schon einmal war die Gegend Vorbote einer neuen Zeit. Während der Industrialisierung, als Stuttgart zur Großstadt anwuchs, entstanden hier Stuttgarts erste Arbeitersiedlungen. 1866 zuerst das „Postdörfle“, 1892 dann das „Eisenbahnerdörfle“ für Arbeiter der Eisenbahngesellschaft.

Im Grunde hat sich dieser Zustand bis heute konserviert. Rund um den Nordbahnhof leben überwiegend mit der Bahn verbundene Familien. Noch. Seitdem die Bahn 2001 die Wohnungen aus ihrem Besitz privatisierte, änderten sich allmählich die Verhältnisse. Bis jetzt stellen noch immer Leute wie Willy H. die dominierende Bewohnerschaft. Der Palästinenser mit israelischem Pass lebt seit 1979 hier und hat sein ganzes Leben bei der Bahn gearbeitet. Wie viele kam er als sogenannter Gastarbeiter her und arbeitete am Abstellbahnhof. „Das Viertel ist Multikulti pur, vor der Wende arbeiteten bei der Bahn etwa zu 90 Prozent Ausländer“, erzählt er. In den 90er-Jahren kamen dann viele Bahner aus Ostdeutschland hinzu. „Es kam schon zu Konflikten, aber im Grunde lebt man hier gut zusammen“.

Auch Affo E., der in der Nordbahnhofstraße mit Freunden im Sports-Café sitzt, stammt aus einer Bahnfamilie. Sein Vater, der aus Anatolien stammt, zog 1979 in das Viertel. „Es hat sich schon viel verändert“, sagt er. In den vergangenen zehn Jahren, zogen immer mehr Menschen ins Viertel, die keinen direkten Bezug mehr zum Kiez haben. „Das war früher aber auch speziell“, sagt Affo, „es war wirklich wie in einem Dorf, jeder kannte jeden. Einfach, weil alle bei der Bahn arbeiteten.“

Willy H. wohnt noch in seiner Eisenbahnerwohnung. Sein Vermieter ist aber nicht mehr die Bahn, sondern Vonovia – der größte deutsche Wohnkonzern, der mittlerweile die Objekte der Eisenbahnsiedlingsgesellschaft (ESG) und damit einen großen Teil des Nordbahnhofviertels besitzt. „Die Bahn hat ihre Arbeiter immer fair behandelt, die Vonovia will nur Geld machen“, meint er.

Auch bei einem Treffen der Mieterinitiative „Vonovia und ESG-Wohnungen“ im Gemeindezentrum ist die Stimmung aufgeheizt. Hier tauschen sich vor allem Mieter der Hochhäuser gegenüber des Milaneos aus.
Silke Knöller ist in den Hochhäusern geboren und lebt seit 44 Jahren dort, auch sie ist ein Eisenbahner-Kind. Ihre 78-jährige Mutter lebt im 13. Stock eines der Hochhäuser. Im Winter falle ab einem gewissen Stockwerk regelmäßig die Heizung aus. Unternommen habe die Vonovia bisher nur Halbherziges.

Statt eine neue Heizung einzubauen, will der Konzern nun die Fenster neu dämmen. Das halten die Mieter für unnötig. Mit der Umbaumaßname kommt es zu einer saftigen Mieterhöhung. „Das ist was faul“, mutmaßt Knöller. „Mit der Modernisierung wollen sie gezielt die alten Mieter aus ihren Wohnungen drängen.“

Silkes Mutter etwa bedeutet die Modernisierung auf einen Schlag 300 Euro mehr Miete. Vielen geht es wie der 78-jährigen Rentnerin Ursula Kienzle, deren Rente für die Mieterhöhung nicht ausreichen würde. „In meinem Alter sich noch einmal nach etwas Neuem umsehen, schaffe ich physisch wie psychisch nicht“, sagt sie mit brüchiger Stimme. Für Vonovia sind neue Mieter wie Kevin B. profitabler. Der 27-Jährige Webentwickler lebt erst seit einem halben Jahr im Viertel. Für seine 51 Quadratmeter zahlt er eine Kaltmiete von 900 Euro. Für dieselbe Wohnung zahlen andere noch 700 Euro warm.

Vorher wohnte er in Böblingen und wollte näher an seine Arbeit in S-West ziehen. „Ich habe lange gesucht. Klar, ich kann mir die Miete leisten, aber sie nimmt mir viel vom Einkommen“, erzählt er. „Von der Stadt fühlen sich die Mieter alleingelassen“, sagt Ursel Beck, die die Mieterinitiative koordiniert. „Obwohl es Fritz Kuhns zentrales Wahlkampfthema war, passiert beim bezahlbaren Wohnraum wenig.“ Die Interessen profitorientierter Unternehmen würden, so Beck, über das Wohl der Bürger gestellt.

Die Poltik hätte durchaus Möglichkeiten und könnte etwa die Erhaltungssatzung zum Milieuschutz im Nordbahnviertel erweitern. Diese wurde 2013 für einen Teil des Viertels verabschiedet, um die „gebietsansässige Bevölkerung vor Verdrängung zu schützen“. Zwar sind damit dennoch Mietsteigerungen möglich, jedoch nur bis zur Höhe des Mietspiegels. Von den Planungen der Stadt auf dem S 21-Gelände erwartet Mieterin Knöller eine weitere Verschärfung der Wohnsituation. „Alles, was in den letzten Jahren neu gebaut wurde, sind Eigentumswohnungen. 75 Quadratmeter kosten hier 500.000 Euro.“ Für die Geringverdiener, die im Viertel leben, ist da kein Platz.

Dass das schleichende Ende der Bahnbetriebe sich auch positiv auswirken kann, wird unweit des Nordbahnhofs deutlich.

Seit fast 20 Jahren stehen hier die „Waggons“. Derzeit haben 17 Künstler Atelierräume in Bauwagen der Bahn. Mit den Bewohnern des Nordbahnhofviertels unternahmen die Künstler schon zahlreiche Projekte, beispielsweise gemeinsam mit dem Kulturzentrum Haus 49. „Kinder und Jugendliche des Viertels halten sich oft auf dem Gelände auf“, sagt die bildende Künstlerin und Musikerin Lilith Becker, die im Vorstand des Vereins aktiv ist.

Unter den Künstlern herrscht wegen der Planungen des Stuttgart 21 Geländes Unsicherheit. Es ist nicht klar, wie es weitergeht. „Derzeit droht mal wieder ein Abbruch“, berichtet Becker. Vor allem geht es um ein Bahnwärterhäuschen auf einem Gelände, das laut Vertrag 2019 als bebaubare Brachfläche von der Bahn an die Stadt übergeben werden soll. „Da wir von dort Strom, Wasser und Internet beziehen, müsste unser ganzes Projekt logistisch neu gedacht werden. Wenn wir nicht wissen, wie’s weitergeht, macht das keinen Sinn“. Derzeit suchen sie bei der Stadt Unterstützer. „Zudem wollen wir bekannter machen, was hier entstanden ist“, erzählt Becker. Dieses Jahr werden sie als Veranstaltungsort bei der Stuttgartnacht dabei sein und planen für 2019 ein Festival auf dem Gelände, dem ab diesem Herbst Diskussionsrunden vorweg gehen sollen.

Sie wünschen sich, bei den Planungen für die Bebauung des S21Geländes mitbedacht zu werden: „Es wäre schade, wenn man das, was auf dem Gebiet bereits entstanden ist, nicht in das neue Stadtviertel integriert.“
Im Nordbahnhofviertel tauchen also Fragen um die Zukunft der Stadt auf: Wem gehört die Stadt? Angestammten Bewohnern oder der zahlungskräftigeren Mittelund Oberschicht? Was passiert mit subkulturellen Freiräumen, die eine Stadt erst lebenswert machen? Die Bewohner warten auf Antworten. 

 

Text: Fabian Stetzler

Fotos: Lucia André

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