Subkultur in der Schwaben-Bräu-Passage

Text: Fabian Stetzler, Foto: Ronny Schönebaum

Initiativenkollektiv "Prisma" bespielt Taubenparadies in Bad Cannstatt

Die Bahnhofstraße in Bad Cannstatt hat schon bessere Tage gesehen. Für die Kommunalpolitik gilt die Fußgängerzone mit ihren zum Teil heruntergekommenen Gebäuden aus den 1950er- bis 80er-Jahren, ebenso wie das gesamte Bahnhofsviertel des Stadtteils, seit langem als stadtplanerische Problemzone. Im Laufe dieses Jahrzehnts wird daher in Sachen Neugestaltung einiges passieren.

Nachdem vergangenes Jahr bereits der Bahnhof Bad Cannstatt modernisiert wurde, wird bis zur Fußball-EM 2024 der Bahnhofsvorplatz neu gestaltet. Zur Entwicklung des Areals an der Bahnhofstraße hat die Stadt das Parkhaus an der König-Karl-Straße sowie das größte Gebäude der Fußgängerzone gekauft: die Schwaben-Bräu-Passage – ein schweinchenrosa-türkis-farbener Klotz aus den Eighties.

So richtig funktioniert hat der riesige Bau in postmodernen Architekturstil nie: Die Passage ist als dunkles Eck mit viel Leerstand, kaputten Scheiben und vor allem als Base für Cannstatts Taubenpopulation bekannt. Doch bis klar ist, was mit dem Areal genau geschieht und wann die Abrissbagger anrollen, sind’s noch ein paar Jährchen. Hausverwalter Ulrich Bartenbach vom Liegenschaftsamt der Stadt geht von „vermutlich fünf Jahren“ bis zur neuen Entwicklung aus.

Diese Lücke füllt eine spannende Zwischennutzung: Den obersten Stock bezieht die Volkshochschule, die dringend Räume benötigt, im unteren Bereich wird es voraussichtlich geförderte Handels- und Gastro-Angebote geben.

Der mittlere Stock mit weit über 600 Quadratmetern wird dagegen kulturell genutzt: Diesen Raum übergibt die Stadt an mehrere Initiativen, die sich zu einem Kollektiv namens Prisma zusammengeschlossen haben.

Zusammengebracht hat die Initiativen die Wirtschaftsförderung Stuttgart, die in der Stadt Zwischennutzungen organisiert. „Wir waren unabhängig voneinander auf der Suche nach Räumen und mit der Möglichkeit in Cannstatt kam die Idee auf, etwas gemeinsam zu machen“, erklärt Thorsten Neumann (Bild Mi. re.).

Er hat mit seiner Gruppe Palermo in der Vergangenheit schon einige Stuttgarter Zwischennutzungs-Projekte realisiert, etwa in einem ehemaligen Musikgeschäft in der Olgastraße.

Palermo wird den hinteren Teil des Stockwerks bespielen: Einerseits mit dem Konzept eines Art-Spaces mit Ausstellungen und Performances, andererseits soll in dem Raum laut Neumann „ein städtischer Diskurs“ stattfinden. „Wir wollen mit ArchitektInnen zusammenarbeiten und dort Fragen stellen wie ,Was heißt Stadt?‘, ,Was heißt Urbanität?‘, ,Was heißt Stadt nach Corona?‘“

In einem weiteren Gebäudeteil wird die Initiative Sunny High einen sogenannten integrativen Musikclub einrichten. „Die Idee ist, ein Vorbild dafür zu sein, wie Nachtleben aussehen kann“, erklären Heide Fischer (Bild Mi. li.) und Sabine Kantimm (li.) von der Initiative. „Wir haben ein Ungleichgewicht, was die Geschlechterverteilung angeht, bei den Artists als auch bei DJs. Das soll dort aufgebrochen werden.“

Im Club wird es ein geschlechterausgewogenes Booking geben, außerdem werden Awareness-Teams geschult und eingesetzt, damit sich etwa Frauen beim Clubbing sicherer fühlen. Zudem finden dort für benachteiligte Gruppen Workshops in HipHop, Tanz oder Producing statt, deren TeilnehmerInnen auch Clubabende gestalten.

Des Weiteren zieht in das Gebäude das KünstlerInnenkollektiv Gruppe CIS+, das derzeit noch in der Containercity an den Wagenhallen beheimatet ist, dort aber wegen dem Bau der Interimsoper demnächst weg muss. „Wir planen in den Räumen eine Ateliergemeinschaft“, sagt Valentin Leuschel von CIS+ (Bild re.).

Neben festen, werde es auch offene Ateliers geben, die auf Anfrage beispielsweise an MusikerInnen oder DesignerInnen abgegeben werden. „Wir wollen eine Infrastruktur bereitstellen, für alle, die irgendetwas können und selbst Räume suchen“, erklärt der Künstler. Auch bereits existierende Veranstaltungsreihen sind herzlich willkommen.

Raum für weitere „gute Ideen“ wollen auch die anderen AkteurInnen bereitstellen. „Die Räume sind echt groß“, schwärmt Neumann. Er ist mittlerweile Leiter des Werkstatthauses der Stuttgarter Jugendhausgesellschaft und will im Palermo-Bereich unter anderem Projekte mit Jugendlichen verwirklichen.

Sicher ist zudem, dass die Foodsharing-Initiative Commons Kitchen Cannstatt einen Raum übernehmen und mit einer Industrieküche ausstatten wird. So können gemeinsame Kochtreffen stattfinden, bei denen umsonst Essen ausgegeben wird.

Mit dieser Initiative hofft Prisma auch die Cannstatter Bevölkerung zu erreichen. „Klar, sollen Leute aus dem Kessel hierherkommen, doch wir hoffen, dass auch Leute aus dem Stadtteil unsere Projekte annehmen“, betont Neumann.

Der genaue Start-Zeitpunkt ist noch ungewiss. Alle Räume haben unterschiedliche Genehmigungsanforderungen, manche werden nicht umgenutzt, da kann es recht zügig losgehen. Bei anderen hingegen, wie etwa dem Club, müssen Brandschutzverordnungen berücksichtigt werden, wenn’s um die Bewilligung der Nutzungsänderung geht.

Daher geht Neumann davon aus, dass Prisma peu à peu öffnet: Was früher darf, macht auch früher auf. Heide Fischer geht optimistisch von einer Club-Eröffnung im Herbst aus.

 

Prisma [Schwaben Bräu Passage, Bahnhofstr. 14-18, S-Bad Cannstatt]

Dieser Artikel ist aus LIFT 03/22

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