LIFT-Aktuell im September 2017

An dieser Stelle gibt es jeden Monat eine kleine Leseprobe zum Durchblättern sowie einen kompletten Artikel aus unserer aktuellen Print-Ausgabe.

LESEPROBE

Foto: Ronny Schönebaum

DANK DER MITFLUGZENTRALE WINGLY KANN SICH JEDER EINEN PRIVATJET LEISTEN

TOTAL ABGEHOBEN

„Ich muss los, mein Pilot wartet.“ Alleine für diesen einen Satz hat sich das Abenteuer schon gelohnt. Dass der Flug nur einen Fuffi kostet und über eine sogenannte Mitflugzentrale gebucht wurde, verschweige ich mal. Aber es ist tatsächlich so: Das was BlaBlaCar oder Car2Go bei Autos und Airbnb bei Wohnungen ist, gibt es nun auch für Flugzeuge und nennt sich Wingly. 

Piloten bieten online freie Plätze an, und für einen Spottpreis kann man mitfliegen. In meinem Fall hat Pilot David einen Rundflug über Stuttgart für 51 Euro zu vergeben. Eine einmotorige Propellermaschine mit zwei Sitzen wird es sein. Um 9 Uhr geht’s los. Treffpunkt: Flugplatz Hahnweide in Kirchheim/Teck. 

Das Buchen funktioniert einfach: Profil anlegen, Flug aussuchen, fertig. Man erhält eine Buchungsbestätigung per Mail, per SMS kommt die Info, dass man eingecheckt ist und die Sitzanfrage akzeptiert wurde. 

Mein Pilot heißt David Früh, ist 28 Jahre alt, arbeitet am Airport Stuttgart für eine Firma, die Businessjets an reiche Menschen vermietet und fliegt hobbymäßig selbst. Seinen Flugschein hat er während einer Ausbildung in den USA gemacht und ist gerade dabei, sich zum Piloten für gewerbliche Flüge ausbilden zu lassen. 150 Flugstunden hat er als Privatpilot auf dem Buckel, nicht gerade viel, wie ich finde – aber gebucht ist gebucht. 

Und genau darum geht es den meisten Piloten auch: Sie müssen auf ihre Flugstunden kommen. Wieso also nicht einfach Gäste mitnehmen und die Kosten der Flugstunden teilen? 

„Nach dem Gesetz ist es verboten, damit Geld zu verdienen. Genau wie man nicht einfach Taxifahrer spielen darf, sondern nur Benzinkosten aufteilen darf, dürfen wir Piloten eben nur die Kosten unserer Flugstunden wieder reinholen“, erklärt Früh. Deshalb sind die Flüge über die Mitflugzentrale auch nicht teuer, obwohl das Portal mitverdient. „Von den 51 Euro bekomme ich 40 Euro und der Rest geht an Wingly“, sagt er. „Das ist fair, denn mittlerweile habe ich eigentlich jedes Wochenende Fluggäste und muss mich organisatorisch um wenig kümmern.“ 

Wingly ist ein Start-Up-Unternehmen mit Sitz in Paris, das vor zwei Jahren gegründet wurde. Der 23-jährige Lars Klein und seine beiden französischen Geschäftspartner haben sich durch Zufall kennengelernt, da alle drei an derselben Idee bastelten. Klein ist der einzige Nicht-Pilot im Gründertrio. Für ihn ist ist Stuttgart einer der wichtigsten Märkte: „Hier gibt es viel Wirtschaft, die Leute haben Geld und entsprechend gibt es eine Menge Flugzeuge und Piloten.“ Die Flugplätze in Kirchheim, Pattonville und Echterdingen bieten zudem super Voraussetzungen. 

Unser Rundflug startet bei Windstille, blauem Himmel und toller Sicht. Wir überfliegen Schorndorf, den Neckar, das Stadion, dann geht’s weiter über das Römerkastell zum Pragsattel. Dort drehen wir ab, um zu schauen, was gerade auf dem Schlossplatz geht. 

In Echterdingen dürfen wir nach Erlaubnis des Towers sogar den Flughafen überfliegen, bevor wir wieder auf dem Rasenrollfeld in Kirchheim landen. Und stellen fest, dass man in nur 30 Minuten auf 1.000 Fuß Höhe so etwas wie Freunde werden kann.

Alexander Franke

 

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[www.wingly.io]

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