LIFT-Aktuell im Februar 2016

An dieser Stelle gibt es jeden Monat eine kleine Leseprobe zum Durchblättern sowie einen kompletten Artikel aus unserer aktuellen Print-Ausgabe.

LESEPROBE

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STATT STRICKEN UND STICKEN: STUTTGARTER HOLEN SICH LIEBER DIE LIEBLINGSBAND INS WOHNZIMMER

HAUSMUSIK, BABY!

Das Mikrofon ist an, Soul-Sänger Sarakula bereit für seinen Auftritt. Die Bühne steht, das Publikum schweigt erwartungsvoll. Aber dann: Der Keyboardständer fehlt! Weit und breit kein Roadie zu sehen, der sich darum kümmern könnte. Dafür gibt es Jörg Heinrich. Der läuft lässig zum Fenster, öffnet es, ruft zum Nachbarbalkon rüber. Keine fünf Minuten später hat der Künstler seinen Keyboardständer. „Ich liebe Heslach!“, sagt Heinrich und lacht. Er ist einer von vielen Stuttgartern, die ihr Heim zum Club und ihr Wohnzimmer zur Bühne umfunktionieren. 

Von einem Trend zu sprechen, mag etwas übertrieben sein. Tatsächlich gibt es aber in Stuttgart immer mehr unerschrockene Mieter oder Eigentümer, die ihre eigenen vier Wände zur Verfügung stellen, um dort einen Musiker vor haufenweise fremden Menschen auftreten zu lassen. 

Allein auf der 2014 gegründeten Plattform Sofaconcerts.org, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Wohnzimmerkonzertgemeinde zu vereinen und Bühnen zu schaffen, wo vorher keine waren, sind in der Region Stuttgart derzeit rund 50 Wohnzimmer eingetragen: Lofts mit Panoramablick in S-Ost, Altbau-WGs im Süden, der lange Flur in der Augustendiele in S-Mitte oder das Gerlinger Tree House mit schmuckem Garten stellen spannende Alternativen zu den gängigen Konzertlocations dar. „Wir inspirieren Musikliebhaber, ihre Räumlichkeiten zur Bühne für aufstrebende Musiker zu machen und die Stars von morgen live zu erleben“, so Miriam Schütt, die Gründerin von SofaConcerts.

Aus Profit macht das niemand. Dafür aus Liebe zur Musik, aus dem Willen heraus, das kulturelle Leben der Stadt aktiv mitzugestalten. So wie Claudia Zielfleisch. Bis zu 60 Nasen fasst ihre Wohnung in Stuttgart-Feuerbach, über 20 Gigs hat sie mittlerweile gestemmt. Gemeinsam mit einer Freundin hat sie auch den Verein In- DieWohnzimmer gegründet. Acht bis zehn Konzerte unterschiedlichster musikalischer Couleur veranstaltet sie mittlerweile jährlich.

Foto: Manuel Wagner

KÜNSTLER IN SOCKEN 

Ein enger Kontakt zwischen Interpret und Publikum ist nicht nur unausweichlich, sondern erwünscht. Das kommt an, wirklich nah kommt man den Musikern ja selbst bei einem kleinen Club-Gig nicht. Und auch die Künstler selbst lieben diese besondere Form des Konzerts, wie Sally Grayson von der Stuttgarter Indie-Band Black Swift erklärt. „Alles ist näher, kleiner, purer – und ich sehe die Menschen, für die ich spiele.“ Ein wichtiger Faktor.

Selbst auf kleinen Bühnen sieht man als Musiker nur die ersten paar Reihen, der Rest des Saals versinkt in Dunkelheit. In einem sind sich Veranstalter und Künstler einig: Man weiß nie, was einen erwartet. Wer also immer noch über Locationmangel jammert, soll doch einfach selbst Konzerte veranstalten. Alles, was man dafür braucht, ist ein geeigneter Raum und Bock auf Menschen. All das hat auch Manuel Wagner. Als „Bezahlung“ für ein Foto ließ er 2009 spontan eine Band bei sich im Wohnzimmer auftreten. Mittlerweile veranstaltet er regelmäßig Konzerte dieser Art. Die findet der Grafiker um einiges herzlicher und persönlicher. „Wenn eine amerikanische Band den Tourabschluss bei dir feiert, ist das etwas Unvergess-liches.“ Und bringt schöne Erinnerungen: „Einmal trank eine Besucherin offensichtlich etwas zu viel, rollte sich in einen Teppich ein und lag dann als Teppichwurst im Wohnzimmer.“ Ganz klar: Im Keller Klub geht geht das nicht.


Björn Springorum


DECLAN GUCKIAN [4.2. 20 Uhr, Augustendiele, Stuttgart-Mitte]

JAWKNEE MUSIC [10.2. 20 Uhr, JuKi, Ludwigsburg]

THE GRAND BAY [20.2. 20:30, InDieWohnzimmer,S-Feuerbach]

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