LIFT-AKTUELL

LIFT-Leseprobe im Januar 2019

An dieser Stelle gibt es jeden Monat eine Leseprobe zum Download sowie einen Artikel aus unserer aktuellen LIFT-Ausgabe.

WELCHE THEMEN DISKUTIERT DER KESSEL 2019? LIFT KENNT DIE GEWINNER UND VERLIERER

wer gewinnt 2019?

Im Mai finden Kommunalwahlen statt. Das sind aber längst nicht die einzigen Entscheidungen, die 2019 in Stuttgart anstehen. LIFT wirft schon mal einen hochseriösen ersten Blick auf die Themen, um die im neuen Jahr gestritten wird.

Ramen gegen Bart

Die Ramenbedingungen für Fans japanischer Nudelsuppen waren nie besser, überall eröffnen neue Ramenläden und graben dem Burger das Wasser ab. An jeder zweiten Ecke entdeckt man dagegen Männer, die auf Bärte starren – Herrenwellness im Barbershop mit Whiskey und erlesenen Bartölen ist offenbar das letzte Männlichkeits-Refugium in Zeiten von #MeToo und Gender-Sprech. Endlich kann sich auch Mann schambefreit in den Beautysalon trauen. Von draußen erkennt man den Unterschied oft erst auf den zweiten Blick: Hängen dem Gast Nudeln aus dem Mund oder ist das ein einshampoonierter Bart, aus dem die Reste vom Frühstücksei gebürstet werden? Die wichtigere Frage ist aber: Welcher Trend wird uns 2019 mehr nerven?

Filmhaus gegen Parkplätze

Eine unendliche Geschichte: Schon seit dem Ende des Kommunalen Kinos 2008 ist ein neues Film- und Medienhaus geplant. Im Langstreckenrennen für den Standort waren bereits am Start: Villa Berg, Österreichischer Platz, Hindenburgbau, Calwer Passage und womöglich auch der Partykeller von Kulturbürgermeister Fabian Mayer. Übrig blieb das Breuninger Parkhaus am Leonhardsplatz – das wird nämlich in einigen Jahren abgerissen. Der Pachtvertrag des Kaufhauses läuft jedoch bis 2028. Dort ist man gesprächsbereit, pocht aber auf die Beibehaltung der 650 Parkplätze – wenn möglich unter der Erde. 2019 soll es endlich zu einer Entscheidung kommen. Wer Stuttgart kennt, ahnt bereits den Ausgang: Am Ende gibt es ein Autokino auf dem Parkhausdach. Als Interimslösung, versteht sich.

Anwohner gegen Clubs

Kürzlich führten Anwohnerbeschwerden zur Wiedereinführung der Sperrstunde in der Eberhardstraße, auch anderswo kommt es wegen der Lautstärke immer wieder zu Streit mit Nachbarn. Die könnten sich sogar auf Schopenhauer berufen: „Wo viele Gäste sind, ist viel Pack“, wusste einst der Philosoph. Zudem heißt eines seiner Standardwerke „Die Kunst, Recht zu behalten.“ Mit Rechthabern auf beiden Seiten kommt man aber nicht weiter. In Mannheim sorgt darum inzwischen ein Nachtbürgermeister für Dialog und Ausgleich – eine Idee, mit der auch manche Stuttgarter schon liebäugeln. Bei Bewerbungen mit Tübinger Poststempel ist allerdings Vorsicht geboten: Es könnte Boris Palmer auf der Suche nach neuen Aufgaben sein.

Bücher gegen Leseratten

Von den Baustellen im Kessel sind viele genervt, am meisten aber die Ratten – durch sie verlieren sie nämlich ihren Lebensraum. Trost finden sie offenbar in der Literatur: In der dringend sanierungsbedürftigen Uni-Bibliothek beim dringend sanierungsbedürftigen Stadtgarten fielen fast 8.000 Bücher Ratten zum Opfer. Das Problem ist seit Langem bekannt, die Neugestaltung des Stadtgartens fiel bei Etatberatungen des Gemeinderats aber immer wieder durch – und kommt in diesem Jahr erneut auf den Tisch. Da die Ratten nun auf den Geschmack gekommen sind, sollte man sich aber auch andernorts beeilen: Nach diversen Verzögerungen soll Ende 2019 endlich der Erweiterungsbau der Landesbibliothek fertig sein. Wenn nicht rechtzeitig alle Türen und Fenster eingesetzt sind, ist das Band zur feierlichen Einweihung aber womöglich bereits angenagt.

Der VfB gegen sich selbst

Im Abstiegskampf tritt der VfB vor allem gegen sich selbst an: Gegen Verletzungspech, Formschwäche und die vergoldeten und deshalb schweren Füße von Mario Gomez. Dabei passt ein Team mit so vielen Baustellen ja eigentlich ganz gut zu Stuttgart. Läuft die Rückrunde schlecht an, wird 2019 bald wieder die Trainerfrage gestellt. Der passende Gegenentwurf zum distanzierten Markus Weinzierl? Bei einer nächtlichen Umfrage auf der Theodor-Heuss-Straße sprachen sich weibliche Fans klar für den deutlich nahbareren Lothar Matthäus aus. Und im Falle des Abstiegs? Kehrt Jürgen Klinsmann heim. Der muss ja jetzt eh kleinere Brötchen backen.

Stadt am Fluss gegen den Fluss der Zeit

Wird das mit dem „Erlebnisraum Neckar“ eigentlich noch was, bevor die Malediven untergegangen sind? Schon 2017 stellte Oberbürgermeister Kuhn seinen Masterplan vor, die Stuttgarter mit Uferpromenaden und Wasserzugängen endlich an den Fluss zu bringen. Womöglich werden eines Tages unsere Enkel davon erzählen – passiert ist seither nämlich wenig. Einige Baumaßnahmen sollen aber 2019 endlich beginnen. So etwa die Uferpromenade beim Untertürkheimer Lindenplatz, allerdings erst ab Ende des Jahres und damit zwei Jahre zu spät. Die Pläne fürs Cannstatter Wasenufer werden erst noch beraten – für den Doppelhaushalt 2020/21. Macht die Stadt mit, könnte es mit der Surfwelle beim EnBW-Wasserkraftwerk etwas rascher losgehen. Nur in Gaisburg ist man der Zeit voraus, dort geht nämlich das Club- und Eventschiff Fridas Pier an den Start – und verglichen damit sind die Malediven so gediegen wie der Neckar Käpt’n.

Verkehrskollaps gegen Vernunft

Die Frage, wem die Straße gehört, ist im Grunde ein alter Hut: Die ersten Autos von Daimler durften zunächst nur auf bestimmten Straßen und zu festgelegten Zeiten fahren – um die Pferde nicht nervös zu machen. Ein bisschen mehr Nervosität könnte den Autobauern von Heute nicht schaden: Anders als etwa in Rom oder Madrid, sind die kaum kontrollierten Dieselverbote in Stuttgart bestenfalls symbolisch. Dabei müssen für den Verkehr der Zukunft dringend alte Zöpfe ab. Immerhin investiert Daimler in eine Firma, die in Bruchsal Flugtaxis entwickelt – sobald jemand Drohnen mit integriertem Blitzer erfindet, könnte sich Stuttgart hier zum Vorreiter aufschwingen. Statt auf Science Fiction könnte man aber auch auf zeitlosere Ideen setzen: zum Beispiel den Bau neuer und sicherer Radwege, die die Initiative Radentscheid für Stuttgart fordert.

AfD gegen Verfassungsschutz

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen? Eben nicht. Die AfD hat zwar eine starke Rechte, einem Duell mit dem Verfassungsschutz würde sie aber dann doch lieber aus dem Weg gehen. Die Jugendorganisation im Südwesten wird bereits beobachtet, rassistische Entgleisungen wie gegenüber der Landtagspräsidentin Muhterem Aras in Stuttgart sollen deshalb nun vermieden werden („Aras kann als Migrantin gar nicht für die Deutschen reden“). Da könnte sich die AfD das Papier für die Wahlplakate und -programme eigentlich auch sparen: gut für die Umwelt, noch besser fürs gesellschaftliche Klima. Doch die Radikalen hinter dem „Stuttgarter Aufruf“ wollen sich den Mund nicht verbieten lassen. Aus der Parteizentrale wird also fleißig Kreide zum Fressen verteilt, doch die reicht längst nicht für alle.

Mieter gegen Immobilienhaie

450 Euro Miete für zehn Quadratmeter – wer bietet mehr? Der Wohnungsmarkt im Kessel gleicht zunehmend einem Auktionshaus. Es wäre kein Wunder, wenn Besichtigungen bald Eintritt kosten. Für Immobilienhaie wie die Firma Vonovia, die allein in Stuttgart rund 4.600 Wohnungen besitzt, sind Mieter ohnehin bloß kleine Fische – da wird schon mal eine schwerbehinderte Rentnerin in Esslingen kurz vor Heiligabend vor die Tür gesetzt. 2018 machte sich erster Widerstand gegen den Mietwucher breit, als leerstehende Wohnungen in S-Heslach besetzt wurden. Das könnte 2019 Schule machen, ungenutzten Raum gibt es in Stuttgart ja genug. Wie wäre es mit Pop-up-Wohnungen in leerstehenden Gerber-Shops? Auch der Keller Klub, der wohl einem Hotelneubau weichen muss, ließe sich mit ein paar Blumen sicher in ein gemütliches Souterrain verwandeln. Gentrifizierung zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten: Verkauft!

Turner gegen Technik

Bei der Turn-WM in Stuttgart im Oktober ist mehr Präzision denn je gefragt. Erstmals werden die Übungen mit modernsten Kameras in 3D-Einzelbildern ausgewertet. Manche Turner befürchten aber Verzögerungen durch Technik-Probleme. LIFT-Prognose für einen möglichen Testlauf: Anstatt das selbstlose Angebot von Theaterhaus-Choreograf Eric Gauthier anzunehmen, seine Tänze für die Nachwelt vermessen zu lassen, entscheidet man sich für einen Pilotversuch beim Volkfest. Mit Erfolg: Zwar lassen die Haltungsnoten im Zelt stündlich nach, die Kameras werten aber auch die weniger filigranen Bewegungsabläufe am späten Abend problemlos aus.

Lena und Lisa gegen die EU

Kommt es zur geplanten Urheberrechtsreform der EU, droht dank Upload-Filter das Ende von Youtube. Mindestens. Bei einem hippen jungen Stuttgartmagazin wie LIFT gehen die Influencer der Stadt natürlich ein und aus – daher die Insider-Info: Im Mai tauschen die berühmten Stuttgart-Zwillinge Lena und Lisa ihre Hoodies gegen Blazer (aus eigener Kollektion natürlich) und treten zur Europawahl an, um das Internet zu retten. Noch hat sich niemand aus der Redaktion getraut, den Mädels zu sagen, dass 13,9 ihrer 14 Millionen Follower noch gar nicht wahlberechtigt sind. Am Ende wird alles halb so wild: Das Internet löschen können, wie wir von panischen Anrufen wissen, schließlich nur unsere Eltern.

Hoch- gegen Subkultur

Seit 2013 soll das Opernhaus saniert werden, ebenso lange wurde über den Standort für eine Interimsspielstätte diskutiert. Jetzt sollen plötzlich Container City und Stadtacker bei den Wagenhallen für die Zwischennutzung weichen. Die Pläne sollen bis zum Sommer konkret werden. Der Verein „Aufbruch Stuttgart“ kämpft dagegen weiter für eine neue Kulturmeile samt Operneubau. Dazu müsste ja nur das Gebäude vom Königin-Katharina-Stift versetzt werden. Was man sich halt so überlegt, wenn man früher gerne „Sim City“ spielte. Übrigens gibt’s den Computerspiele-Klassiker 2019 nun endlich als „Stuttgart Edition“ – dabei ringt man mit Gegenspielern um den wenigen Platz im Kessel. Die Lieblingsprojekte des Gegners plattmachen: ein Spaß für die ganze Familie.

Illustrationen: Paulina Eichhorn
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