Zwischennutzung sorgt für frischen Wind

Text: Viviane Mewes, Foto: Thommy West

Neue Ideen für alte Gemäuer

In Ludwigsburg belebt eine kreative Pop-up-Fläche ein Fabrikareal am Bahnhof, in Bad Cannstatt steht mit der Schwaben-Bräu-Passage Neues für die Subkultur in den Startlöchern und im Kreis Esslingen ziehen ein Wohnprojekt und Start-ups in eine alte Spinnerei. Zwischennutzung macht’s möglich.

In Stuttgart ist die Nachfrage nach Räumen für unterschiedlichste Ideen hoch, weiß Maike Jakoby, Beauftragte für Zwischennutzungen der städtischen Wirtschaftsförderung. „Es ist aber nicht so, dass wir Areale direkt vermieten, sondern als Vermittler zwischen BesitzerInnen und NutzerInnen, wie etwa aus der Kreativwirtschaft, stehen“, erklärt sie.

Damit sich die Vermittlung in Zukunft einfacher gestaltet, geht die Stadt Ende September mit einem Online-Portal an den Start. „Wir stellen ein neues digitales Leerstands-Tool zur Verfügung“, so Jakoby. „Hier können freie gewerbliche Flächen in Stuttgart, aber auch Flächen-Gesuche direkt eingestellt werden. Das ist dann auch für Co-Working-Spaces und die Kreativwirtschaft interessant.“

Für viele Projekte arbeitet Jakoby eng mit dem Kulturamt zusammen, das mit Christin Rasp letztes Jahr eine Stelle für kulturelle Stadtentwicklung besetzt hat.

Ihr aktuell größtes gemeinsames Vorhaben ist die Wiederbelebung der Schwaben-Bräu-Passage in Bad Cannstatt. Bis klar ist, wann ein Abriss folgt, füllt das Künstler-Innen-Kollektiv Prisma den Leerstand. Demnächst starten auf den 600 Quadratmeter Fläche Kunst-Ausstellungen, ein Club mit inklusivem Konzept und ein soziales Commons Kitchen-Projekt.

Auf diesem Weg hat auch die Geschäftsstelle der Freien Tanz- und Theaterszene (FTTS) eine temporäre Bleibe in der Kriegsberg-straße gefunden. Das städtische Gebäude wird ab September zudem eine Anlaufstelle für Stuttgarts erstes Festival für urbane Kunst, das PFFF-Festival. Das Kulturamt, der Kunstverein Wagenhalle und das Design-Studio Vierkant wollen hierfür Mural-Art an Gebäuden im Stadtgebiet entstehen lassen. Das Trio steckte schon hinter dem Projekt K30, das im Mai eine leere Lack- und Farbenfabrik in Feuerbach in eine Graffiti-Galerie verwandelte.

In temporärer Nutzung steckt also viel Potenzial. Das zeigt sich auch am Franck-Areal in Ludwigsburg. Drei Jahre lang stand das Industriegelände der Kaffeeersatz-Fabrik Caro leer.

Statt unsicherer Bahnhofsgegend ist es seit Mai das heimelige Zuhause von Start-ups, Kunst-Ateliers und Studios für Fotografie, Schmuck und Tattoo-Kunst. Einen dieser Läden bestückt Jennifer Malaschitz mit ihren nachhaltigen Schmuckstücken. Sie ist froh über das Zwischennutzungskonzept: „Wir hoffen, dass uns die günstigen Bedingungen einen sanften Start in die Selbständigkeit ermöglichen. Ebenso soll es für nachkommende Start-ups und KreativgründerInnen ein Sprungbrett sein.“

Der große Innenhof bot im Sommer Platz für die Open-Air-Event-Bar „Hi.Francky“, die Leute ins Areal lockte. Konzerte, Rollschuhdiscos und Tanzkurse sorgten bis Ende August für Trubel, auch ein neues Tor zum Bahnhof hat sich ausbezahlt. „Da die Musik durch den Bahnhof hallt, macht das die Menschen neugierig“, so Malaschitz.

Die Shops und Ateliers würden sich dagegen noch mehr Zulauf wünschen. Da nur eines von drei Gebäuden zugänglich ist und es keinen Eingang zur Hauptstraße gibt, sind die Leute zögerlich. „Zudem stand das Areal drei Jahre lang leer. In den Köpfen der LudwigsburgerInnen ist hier noch ein schwarzer Fleck auf der Stadtkarte “, so die Designerin.

Dennoch ist sie optimistisch, dass sich das Areal etabliert. „Bis unser befristeter Mietvertrag ausläuft, haben wir zusammen mit ‘Hi. Francky’ große Pläne“, erzählt sie. „Ein Weihnachtsevent soll in diesem Jahr stattfinden, für nächstes Jahr sind ein Kunst- und Designmarkt, sowie Flohmärkte, Motto-Abende- und -Wochenenden geplant“, so Malaschitz. Sie hofft, dass es nicht bei der Zwischennutzung bleibt und die Gebäude gar nicht abgerissen werden.

Ein solcher Abriss kommt für die Neckarspinnerei im Kreis Esslingen nicht in Frage, denn die Gebäude, in denen seit 2020 nicht mehr produziert wird, stehen unter Denkmalschutz. Die Textilfirma Otto, der das Gelände gehört, will es im Zuge der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027 renovieren und in ein gemeinschaftlich nutzbares Quartier verwandeln. Bis dahin stehen die Räume für Zwischennutzungen zur Verfügung.

Darüber freut sich der gemein-nützige Verein Adapter aus Stuttgart: „In den Köpfen muss ankommen, dass während noch überlegt wird, wie es mit einer Fläche weitergeht, man diese auch schon nutzen kann – etwa für Wohnprojekte oder soziale Zwecke“, so Paul Vogt von Adap-ter. In der Wendlinger Fabrik stellt der Verein sein neuartiges Wohnmodul aus, das Wohnlösungen in großen Hallen ermöglichen soll.

Der Verein macht darauf aufmerksam, dass viele Gebäude nur zu Geschäftszeiten genutzt werden und es an Wohnraum fehlt. Warum also nicht kombinieren?

Neben Adapter sind in der Neckarspinenrei Start-ups eingezogen und auch das Max-Planck-Institut ist an einer Zwischennutzung interessiert. Neuen Ideen in alten Gemäuern steht also nichts mehr im Wege.

 

Dieser Artikel ist aus LIFT 09/22

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