„Wer ist wir?“ fragt die Oper – Stuttgarts Musiker antworten

Denk ich an Deutschland in der Nacht

Mit einem Konzertabend nach den berühmten Zeilen aus Heinrich Heines „Nachtgedanken“, eröffnet die Staatsoper am 1. Oktober die Saison 20/21 unter der Leitfrage „Wer ist wir?“.

Schon bei der Auftaktveranstaltung „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ treffen Werke von Mahler und Beethoven im Clash auf Musik von und mit Schorsch Kamerun und Max Herre, der jungen Generation Deutschland: international, urban und gar nicht so wehmütig an deutsche Eichen denkend wie Heine 1844 oder die AfD 2020.

LIFT spricht mit Musikmachenden aus Stuttgart und der Region über Heimat und postmigrantische Gesellschaft, über Zusammengehörigkeit und Ausgrenzung.

DJ und Künstlermanagerin Aslı Kaymaz

Foto: Denise Martin

LIFT Wer bist du?

Kaymaz Ich bin Aslı, mit i aber ohne i-Punkt – man spricht es Asle. Ich bin 27 ich bin DJ und Künstler-Managerin.

 

LIFT Die Oper fragt „Wer ist wir?“, wie antwortest du?

Kaymaz Das ist eine schwierige Frage, „wir“ ist immer eine Gruppe und die Gruppen sehen immer anders aus. In Stuttgart gibt es ein einheitliches Bild, gleichzeitig aber sehr viel Diversität, das macht das „wir“ aus. Egal, wie wir aussehen und wie alt wir sind, wir haben eine gemeinsame Vision. Man findet in Stuttgart immer einen Platz an dem ein Wir-Gefühl entsteht.

 

LIFT Was bedeutet Heimat für dich?

Kaymaz Heimat ist fast schon ein Trigger-Wort für mich. Das Thema hatte ich auch mit meinem Vater letztens: Was sagen wir, wenn jemand „Geh’ zurück in deine Heimat“ zu einem sagt? Ich bin in Deutschland geboren haben, habe aber auch Heimatgefühle in die Türkei, aus der meine Eltern kommen. In der Türkei bin ich die Deutsche, in Deutschland die Türkin, deswegen musste ich mich vom Heimat-Begriff lösen. Heimat ist dort, wo meine Familie ist.

 

LIFT Welche Rolle hat HipHop in dem Konstrukt Heimat-Stuttgart für dich?

Kaymaz Die Andersartigkeit von HipHop hat schon immer eine Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Bezogen auf Stuttgart war das sehr identitätsprägend für mich in meiner Jugend, hier gab’s die ganzen HipHop-Clubs, in denen man auf lauter unterschiedliche Leute getroffen ist und wo man mit 300 anderen Menschen kollektiv die Songs mitrappen konnte. Das war in Neu-Ulm, wo ich geboren wurde, anders. Stuttgart war der erste Ort, an dem ich ausleben konnte, wer ich wirklich bin.

 

LIFT Welche Rolle spielt die Kultur deiner Eltern für dich?

Kaymaz Eine sehr große. Ich bin mit der Kultur aufgewachsen und fühle die Werte, die mir meine Eltern vermittelt haben, zu 100 Prozent.

 

LIFT Wann hast du Ausgrenzung erfahren?

Kaymaz In meiner Pubertät habe ich aber angefangen, mich von meinen türkischen Wurzeln zu entfernen. Man musste sich ständig rechtfertigen: Wenn man sich zum Beispiel mit einer Freundin auf Türkisch auf dem Pausenhof unterhalten hat, hat man Strafaufgaben bekommen, wenn man mit Henna bemalten Händen in die Schule kam, wurde man ausgelacht. Lange war das Türkischsein deswegen negativ besetzt in meinem Kopf. Aber seit Anfang diesen Jahres hole ich das wieder auf, setze mich mit meiner Kultur aktiv auseinander und embrace es, dass ich anders bin. Ich möchte auch eine zeitlang in der Türkei leben, um zu checken, wie das Leben dort ist – als Bürger, nicht als Tourist.

 

LIFT Wann hast du Zusammenhalt und Integration erfahren?

Kaymaz Ich habe zum ersten mal gecheckt, dass meine Erlebnisse keine Einzelfälle sind, als der Hashtag #metwo aufkam. Der Hashtag gegen Diskriminierung versammelt Menschen mit Migrationshintergrund, also zwei Kulturen, unter sich. Auch bei den BLM-Demos habe ich ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl erfahren: Nicht nur Schwarze, alle möglichen POC haben dort gesprochen und ein Empowerment-Gefühl aufkommen lassen. Mein Umfeld war lange nicht divers.

 

LIFT Warum?

Kaymaz Ich glaube, ich habe mir lange unterbewusst deutsche Freunde gesucht. Als Jugendlicher, der bestimmte Erfahrungen gemacht hat, trifft man auf dieser Basis auch Entscheidungen, die man sonst vielleicht nicht gemacht hätte. Auf dem Gymnasium, das ich besucht habe, gab es 800 Schüler, davon waren nur sieben türkischstämmig. Es war dann wie ein Schneeballsystem, habe mich immer mehr in ein deutsches Umfeld begeben und mich darin eingekesselt.

 

LIFT Was hat sich seit der Generation deiner Eltern verändert?

Kaymaz Begriffe wie Heimat sind schwammiger geworden. Es ist schwieriger geworden, Leute mit Migrationshintergrund zu diskriminieren. Wenn man mich sprechen hört, dann hört man nicht, dass ich türkischen Background habe. Ich kann hochdeutsch, schwäbeln und bin deutsch im Pass. Mein Vater geht mit Rassismus anders um, er sieht sich klar als Ausländer. Aber wenn man hier geboren ist und dann ausgegrenzt wird, dann tut das mehr weh.

 

LIFT Fühlst du dich deutsch?

Kaymaz Ich würde immer sagen „ich bin Türkin“, gleichzeitig sehe ich mich auch als Deutsche. Ich bin hier aufgewachsen, zur Schule gegangen, ich habe die deutsche Kultur adaptiert, das finde ich auch gut so. Eine Zeit lang hatte ich die Haare blond gefärbt und habe blaue Kontaktlinsen getragen, da wurde ich anders wahrgenommen. Es hat mir gleichzeitig gefallen und Angst gemacht, weil ich gemerkt habe, dass ich anders behandelt werde, wenn ich nicht blond und blauäugig bin.

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