LIFT-Aktuell im Januar 2018

An dieser Stelle gibt es jeden Monat eine kleine Leseprobe zum Durchblättern sowie einen kompletten Artikel aus unserer aktuellen Print-Ausgabe.

LESEPROBE

WIR BEGIESSEN DAS NEUE JAHR MIT FEUCHTFRÖHLICHEN WORTSCHÖPFUNGEN 

DIE WORTE DES JAHRES 2018

Worte, Unworte, Jugendworte: Sehr seriöse Jurys küren pünktlich zum Jahreswechsel ihre begrifflichen Highlights des vergangenen Jahres. Doch wieso warten? Was 2018 in Stuttgart wichtig wird und welche Wortschöpfungen steil gehen werden, steht für LIFT schon fest.

ent|craf|ten 

Perfektbildung mit ‚haben’ 

Zuerst war es nur das Bier, dann Möbel, Fashion, Schnaps und Tattoos. Plötzlich war alles Craft. 2018 ist Schluss mit dem Modewort: Sprache, Getränke und die Handwerkskünste werden ordentlich entcraftet. Schnell entwickelt sich das Verb zu einem Synonym für „zurück zu den Ursprüngen gehen“. Bier wird daher auch nicht länger aus Sommeliergläsern getrunken, sondern wieder als gute alte Halbe. Und die wird gefälligst ordentlich voll gemacht. Prost!

Pla|nier|mei|le, die

Kunstwort aus ‚planieren’ und ‚Flaniermeile’. Ironische Bezeichnung für Stuttgarts Innenstadt, die irgendwann in sehr ferner Zukunft autofrei sein soll. Dafür müssen aber erst einmal die Straßen erneuert werden.

In|ten|dan|ten|in|va|si|on, die

Dass 2018 gleich drei neue Gesichter auf den Chefsesseln der Staatstheater landen, haben die Stuttgarter mit einem eigenen Wort geadelt. Burkhard Kosminski wird Intendant am Schauspiel, Viktor Schoner zieht in der Oper ein und Tamas Dietrich rückt aus der zweiten Intendantenreihe an die Ballettspitze.

Gas|sen|kampf, der

Ironische Bezeichnung für den Konflikt zwischen Anwohnern und Gastronomen vor allem in der Tübinger Straße. Durch die Kombination mit dem altbackenen Wort ‚Gasse’ wird die vorgeworfene Spießbürgerlichkeit der Anwohner aufs Korn genommen.

bur|gern

Perfektbildung mit ‚haben’ Jugendsprache.

Wortherkunft: vom Substantiv ‚Burger, der’, nach Art des Hamburgers belegtes Brötchen. Der Burger war lange Zeit eine in Stuttgart beliebte Mahlzeit, 2018 läutete aber das Ende des Burger-Hypes ein. Bedeutung: nicht mehr aktuell sein, ‚out’ sein. Beispiel: „Deine Schuhe burgern voll.“

→ Siehe auch: ‚Gin donnich’

ki|os|ken

Perfektbildung mit ‚haben’

Seit das Alkoholverkaufsverbot nach 22 Uhr wieder aufgehoben ist, halten sich vor allem junge Menschen wieder gezielt rund um Kioske auf, unterhalten sich (laut, auch nachts!) und konsumieren Alkohol.

Beispiel: „Kiosken ist das neue Cornern.“

Gin| don|nich,

der Kurzform von „Gin – doch nicht“.

Seit auch der letzte Vollhorst verstanden hatte, dass Gin Tonic sowas von 2017 ist und sich mitten in der Bestellung auf die Zunge biss, steht der Ausdruck „Gin donnich“ für Momente, in denen man sich es im letzten Monat nochmal anders überlegt hat.

Beispiel: „Auf dem Green Fall (→ ‚Green Fall Festival’) wollte ich grad diesen Typen anbaggern, als ich sein abgeburgertes (→ ‚burgern’) Tattoo gesehen hab. Richtiger Gin donnich.“

leer|nen

Perfektbildung mit ‚haben’

Kunstwort aus ‚leer’ und ‚lernen’. Bedeutung: nichts lernen. Unterstellte Tätigkeit von Stuttgarter Schülern. Grund sind die katastrophalen Zustände im Bildungswesen der Stadt: marode Gebäude, Schulschließungen und -zusammenlegungen bei gleichzeitigem Babyboom. Baustau und Lehrermangel kommen als Stuttgart-spezifische Probleme noch zu den ohnehin schlechten Testergebnissen der baden-württembergischen Schüler hinzu.

rum|o|pern

Perfektbildung mit ‚haben’

Kunstwort aus ‚rum’, Kurzform von ‚herum’ und ‚Oper’. Anspielung auf die endlose Suche nach einer Interimsspielstätte der Stuttgarter Oper. Bedeutung: sich verabreden, aber nicht wissen, wo man hingehen soll.

Beispiel: „Bei ihrem ersten Date haben sie voll rumgeopert.“

Vi|no|no|hou, die

Nachdem der Übermorgenmarkt bereits 2017 das Weihnachtsmarkt-Business geentert hatte („Wouahou“), beglücken die Macher Stuttgart 2018 auch mit einem alternativen Weindorf auf dem Marienplatz.

Green| Fall| Fes|ti|val, das

Ehemals ‚New Fall Festival’, ursprünglich aus Düsseldorf stammendes Popmusikfestival, das aufgrund der großzügigen Förderung auf Drängen des grünen Stuttgarter Oberbürgermeisters und der grünen Gemeinderatsfraktion 2018 umbenannt wurde.

Plu|xus, das

Kofferwort aus ‚Paulinenbrücke’ und ‚Fluxus’. Die Bezeichnung entstand nach dem Umzug des alternativen Einkaufszentrums aus der Calwer Passage unter die Paulinenbrücke.

Gau|men|freund| &| Kup|fer|schmec|ker, das

Name eines neu eröffneten Restaurants in S-Mitte. Nach Club, Bar, Mietlocation, Straßenfest und Büdchen (→ ‚kiosken’), betreiben die Freund-&-Kupferstecher-Macher nun auch ein eigenes Restaurant. Für 2019 haben sie bereits die Gründung des Modelabels „Farbenfreund & Kupferstecker“ angekündigt.

trol|lin|gern

Perfektbildung mit ‚haben’

Kunstwort aus ‚trollen’, also im Internet Beiträge veröffentlichen, nur um andere zu provozieren, und ‚Trollinger’, eine im Neckartal weit verbreitete rote Rebsorte. Bedeutung: Nach dem Konsum von zu viel Wein (es muss kein Trollinger sein) Hasskommentare über Stuttgarts Regionalpolitik posten.

Vf|weh, der

[sprich: „Fau-eff-weh“]

Kofferwort aus ‚VfB’ und ‚tut weh’. Spätestens nach dem so schmerzlichen wie vergeblichen Abstiegskampf und dem damit verbundenen Wiederabstieg des Cannstatter Fußballvereins VfB Stuttgart hat der Club bei den Fans seinen neuen Spitznamen weg.

S-|ar|di|nen|do|se, die

[sprich „Essardinendose“]

Umgangssprachliche Bezeichnung für Stuttgarter S-Bahnen, in denen sich dank Fahrverboten die Mitfahrer stapeln.

Alle Illus: Maren Profke, www.marenprofke.eu

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