„Wer ist wir?“ fragt die Oper – Stuttgarts Musiker antworten

Denk ich an Deutschland in der Nacht

Mit einem Konzertabend nach den berühmten Zeilen aus Heinrich Heines „Nachtgedanken“, eröffnet die Staatsoper am 1. Oktober die Saison 20/21 unter der Leitfrage „Wer ist wir?“.

Schon bei der Auftaktveranstaltung „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ treffen Werke von Mahler und Beethoven im Clash auf Musik von und mit Schorsch Kamerun und Max Herre, der jungen Generation Deutschland: international, urban und gar nicht so wehmütig an deutsche Eichen denkend wie Heine 1844 oder die AfD 2020.

LIFT spricht mit Musikmachenden aus Stuttgart und der Region über Heimat und postmigrantische Gesellschaft, über Zusammengehörigkeit und Ausgrenzung.

HipHop-Musiker und Artist in Residence an der Oper Stuttgart Max Herre

Foto: Robbie Lawrence

LIFT Wer bist du?

Herre Ich bin Max Herre. Ich bin Musiker, wohne ihn Berlin, bin in Stuttgart aufgewachsen, Vater dreier Kinder und Ehemann der Musikerin Joy Denalane.

 

LIFT Welche Rolle spielt deine Herkunft bei deiner Identität?

Herre Die spielt natürlich eine große Rolle in den Privilegien, die ich genieße und den Lebensumständen, in denen ich aufgewachsen bin. Sie spielt keine Rolle in der Abgrenzung zu anderen für mich. Im Bezug auf Stuttgart: Die Stadt ist auf jeden Fall identitätsstiftend für mich gewesen. Meine Kindheit im Westen und HipHop haben meine lokale Identität sehr geprägt. Für mich und die Kolchose war Stuttgart eine Klammer, wir sind in erster Linie Stuttgarter und dann kommen unsere unterschiedlichen Geschichten.

 

LIFT Wer ist „wir“?

Herre Im Bezug auf das Motto des Konzertabends sind wir alle, die in Deutschland leben „wir“. Ich glaube nicht an ein starres „wir“, sondern an ein transformatives. „Wir“ hat für mich damit was zu tun, wer die Fläche bespielt, wer da ist. Wir sind alle hier in Deutschland, sind treibende und kulturstiftende Kräfte und daher sind wir auch alle wichtig.

 

LIFT Wann hast du gemerkt, dass ein Unterschied gemacht wird zwischen „uns“ und „den anderen“?

Herre Die erste Parole, die ich als kleines Kind mal von einer Demo mitgebracht habe, war „Hoch die internationale Solidarität“. Unsere Nachbarin wollte davon nichts hören: „Das Kind von Solidarität reden lassen, aber nicht die Kehrwoche machen“, sagte sie. Aber ernsthaft: Grundsätzlich habe ich persönlich Ausgrenzung selten bis gar nicht erleben müssen, sie aber oft bei FreundInnen oder MitschülerInnen mit erlebt. Seien es xenophobe Äußerungen oder handfeste strukturelle Benachteiligungen. In der Schule zum Beispiel: Wer kriegt bei gleich guten oder gar besseren Noten keine gymnasiale Empfehlung und wer schon.

 

LIFT Und im Moment?

Herre Aktuell ist an den Ausschreitungen, wie zum Beispiel am Eckensee, zu merken, wie schnell die sogenannte Mehrheitsgesellschaft immer noch in ein Abgrenzungsverhalten verfällt: „Das waren nicht unsere Kinder, sondern die, der anderen.“

 

LIFT Was hat sich seit der Generation deiner Eltern in der Hinsicht verändert?

Herre Erstmal würde mittlerweile nicht mal mehr konservative PolitikerInnen bestreiten, dass wir ein Einwanderungsland sind, das war in den 90ern noch nicht so. Die Idee von Deutschland und dem Deutschsein hat sich transformiert und der Ruf nach einer offenen, solidarischen Gesellschaft wird immer lauter. Der Prozess ist zwar langsam: In Deutschland legt per Gesetz immer noch die Abstammung und nicht der Geburts- und Schaffensort fest, ob man deutsch ist oder nicht. In Stuttgart haben außerdem etwa fünfundvierzig Prozent der Menschen einen sogenannten Migrationshintergrund – in den staatlichen Institutionen, den Radaktionen und Ensembles sind diese Menschen aber noch nicht in gleichem Maße repräsentiert. Das alles muss sich in Zukunft noch ändern.

 

LIFT Sind wir so weltoffen und tolerant wie wir tun?

Herre Ich beobachte durchaus, dass es eine Diskrepanz gibt zwischen dem, wo wir glauben als Stadtgesellschaft zu stehen und den Zugängen, die tatsächlich da sind. Ausdruck dessen ist eben zum Beispiel, dass die Kausalität zwischen Herkunft und Einkommen der Eltern und Bildungschancen immer noch eine große Rolle spielt. Das ist noch absolut verbesserungswürdig.

 

LIFT Was denkst du, wenn du an Stuttgart in der Nacht denkst?

Herre Stuttgart hat eine reale Chance – im besten Sinne – eine multikulturelle Stadt zu sein. Und wenn wir es (...) schaffen die Potenziale zu sehen und zu fördern und den tollen jungen Menschen Teilhabe und Repräsentanz zu ermöglichen, dann ist sie irgendwann so weltoffen und tolerant, wie sie sich gibt und wie sie gerne wäre.

 

LIFT Welche Rolle schreibst du der HipHop-Kultur bei der Entwicklung dorthin zu?

Herre HipHop ist seit den 90ern eine Klammer, eine integrative Formel, unter der sich viele unterschiedliche junge Leute einfinden. Man kann sich hörbar machen, seine Geschichte erzählen – das war und ist schon immer die Formel für Zusammenhalt. Gerade für BiPOC war HipHop einen Shift in der Selbst-und Fremdwahrnehmung, eine Kultur in der Stars aussehen wie man selbst und ähnliche Geschichten haben. Dieses kulturelle Erbe, auf das Stuttgart so stolz ist, ist ohne migrantische Stimmen undenkbar.

 

LIFT Machst du dir Angst um unsere Gesellschaft?

Herre Ja, natürlich. Wir müssen alle in Sorge sein, der Rechtsruck und die Infiltrierung der Institutionen durch Rechte ist real. Es gibt die AfD in Landtagen und im Bundestag und einen Teil der Gesellschaft, der sich nicht abgrenzt von Rassisten und Nazis. Der ist auch in Stuttgart groß, das darf man nicht unterschätzen.

 

LIFT Wofür steht der Konzertabend an der Oper?

Herre Für eine solidarische Zivilgesellschaft und dafür, dass mit Intendant Viktor Schoner jemand da ist, der die Türen für alle öffnet und der sich wehrt, gegen eine menschenfeindliche, ausgrenzende Doktrin, die Einfluss auf den Kulturbetrieb nehmen will. Er steht für eine klare Positionierung: „Wir sind Kulturstätten, die für Solidarität und eine offene Gesellschaft eintreten.“

Weiterlesen

Soulpop-Electronic-Artist Junior Owusu aka Kwadi

...