Farbe bekennen

Foto: Annette Cardinale

Stuttgart feiert 40 Jahre Vielfalt

Stuttgart war lange die Hochburg der Schwulendiskriminierung – was hat sich seither getan?

Noch bis ins Jahr 1969 wurden Schwule auf Grundlage eines Nazi-Gesetzes verfolgt und kriminalisiert – und zwar besonders von der Stuttgarter Polizeidienststelle im „Hotel Silber“. 40 Jahre nach dem ersten „Homobefreiungstag“ in Stuttgart ist vieles erreicht, doch die queere Community sieht beim CSD-Jubiläum ihre erkämpften Rechte bereits wieder in Gefahr.

Claudius Gädeke, Sven Tomschin und Ralf Bogen dokumentierten die queere Vergangenheit Stuttgarts. Christoph Michl sorgt sich dagegen um die Zukunft // Fotos: Ronny Schönebaum, privat, Ronny Schönebaum

Razzien gab es schon viele in der New Yorker Bar „Stonewall Inn“. In der Nacht zum 28. Juni 1969 kam es in der Christopher Street jedoch zu einem gewaltsamen Aufstand von Drag Queens, Lesben und Schwulen gegen die staatliche Diskriminierung.

Zehn Jahre nach der Revolte fand die jährliche Gedenkparade – früher als in vielen anderen deutschen Städten – den Weg nach Stuttgart: Rund 400 Teilnehmer trafen sich 1979 zum „Homobefreiungstag“ auf dem Schlossplatz, um gemeinsam  für die Rechte queerer Menschen zu demonstrieren.

Zum 40. Jubiläum werden beim Christopher Street Day im Juli nun mehr als 6.000 Teilnehmer und 170.000 Besucher erwartet. Das Motto in diesem Jahr: Mut zur Freiheit. Dabei scheint auf den ersten Blick bereits vieles erreicht zu sein: Vor zwei Jahren hat der Bundestag die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet, auch ist seit 2019 mit „divers“ ein dritter Geschlechtseintrag möglich.

Manche Geistliche, Ärzte oder Psychotherapeuten versuchen aber noch heute, Menschen von ihrer sexuellen Neigung oder geschlechtlichen Identität abzubringen. Auch der Vatikan veröffentlichte gerade erst einen Leitfaden für Lehrer und Eltern zur vermeintlich reinen Geschlechtslehre.

„Viele Repräsentanten der Katholischen Kirche, evangelikaler Gruppen oder islamischer Verbände diskreditieren gelebte Homosexualität noch immer als widernatürlich“, sagt Ralf Bogen und verweist auch auf die Rolle der Medizin, Psychologie und Psychiatrie in der jahrhundertelangen Pathologisierung Homosexueller. Ralf Bogen kennt den weiten Weg, den die queere Bürgerrechtsbewegung zurücklegen musste.

Für das Onlineprojekt www.der-liebe-wegen.org, das 2018 mit dem ersten Landespreis für Heimatforschung ausgezeichnet wurde, recherchierte er mit seinem Team über die Verfolgung Homosexueller in Baden-Württemberg im Zuge des Paragrafen 175. Dieser stellte seit dem Jahr 1872 sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. Nach einer gesellschaftlichen Liberalisierung in den 1920ern wurde das Gesetz im Dritten Reich massiv verschärft – und in dieser Form noch bis ins Jahr 1969 auch in der Bundesrepublik aufrechterhalten.

Eine zentrale Rolle in der Strafverfolgung Schwuler spielte das sogenannte Hotel Silber in Stuttgart als Sitz der Gestapo und später der städtischen Kriminalpolizei. Seit 2018 ist das Hotel Silber ein Lern- und Gedenkort über Polizeiverbrechen. Auch Bogen, Vorstandsmitglied der dazugehörigen Initiative, trug mit seinen Recherchen einen wichtigen Teil zur Ausstellung bei. Anlässlich des CSD wird er zusammen mit Friedemann Rincke vom Haus der Geschichte Interessierte am 17. Juli durch die Räume führen.

„Ich finde es wichtig, dass das Unrecht an sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten endlich sichtbar gemacht wird“, sagt Bogen. Was er aus den Archiven zutage förderte, wirft ein erschreckendes Licht auf die Bundesrepublik der 50er und 60er – ganz besonders im Südwesten. Die Sittenpolizei im Hotel Silber rühmte sich, der Schrecken der „staatsgefährdenden“ Schwulen Stuttgarts zu sein.

Mit fast 20.000 Verfahren und über 7.300 Verurteilungen lag Baden-Württemberg deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Die Polizei setzte V-Männer in der Schwulenszene ein, noch bis 1969 wurden Strafgefangene in der Region sogar kastriert. Ehemalige homosexuelle KZ-Insassen, die eine Entschädigung beantragten, konnten wegen Betrugs verurteilt werden: Sie galten nicht als politisch verfolgt, sondern durch ihre Sexualität noch immer als Straftäter.

„Ich habe Männer kennengelernt, die damals Repressionen erlitten haben“, sagt Bogen. Diese seien so traumatisiert, dass sie bis heute nicht in der Öffentlichkeit darüber sprechen könnten. „Es ist für sie ein Wunder, beim CSD zu sehen, wie offen heute gefeiert und gelebt werden kann.“

Obwohl man sich ab 1969 nicht mehr heimlich – wie etwa im Café Weiß oder am Palast der Republik – treffen musste, war man von einer gesellschaftlichen Akzeptanz noch immer weit entfernt. Für ihre Youtube-Serie „Queer Life in the City“ sprachen Claudius Gädeke und Sven Tomschin vom Social-Media-Kanal „Sissy that talk“ mit Zeitzeugen über die schwule Geschichte Stuttgarts. Im Juni feierte die Fortsetzung der Reihe mit der lesbischen Perspektive Premiere, ein Zusammenschnitt beider Teile wird am 9. Juli im Stadtpalais gezeigt.

„Wir wollten die Erfahrungen der älteren Generation unterhaltsam und informativ für die Jungen aufbereiten“, sagt Gädeke. Tomschin ergänzt: „Geschichtliche Aufarbeitung ist oft schwerfällig, uns fehlte da bislang die Leichtigkeit.“

Ihre Serie zeigt, dass Schwule und Lesben mit unterschiedlichen Problemen zu kämpfen hatten. Anders als Männern fehlte es Frauen an Treffpunkten, sie waren kaum sichtbar und wurden nicht ernst genommen. Weil sie weniger verdienten, fiel es ihnen schwer, sich ein eigenes Leben aufzubauen.

Nach der Befreiung in den 70ern wurde die schwule Bewegung dagegen massiv von der Aids-Krise in den 80ern zurückgeworfen: „Die Krankheit lud das Stigma neu auf“, sagt Gädeke. „Mich hat erschüttert, wie viele Familien ihre an HIV erkrankten Kinder verstießen und verleugneten.“ Eltern seien teils sogar Beerdigungen ferngeblieben.

Heute sei die Situation zwar eine andere, trotzdem müsse man – auch auf einem En-tertainment-Kanal wie ihrem – politisch sein, glauben die „Sissy that talk“-Macher. „Wir hatten fette Jahre und haben viele Rechte dazubekommen. Aber Homosexualität ist noch in rund 70 Ländern verboten, auch stellen rechtspopulis-tische Bewegungen weltweit unsere Rechte infrage“, so Tomschin.

Die Sorge vor einem Rollback teilt auch der Stuttgarter CSD-Chef Christoph Michl. „Gesetze, die über Jahrzehnte entwickelt wurden, können schnell wieder abgewickelt werden. Der Wind wird rauer, darum müssen wir die Rechte queerer Menschen im Grundgesetz verankern und es sturmfest machen“, mahnt er. Schon heute gelte gendergerechte Sprache vielen als Feindbild. Ein Beispiel für tiefsitzende Vorurteile seien auch die Bildungsplangegner bei der Stuttgarter „Demo für Alle“. Für Michl sind die Kämpfe heute andere als früher. Lag der Fokus zuvor auf Schwulen und Lesben, brauche es nun eine Auffächerung für das ganze LSBTTIQ-Spektrum (lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender, intersexuell und queer), obwohl die neue Vielfalt auch innerhalb der Szene aus Sorge um die eigene Sichtbarkeit zum Teil umstritten sei.

Trotzdem bleibt der CSD-Chef Pragmatiker: „Wir wollen nicht von heute auf morgen bei 80 Millionen Deutschen die Sprache ändern, niemand erwartet, dass man in Ämtern alles sofort perfekt macht.“ Aber es müsse zumindest eine Entwicklung erkennbar sein.

Der Kritik mancher, dass der CSD zu einer kommerziellen Spaßveranstaltung geworden sei, entgegnet Michl: „Der CSD ist eine politische Veranstaltung, aber er muss sich auch finanzieren.“ Die Einnahmen durch Unternehmen kämen komplett der Community zugute. 2019 kostet der CSD rund 300.000 Euro. Anders als Städte wie Mannheim stellt die Stadt Stuttgart keine Gelder zur Verfügung, sondern bloß Sachmittel. Viele Künstler müssen umsonst oder für ein Taschengeld auftreten. Ein Antrag zum nächsten Doppelhaushalt des Gemeinderats soll dies bald ändern.

Denn es braucht auch 50 Jahre nach den Stonewall Inn-Revolten weiter einen CSD, glaubt Michl. Zwar dürfe man stolz auf das Erreichte sein – „aber wir leben in einer sich permanent wandelnden Gesellschaft. Minderheiten haben es immer schwerer, sie müssen Flagge zeigen und wachsam bleiben.“

www.der-liebe-wegen.org, www.facebook.com/sissythattalk, www.csd-stuttgart.de

 

Text: Frank Rudkoffsky

Die Highlights zum CSD 2019

Foto: Ronny Schönebaum

9.7. Get togehter, Lesben und Schwule!

Der queere Youtube-Kanal Sissy That Talk aus Stuttgart wird an diesem Abend Ausschnitte der Dokumentarserie „Queer Life in the City“ zeigen. Außerdem finden Diskussionsrunden zur Entwicklung der lesbisch-schwulen Community statt.

[Stadtpalais, 19:30 Uhr, Konrad-Adenauer-Str. 2, S-Mitte, www.csd-stuttgart.de]

 

12.7. CSD Empfang im Rathaus

Mit Themen rund um die Gleichberechtigung der LGBTQ-Szene, zum 50. Jahrestag der Stonewall-Inn Revolten, musikalisch untermalt von Linda Kyei & Zbikbeat, wird der CSD gebührend eingeleitet.

[Rathaus, 19 Uhr, Marktplatz 1, S-Mitte, www.csd-stuttgart.de]

 

12.7. Queerfilmnacht – Messer im Herz

Zu den Themen Homosexualität und Gewalt an Menschen mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen zeigt das Cinemaxx den Film „Messer im Herz“.

[Cinemaxx an der Liederhalle, 20:30 Uhr, Robert-Bosch-Platz 1, S-Mitte, www.queerfilmnacht.de]

 

17.7. CSD-Themenführung im Hotel Silber

Anlässlich der beiden Jahrestage der Aufstände in New York und des Homobefreiungstages in Stuttgart wird mit einer Ausstellung an das Leid der unterdrückten und entwürdigten Menschen in der NS- und Nachkriegszeit erinnert. 

[Hotel Silber, 17:30 Uhr, Dorotheenstr. 10, S-Mitte, www.csd-stuttgart.de]

 

19.7 CSD-Eröffnungsgala

Ein vielfältiger Programmmix aus Musik, Wort und Tanz mit einer Prise Politik. Künstler wie Lizzy Aumeier, Tanzkraftwerk und das Landespolizeiorchester Baden-Württemberg machen den Abend zum besonderen Show-Erlebnis.

[Friedrichsbau Varieté, 20 Uhr, Siemensstr. 15, S-Feuerbach, www.csd-stuttgart.de]

 

22.7. Historische Szeneführung durch Stuttgart

Hier gibt’s einen historischen Spaziergang durch die schwul-lesbische Szene Stuttgarts. Geführt wird das Ganze von Schwulst, dem Magazin für Schwule und Lesben aus Stuttgart.

[Zentrum Weissenburg, 19:30 Uhr, Weissenburg-str. 28, S-Mitte, www.schwulst.de]

 

23.7. Der lange Kampf um den Paragrafen 175

Vor 25 Jahren wurde der „Schwulen-Paragraf“ gestrichen. Bis dahin wurden Minderheiten stark unterdrückt. Das ist selbst heute noch spürbar, worüber an diesem Abend die ehemalige Bundesjustizminis-terin Herta Däubler-Gmelin referieren wird.

[Aloft Hotel, 20 Uhr, Heilbronner Str. 70, S-Nord, www.ufmcc.de]

 

25.7. Full Proof Party im Climax Institutes

Bjoern Scheurmann präsentiert in dieser Nacht groovigen Techno und hat sich die DJs Glebo und  Nem ins Boot geholt. Beide sind lokale DJs und wissen, wie sie Partypeople zum Tanzen bringen.

[Climax Institutes, 22 Uhr, Calwer Str. 25, S-Mitte, www.climax-institutes.de]

 

27.7. CSD-Politparade

Ohne Zweifel der Höhepunkt des Kulturfestivals. Die bunte, friedliche  politische Demonstration que(e)r durch die Stuttgarter City steht für Vielfalt, Respekt, Akzeptanz und Gleichberechtigung. Jeder ist herzlich eingeladen, mitzumachen und zu tanzen.

[Versch. Orte, ab 12:30 Uhr, www.csd-stuttgart.de]

 

27.+28.7. CSD-Hocketse

Gemütliches Sitzen und ausgelassenes Feiern gehen hier Hand in Hand. Währenddessen wird mit einer Musik- und Kultur- Open-Air-Bühne und zahlreichen Food-Ständen für beste Stimmung zum Abschluss des CSD gesorgt.

[Markt- und Schillerplatz, S-Mitte, ab 19 Uhr, www.csd-stuttgart.de]

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