„Wer ist wir?“ fragt die Oper – Stuttgarts Musiker antworten

Denk ich an Deutschland in der Nacht

Mit einem Konzertabend nach den berühmten Zeilen aus Heinrich Heines „Nachtgedanken“, eröffnet die Staatsoper am 1. Oktober die Saison 20/21 unter der Leitfrage „Wer ist wir?“.

Schon bei der Auftaktveranstaltung „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ treffen Werke von Mahler und Beethoven im Clash auf Musik von und mit Schorsch Kamerun und Max Herre, der jungen Generation Deutschland: international, urban und gar nicht so wehmütig an deutsche Eichen denkend wie Heine 1844 oder die AfD 2020.

LIFT spricht mit Musikmachenden aus Stuttgart und der Region über Heimat und postmigrantische Gesellschaft, über Zusammengehörigkeit und Ausgrenzung.

Rapper und Schauspieler Yasin el Harrouk aka Yonii

LIFT Wer bist du?

Yonii Ich bin ein marokkanischer Schwabe. Ich bin zwischen zwei Kulturen aufgewachsen, mein Schauspielstudium hat mich dazu gebracht, beide Kulturen zu verstehen.

 

LIFT Wie bist du nach Stuttgart gekommen?

Yonii Ich bin in Stuttgart geboren, als eines von sieben Kindern. Mein Vater fand aber irgendwann, dass seine Kinder die arabische Kultur kennen sollten und so sind wir nach Marokko gezogen, haben dort Marokkanisch und Französisch gelernt. Das ist natürlich eine ganz andere Welt, in Deutschland kann man nicht verhungern – in Marokko schon. Nachdem wir unsere Kindheit in Marokko verbracht haben, sind wir wieder zurück nach Deutschland, das war nicht einfach. Im Nachhinein bin ich aber froh, dass ich beide Kulturen kennenlernen konnte.

 

LIFT Fühlst du dich als Deutscher?

Yonii Ich empfinde marokkanisch, meine Gedanken sind deutsch und bei Polizeikontrollen verkaufe ich mich als Schwabe. Die ganze Identitätsfindung war schon ein längerer Prozess: Nach meinem Hauptschulabschluss habe ich angefangen zu schauspielern, das Theater und die Rollen, die ich gespielt habe, haben mir das „Hey, Alter“-Getue weggenommen, plötzlich hat es sich peinlich angefühlt. Sechs Jahre meines Lebens habe ich Schauspiel studieren müssen, verschiedene Dialekte lernen müssen, um zu kapieren, wie das Deutschsein sich anfühlt. Flüchtlingen dagegen gibt man leider oft nicht die Zeit, sich die komplett unterschiedliche Kultur anzueignen.

 

LIFT Was bedeutet Integration für dich?

Yonii Eine Zeit lang glaubte ich, dass es bedeutet einen Teil seiner alten Kultur abzulegen. Erst später habe ich gemerkt, dass man auch beide Kulturen in sich vereinen kann, indem man sich anpasst. Dafür muss man sich aber Zeit nehmen. Toll wäre zum Beispiel, wenn die Leute, die vor Jahrzehnten hierher gekommen sind, den neuen Ausländern die Kultur näherbringen würden – sie haben immerhin einen Einblick in beide Welten und kennen die Fragen und Hürden.

 

LIFT Inwiefern hast du dich angepasst?

Yonii Wenn zum Beispiel ein Hardcore-Rassist vor mir steht, fange ich an Schwäbisch zu schwätza, wenn ein Araber vor mir steht, dann spreche ich Arabisch.

 

LIFT Was bedeutet Musik in diesem Bezug für dich?

Yonii Ich war früher Straßenmusiker. Wenn ich einen Türken in der Stadt getroffen habe, habe ich türkisch gesungen, wenn ich dann mal von der Polizei aufgegriffen wurde, habe ich ein deutsches Volkslied angestimmt – und die Einstellung hat sich gleich komplett geändert. Irgendwann konnte ich dann Lieder aus allen möglichen Ländern anstimmen, so habe ich die Leute immer erreicht und einen kulturellen Austausch begonnen.

 

LIFT Wie sehen deine Diskriminierungserfahrungen aus?

Yonii Als Jugendlicher habe ich das nicht so mitgekriegt, ich war eh immer „anders“. Ich war einmal in Erfurt, da wollte man mich schlagen, aber danach bewerte ich Deutschland nicht. Es ist nach wie vor das Land, das mir und meinem Vater und meiner Familie eine Chance gegeben hat und uns aufgenommen hat.

 

LIFT Woran merkst du, dass immer noch Unterschiede gemacht werden?

Yonii Die Rolle im Tatort hat mein halbes Leben verändert. Plötzlich saß ich bei Leuten, die früher gesagt haben „du sitzt niemals in meinem Garten“, in deren Garten. Einmal bin ich mit meinem Vater mit aufs Amt gegangen, um ihm beim Ausfüllen der Anträge zu helfen: Die Dame hat mich vom Tatort wiedererkannt und seitdem muss ich nicht mehr als Hilfe mit.

 

LIFT Wer ist „wir“?

Yonii Stuttgart ist eine Industriestadt, die ist sehr sauber, möchte offen sein und hat neue Wohnungen für syrische Flüchtlinge bauen lassen, sie ist aber auch ein wenig engstirnig. Die Mentalität ist „Haste was, biste was“. Ich weiß, wie es ist mit zehn Euro in den Taschen, ich weiß aber auch, wie es ist mit 100 Euro in den Taschen. Und ab dem Moment, an dem ich einen Namen hatte, war ich plötzlich ein Teil von „wir“.

 

LIFT Werden wir unseren eigenen Ansprüchen an Toleranz also noch nicht gerecht?

Yonii Wenn ich in der Bahn sitze und höre, wie ein Syrer Arabisch spricht, und ich sehe wie Stefan gegenüber den Syrer anschaut, dann wünsche ich mir, dass Stefan hören würde, was der Syrer sagt. Dann würde er nämlich weinen und ihm einen Fünfer geben. Und wenn der Syrer nicht so angeschaut werden würde, würde er Stefan vielleicht zeigen wie man Hummus macht. Das alles braucht aber Zeit, ich habe es selbst gemerkt: Ich habe von vorneherein versucht zu helfen, wo ich konnte, bin mit Geflüchteten zum Amt gegangen, habe als Security im Lager auf der Stuttgarter Messe gearbeitet. Nachdem die Flüchtlinge dann aber auch in die Innenstadt kamen, habe ich mich dabei erwischt, wie ich in der U-Bahn stand und „Fremde“ empfunden habe. Ich, als Marokkaner.

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