DEM VESPERBROT EIN SCHNIPPCHEN SCHLAGEN

Von der Nebensache zur hauptsache: angeschlossene gastronomien, die was drauf haben

Es gab Zeiten, da hat man sich damit zufrieden gegeben, wenn’s im Zoo oder im Stadion eine Würstchenbude gab, die Senf, Mayo und (!) Ketchup hatte. Und zur Sicherheit hatte man immer die Taschen voll mit Vesperbroten und Trinkerle – man weiß ja nie.

Machen wir uns nichts vor, die Zeiten sind vorbei. Ja, Vesperbrote sind schon cool, the Avocado-Toast-Trend never ends, aber nach einem ganzen Tag jubeln, Schlange stehen, fotografieren und den Kindern hinterherjagen ist ein gutes Stück Fleisch halt auch nicht falsch.

„So einen guten Rostbraten habe ich schon lange nicht mehr gegessen, hat mir dieses Wochenende einer meiner Gäste gestanden“, erzählt Michael Braun. Der gelernte Koch und Gastronom hat vor Kurzem das VfB-Clubrestaurant (2) neben dem Stadion (1) übernommen und es von seiner Burgerlastigkeit befreit. Seit April gibt es außerdem eine nicht zu verachtende Steak-Karte. „Natürlich muss man sich darauf einstellen, für wen man kocht“, erklärt Braun, der eigentlich im Fine-Dining-Bereich zu Hause ist,  „aber eine gehobene Küche muss nicht abgehoben sein.“

Nach wie vor findet man im VfB-Clubrestaurant auch ein Schnitzel als Grundlage für’s Stadion-Bier – nur ist das eben hauchdünn und knusprig paniert statt der totfrittierten Cholesterin-Schleuder, wie man sie in einer Vereinsgastronomie erwarten würde.

Der Wandel kommt nicht von ungefähr: „Mit gutem Essen kann man auch abseits der Heimspiele Leute anlocken“, weiß Braun, der zuvor auf der gegenüberliegenden Straßenseite den Küchenchef gemacht hat: im Restaurant im Mercedes-Benz Museum (3, 4).

Das ist ein weiteres Beispiel dafür, dass angeschlossene Gastronomie mittlerweile mehr als Schnipo leisten muss und auch kann. Als Brauns Nachfolger holte man sich hier Experten ins Haus, die unter der Leitung von Gerd Schmid (zuvor Geschäftsführer der Speisemeisterei) und mit dem kulinarischen Input von Küchenchef Philipp Jaeger (2017 vom Gault & Millau als „Junges Talent“ ausgezeichnet) ebenfalls großes Kino auf den Teller bringen: gebratene Landhuhnbrust, in Miso gebeizter Lachs, Räucherfischessenz, Fischmaultäschle...

„Das Gesamterlebnis eines Museums wird immer wichtiger“, bestätigt Gerd Schmid. „Natürlich überzeugt jedes Museum durch seine Ausstellung, jedoch liegt gerade hierin auch die Motivation die Gastronomie zu stärken.“ Dass die Besucher nach dem Muse-umsrundgang bei gutem Essen und Trinken einen Moment innehalten und Resümee ziehen können, ist dem Standortleiter wichtig: „Ein gelungenes Gesamt-erlebnis hat zur Folge, dass sich Leute auch Gedanken über einen weiteren Besuch mit Freunden, Bekannten und Geschäftspartnern im Museum um die Ecke machen.“

Nicht ganz um die Ecke ist das Freilichtmuseum Beuren (5) gelegen. Aber auch bei einem Ausflug nach Beuren kann man seine belegten Brötle guten Gewissens zu Hause lassen. Denn mit dem Landhaus Engelberg und dem Gourmetrestaurant Mannsperger’s hat man sowohl frische, bodenständig-schwäbische Küche vor der Nase als auch die gehobene Variante. Beide Lokale befinden sich unter den kulinarischen Fittichen von Küchenchef Emre Demiryüleyen, der sich aufs raffinierte Verknüpfen von regionaler Küche mit der orientalischen versteht. Im September diesen Jahres eröffnet übrigens im Freilichtmuseum das „Erlebnis.Genuss.Zentrum“, in dem die Geschichte und Bedeutung regionaler Produkte erlebbar wird. Ein rundes Gesamtpaket für Genuss-menschen also.

Wer nicht aus Stuttgart raus möchte, aber trotzdem nicht auf Grünzeug und Tiere verzichten will, der peilt üblicherweise die Wilhelma (7) in Bad Cannstatt an. Fast-Food-Alarm? Mitnichten. Dort hat im Februar nicht nur das mediterrane Bistro Belvedere in neuem, frischen Look eröffnet, an Ostern folgte das neue Restaurant Amazonica (6), das mit einer Art Marktplatzkonzept und entsprechendem Look daherkommt.

Die regionalen Zutaten, die man sich individuell zusammenstellen kann, werden in offenen Küchen frisch vor den eigenen Augen zubereitet. Gesünder und persönlicher geht’s kaum.

„Der Anspruch der Gäste an die Freizeitgastronomie ist in den letzten Jahren gestiegen. Erlebnisgastronomie und Themenwelten sind im Trend“, stellt man beim Gastro-Unternehmen Marché International, dem neuen Betreiber der Wilhelma-Gastronomie fest. „Generell ist der kulinarische Anspruch im Alltag gestiegen. Nachgefragt wird verstärkt genussvolles Essen, das frisch zubereitet und wenn möglich auch gesund ist. Trends zeigen, dass der Gast von morgen das wohl einfach voraussetzen wird.“

Und selbst wer in Stuttgart shoppen zu seinen liebsten Freizeitbeschäftigungen zählt, muss sich nicht mehr mit dem Angebot der Fressgasse (sorry, korrekt: Schulstraße) zufrieden geben. Stattdessen lohnt sich ein kleiner Abstecher zu Enso (8) im Dorotheenquartier von Breuninger, wo der hohen Kunst der japanischen Küche gefrönt wird.

Und wer statt Sushi einen guten Cocktail braucht, hat in wenigen Schritten die Breuninger-Bar Eduard’s (9) erreicht. „Food ist ein gesellschaftlich extrem wichtiges Thema, da muss Breuninger mit einem hohen Anteil an Gastronomie-Konzepten präsent sein“, weiß Joachim Aisenbrey, Geschäftsführer des Traditionshauses.

Für ihn gehören Fashion und Food zusammen. „Dies sorgt für intensive Kommunikation und eine tolle Atmosphäre im Haus. Und natürlich gibt es auch einen ganz ursprünglichen Grund, Gas-tronomie zu integrieren: intensives Shopping macht hungrig und durstig.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.     

 

1893 – DAS VFB-CLUBRESTAURANT [Mercedesstr. 109, S-Bad Cannstatt, Tel. 0711/57 71 88 70, www.vfb-gastro.de]

RESTAURANT IM MERCEDES-BENZ MUSEUM [Mercedesstr. 100, S-Bad Cannstatt, Tel. 0711/178 30 63, www.mercedes-benz.com/de/mercedes-benz/classic/museum]

MANNSPERGER'S [In den Herbstwiesen, Beuren, Tel. 07025/843 30 79, www.landhaus-engelberg.de]

MARCHÉ INTERNATIONAL [Wilhelma, Pragstr. 9, S-Bad Cannstatt, www.marche-movenpick.de/wilhelma]

ENSO [Else-Josenhans-Str. 6, S-Mitte, Tel. 0711/99 71 77 18, www.enso-stuttgart.de]

EDUARD'S [Sporerstr. 16, S-Mitte, Tel. 0711/211 22 01, www.eduards-bar.de]

Text: Petra Xayaphoum, Fotos: Ronny Schönebaum (1, 2, 3, 7, 8, 9)
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