LIFT-AKTUELL

LIFT-Leseprobe im Februar 2019

An dieser Stelle gibt es jeden Monat eine Leseprobe zum Download sowie einen Artikel aus unserer aktuellen LIFT-Ausgabe.

Foto: Jason Leung/unsplash.com

ALLES AUSRESERVIERT UND TROTZDEM NICHT VOLL: DIE NO-SHOW-MENTALITÄT MACHT DEN WIRTEN ZU SCHAFFEN

DIE NEUE UNVERBINDLICHKEIT

Trotz Tischreservierung wird häufig spontan entschieden, ob es abends zum Italiener oder doch in die Weinstube geht – klagt die Gastro-Branche. „No-Shows und sehr kurzfristige Absagen haben zugenommen“, sagt Daniel Ohl vom Hotel- und Gaststättenverband Dehoga Baden-Württemberg.

Reservieren Gäste einen Tisch oder ein Hotelzimmer und erscheinen nicht, wird dies als No-Show bezeichnet. Für ein reserviertes, aber nicht genutztes Hotelzimmer muss der volle Preis bezahlt werden. Sogar für einen nicht wahrgenommenen Termin beim Physiotherapeuten oder bei der Kosmetikerin wird eine Gebühr fällig. Stichwort: Storno- oder Ausfallkosten. Anders in der Gastronomie: „Wenn ein reservierter Tisch leer bleibt, fehlt dem Wirt der Umsatz. Er bleibt auf Kosten für Personal und Ware sitzen“, sagt Ohl.

Auch Chris Rendlen vom Sterne-Restaurant Yosh kennt das Problem. „Bei uns sind No-Shows schon vorgekommen – zum Glück selten. Einige Gäste wollen immer öfter bis zum Abend die Wahl haben, wo sie hingehen und reservieren in mehreren Restaurants“, sagt Rendlen. Dass dies gerade in der Sterne-Gastronomie einen Totalausfall bedeutet, ist den meisten nicht klar. „Ärgerlich ist das Nicht-Erscheinen der Gäste, da wir abends jeden Tisch nur einmal verkaufen können und Kunden ablehnen mussten, weil wir ausgebucht waren“, so Rendlen.

Den Trend zur Mehrfachbuchung hat auch das Online-Buchungsportal OpenTable erkannt – und ihm einen Riegel vorgeschoben: „Gästen ist es nicht möglich, mehrere Reservierungen zeitgleich vorzunehmen“, sagt OpenTable-Pressesprecherin Jane Bekendam. „Gäste, die innerhalb von 12 Monaten viermal ihre Reservierung nicht wahrnehmen, können außerdem nicht mehr reservieren.“

Wer online bucht, kann sich per E-Mail oder SMS erinnern lassen. „Gäste können ihre Reservierung bestätigen und haben die Möglichkeit, sie in Echtzeit zu ändern oder zu stornieren. So wollen wir helfen, No-Shows zu minimieren“, erklärt Bekendam. Die Zahl der mobilen Buchungen in der Gastronomie nimmt zwar zu, doch noch ist die telefonische Reservierung am beliebtesten.

Eine repräsentative Umfrage des Digitalverbands Bitkom von Januar 2019 zeigt, dass mehr als die Hälfte der Befragten am liebsten anruft. Jeder Fünfte bucht zumindest hin und wieder einen Tisch online, über Reservierungsplattformen oder per Webseite.

Auch Christina Beutler von der Weinstube Fröhlich in S-Mitte setzt auf persönlich statt online: „Wir arbeiten gerne mit telefonischen Reservierungen, weil wir so direkten Kontakt haben. Die meisten Gäste sagen glücklicherweise ab, wenn sie nicht kommen. Wenn sich jemand mehr als 30 Minuten verspätet, geben wir den Tisch frei.“

Im Leonhardts-Panorama-Café im Fernsehturm sind Reservierungen dagegen nur gegen Gebühr möglich, weil die Verweildauer ohnehin sehr kurz ist: „Wir können die 60 Plätze im Panorama-Café gar nicht so oft reservieren, wie wir sie vergeben könnten. Wollen Gäste unbedingt reservieren, verlangen wir 17 Euro pro Person inklusive Fernsehturm-Ticket“, erklärt Geschäftsführer Dennis Shipley.

Das Lumen im Westen hat die Reservierungsmöglichkeit ebenfalls eingeschränkt. „Wir hatten immer wieder Reservierungen, bei denen die Leute gar nicht aufgetaucht sind. Am liebsten würde ich dafür No-Show-Gebühren nehmen. Das passt aber nicht zu unserem Laden. Daher läuft es an den Wochenenden nun ohne Reservierung“, sagt Geschäftsführer Fabrizio Zullo.

Grundsätzlich steht Chris Rendlen vom Yosh Gebühren offen gegenüber: „Bei anderen Dienstleistern werden Stornogebühren schon lange als völlig normal angesehen. Wir würden dies derzeit nicht forcieren, wären aber nicht abgeneigt, wenn alle anderen auch auf den Zug aufspringen.“

Den hat man im Sternerestaurant Olivo im Hotel Steigenberger Graf Zeppelin vor Kurzem bereits ins Rollen gebracht: „Wenn 24 Stunden vor der Reservierung nicht abgesagt wurde, werden aufgrund der hohen Kosten für Zutaten und das spezielle Aufkommen 100 Euro pro Person fällig“, erklärt Melanie Domin vom Steigenberger Hotel. Tuff tuff tuff die Eisenbahn, wer will mit nach No-Show-Gebührbach fahren?           

Stefanie Paprotka, Petra Xayaphoum

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