LIFT-Aktuell im August 2018

An dieser Stelle gibt es jeden Monat eine Leseprobe zum Downloaden sowie einen Artikel aus unserer aktuellen LIFT-Ausgabe.

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Foto: Annie Spratt/Unsplash

Urban Beekeeping: Immer mehr Stuttgarter gehen unter die Imker – Bienenrettung oder Gefahr?

VÖLKER DIESER STADT

Wenn man von der Wahl des Haustieres auf seinen Besitzer schließen kann, leidet der moderne Großstädter offenbar unter einem Gottkomplex. Hunde und Katzen sind out – wer in sein will, schwingt sich lieber zum Herrscher ganzer Völker auf. Urban Beekeeping liegt voll im Trend – und auch auf Stuttgarts Dächern wimmelt es nur so von Großstadtbienen. 

Ganze 2.885 Völker sind im Raum Stuttgart gemeldet. Unter den Haltern sind zwar Imker mit bis zu 140 Stöcken, allerdings auch, wie es auf Nachfrage bei der Stadt augenzwinkernd heißt, „viele Weltenretter mit nur einem Volk“. Bloß gut gemeinter Aktivismus oder ein echter Beitrag zur Artenrettung?

Klaus Wallner, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Landesanstalt für Bienenkunde an der Uni Hohenheim, sieht den Trend positiv: „Er erzeugt Aufmerksamkeit für die Bienenthematik, das ist grundsätzlich gut. Man muss es aber richtig machen, darf es nicht bloß nebenher wie einen Vogelfutterkasten betreiben.“ Wallner empfiehlt daher, sich ausführlich in Kursen zu informieren und beraten zu lassen.

Weil nicht alle Völker über den Winter kommen, sollte man stets mehrere halten. Auch sei der Standort des Bienenvolkes enorm wichtig: „Viele Völker werden auf Dächern oder Balkonen aufgestellt, dabei ist es dort oft zu heiß.“

Tatsächlich haben es Bienen in der Stadt inzwischen meist besser als auf dem Land, wo ihnen Monokulturen, die Intensivierung der Landwirtschaft und die daraus resultierende Vergrasung zu schaffen machen. Anders als auf dem Land finden sie etwa in Parks, Gärten und auf Balkonen eine breite Blütenvielfalt vor.

Die Angst, dass der Stadthonig wegen des Feinstaubs gesundheitsschädlich sein könnte, ist Wallner zufolge unbegründet: „Bienen sind seit jeher mit Stäuben aller Art konfrontiert und haben ein hocheffizientes System zum Filtern von Schadstoffen.“

Allerdings sollte die Honigmaximierung nicht im Vordergrund stehen, findet David Gerstmeier, der gemeinsam mit Tobias Miltenberger an Standorten wie der Stuttgarter Kulturinsel oder den Wagenhallen Stadthonig produziert und mit „ProBiene“ ein Institut für ökologische Imkerei gegründet hat. In Kursen und Ratgebern plädieren sie für eine wesensgemäße Bienenhaltung, schließlich übernehme man die Verantwortung für Lebewesen: „Bienen sollten sich über den Schwarmtrieb natürlich vermehren und, anstatt in industriell vorgefertigten Waben zu leben, wieder ihre eigenen bauen.“

Ein positiver Effekt beim Urban Beekeeping sei, so Gerstmeier, dass man sich nicht nur mit dem Bienenvolk, sondern auch intensiv mit seiner Umgebung befasse. „Das schafft Bewusstsein für die Zusammenhänge in der Natur und Wertschätzung für den Honig.“

Neben der Kritik, dass Bienen oft an ungeeigneten Orten gehalten werden, gibt es aber auch grundsätzliche Bedenken. „Der umsorgten Honigbiene geht es längst besser, die Völkerzahlen steigen“, sagt Sabine Holmgeirsson vom Naturschutzbund (Nabu) Weil der Stadt. „Aber weil in einem trockenen Jahr wie diesem Futterkonkurrenz herrscht, könnten die ebenso wichtigen Wildbienen auf der Strecke bleiben, von denen es rund 650 Arten gibt.“ Anstatt sich ein Bienenvolk in den Garten zu stellen, empfiehlt die Fachbeauftragte für Wildbienen und Pflanzenschutz, dort lieber mehr Raum für Blühpflanzen zu lassen – da hätten alle was davon.       

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ProBiene [www.probiene.de]

 

 

Text: Frank Rudkoffsky

Foto: Anna Reiff/Unsplash

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