LIFT-Aktuell im Oktober 2017

An dieser Stelle gibt es jeden Monat eine kleine Leseprobe zum Durchblättern sowie einen kompletten Artikel aus unserer aktuellen Print-Ausgabe.

LESEPROBE

Foto: photocase.de/perffzerff

40 JAHRE SPÄTER: SPUREN DES DEUTSCHEN HERBSTS IM HEUTIGEN STUTTGART

DIE LANGEN SCHATTEN DER RAF

1977 – ein Jahr des Terrors für Westdeutschland. Die RAF stürzte die Bundesrepublik in eine tiefe innenpolitische Krise. Die Ära war geprägt von politischen Morden, dem Prozess in Stammheim, der Entführung der „Landshut“, dem Suizid der Führungsriege sowie dem Mord an Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer. Einer der wichtigsten Schauplätze des Deutschen Herbsts ist die baden-württembergische Landeshauptstadt. 40 Jahre später begeben wir uns auf eine Spurensuche im heutigen Stuttgart.

Foto: Ronny Schönebaum

Ein Blick in die Medienlandschaft genügt, um zu offenbaren: Die RAF wirkt bis heute nach. Dem „Deutschen Herbst“ widmet etwa der SWR einen Themenschwerpunkt, ein Stuttgart-Tatort erzählt die Auswirkungen auf die Gegenwart. Die brisante Episode dreht Regisseur Dominik Graf nach einem Drehbuch von Rolf Basedow. Für „Der rote Schatten“ wurden sogar die Zellen der JVA Stammheim nachgebaut.

Ein anderer Originalschauplatz schied aus: die heutige Weinstube Fröhlich im Leonhardsviertel. Damals trug sie noch den Namen Widmer und diente als Treffpunkt von Journalisten, Schauspielern – und der RAF-Anwälte. Dort erfuhr man damals – angeblich – alles.

Unter den Stammgästen waren auch Klaus Croissant und Jörg Lang. Die beiden Anwälte bildeten das Bindeglied zwischen den inhaftierten RAF-Köpfen und den im Untergrund operierenden Terroristen. Croissant, der befürchtete, dass sein Anschluss abgehört wird, ging zum Telefonieren meist „zur Melle Widmer“. Die Wirtin galt als Institution.

Während in der Weinstube heute schlichte Eleganz vorherrscht, scheinen die Wände einer anderen Lokalität zumindest den gewünschten Zeitgeist zu atmen, und so dient im neuen Tatort Das Lehen in S-Süd als Szene-Treff. Die Kneipe ist Schauplatz einiger Rückblenden. Der Sonntagabend-Krimi macht deutlich, dass die Folgen des Deutschen Herbsts bis in die Gegenwart reichen. Wie Graf das genau umsetzt, ist am 15. Oktober in der ARD zu sehen.

Einer der wichtigsten Schauplätze ist natürlich die JVA Stammheim, wo ab 1974 die Führungsriege der ersten RAF-Generation – Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe – in Untersuchungshaft sitzt. Am 21. Mai 1975 beginnt der Prozess gegen die vier. Eine eigens errichtete Mehrzweckhalle dient als Gerichtssaal. Das Gelände wird aus Angst vor einem Befreiungsversuch aus der Luft mit Stahlnetzen überspannt.

Das damalige provisorische Gerichtsgebäude wird bis heute für Strafprozesse mit besonders hohem Sicherheitsrisiko genutzt: PKK-Mitglieder, Islamisten und zuletzt die Jugendgang Black Jackets standen hier vor Gericht. Genau wie die Mehrzweckhalle steht auch das markante Hochhaus, Bau 1 der JVA Stammheim, unter Denkmalschutz. Nicht nur, weil hier im siebten Stock die RAF-Terroristen einsaßen und Selbstmord begingen, sondern auch, weil es einst als modernstes Gefängnis Deutschlands neue Maßstäbe setzte. 

Heute ist der Bau alles andere als zeitgemäß, sondern sanierungsbedürftig. Eigentlich sollte er weg, Denkmal hin oder her. Nach den Plänen des Justizministeriums sollte hier ein modernes Gefangenenkrankenhaus entstehen. Eigentlich. Denn in diesem Frühjahr merkte man, dass die baden-württembergischen Gefängnisse hoffnungslos überbelegt sind. Jetzt soll erstmal saniert werden.

Demos und RAF-Terror waren neu für Polizisten wie Michael Kühner
Foto: Ronny Schönebaum

Eine weitere Reminiszenz an diese Zeit: Bei der Stuttgarter Polizei wurde in den 70ern die Einheit Personen- und Objektschutz gegründet, außerdem die Mobilen und Spezialeinsatzkommandos (MEK und SEK). Diese Einheiten waren die Antwort auf den Terrorismus der RAF, erklärt Michael Kühner, der bis Anfang der 1970er in Stuttgart Streife lief. 1973 wechselte er zur Kripo, leitete später die lokale Schutz- und Kriminalpolizei. Nach seiner Pensionierung hat er das Polizeimuseum in S-Nord aufgebaut, das 2014 eröffnete.

Die Polizei war auf die linken Demos Ende der 60er-Jahre und erst Recht auf den späteren Terror der RAF nicht vorbereitet, wie der 69-Jährige erzählt: „Das war Neuland für uns.“ In Stuttgart ging es los mit Demos gegen den Vietnamkrieg vor dem Amerikahaus. „Da habe ich zum ersten Mal erlebt, wie es ist, beschimpft und angespuckt zu werden“, erinnert sich Kühner.

Und so wurde aufgerüstet: Ausrüstung und Bewaffnung wurden verbessert, die Beamten mit Schutzhelmen und -westen ausgestattet. Auch juristisch rüstete der Staat immer weiter auf. Schon während der RAF-Prozesse wurde die Strafprozessordnung in mehreren Punkten geändert, Verteidigerrechte wurden eingeschränkt.

Noch heute begründet die Bundesregierung immer weiter gehende Gesetze zu Vorratsdatenspeicherung, Videoüberwachung oder zum Whatsapp-Mitlesen mit der Bedrohung durch den Terrorismus. Datenschützer kritisieren nicht nur, dass das unverhältnismäßig sei, sondern auch, dass die bestehenden legalen Möglichkeiten in vielen Fällen ausgereicht hätten, um Anschläge zu verhindern. 

Peter Grohmanns Club Voltaire im Leonhardsviertel war ein Linken-Treff
Foto: Ronny Schönebaum

Peter Grohmann, linkes Kabarett-Urgestein, der am 27. Oktober seinen 80. Geburtstag im Theaterhaus feiert, kann sich gut an die Zeit erinnern. Schon 1964 hatte der gelernte Schriftsetzer Gudrun Ensslin beim Druck ihres Sammelbands „Gegen den Tod. Stimmen deutscher Schriftsteller gegen die Atombombe“ geholfen. Auch Andreas Baader besuchte ihn, doch der konnte den „Genossen Grohmann“ nur wenig beeindrucken.

Sowieso seien die RAF-Leute gut im Theoretisieren, aber meilenweit von der Realität entfernt gewesen, meint Grohmann. „Für uns alte Linke aus dem Arbeitermilieu war das nix, wir haben die nicht ernstgenommen mit ihren abenteuerlichen theoretischen Konstrukten.“ In Grohmanns linkem Club Voltaire im Leonhardsviertel, der heutigen Bierorgel, sorgte das neue Intellektuellen-Publikum indes für regen Zulauf. Als er vom Tod der Terroristen erfährt, weilt Grohmann gerade in Italien. „Mir war sofort klar: Das waren die selbst. Einfach, weil ich’s ihnen zugetraut habe. Genauso waren die.“ Heute wäre er da womöglich nicht wieder so schnell überzeugt, sagt er, „nach dem, was im Zuge der NSU-Ermittlungen alles ans Licht oder eben auch nicht ans Licht gekommen ist.“

Am 27. Oktober 1977 werden Baader, Ensslin und Raspe auf dem Dornhaldenfriedhof in S-Degerloch begraben. Allerdings gibt es im Vorfeld Streit, den der Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel (CDU) schließlich beendet und einen Satz prägt, der heute als geflügeltes Wort gilt: „Mit dem Tod muss alle Feindschaft enden.“ Das sahen aber längst nicht alle so.

Doch die Angst, das Gemeinschaftsgrab könne sich zur Pilgerstätte für linke Extremisten entwickeln, erwies sich im Nachhinein als unbegründet. Bei der Stadt Stuttgart hält man sich an folgende Sprachregelung: „Zu den Gräbern der RAF-Terroristen, die sich auf dem Dornhaldenfriedhof befinden, können wir leider gar nichts sagen, da die Familie strikte Vorgaben gemacht hat.“

Einer, der etwas dazu sagen könnte, ist der Pfarrer, der damals die Trauerfeier leitete. Aber auch er möchte nicht mit der Presse sprechen. Selbst 40 Jahre nach dem Deutschen Herbst scheint die Vergangenheit – nicht nur im Tatort – noch sehr lebendig.

Die Bewegung für radikale Empathie machte mit einer Ausstellung im Nordlabor Furore.
Foto: Jean & Claude

Sehr lebendig ist der Herbst ‘77 sicher auch für den ehemaligen Intendanten des Schauspiel Stuttgart, Claus Peymann, der diesen Herbst für seine erste Inszenierung als freier Regisseur an den Eckensee zurückkehrt – exakt 40 Jahre nach der „Affäre Peymann“.

Dabei ging es um einen Spendenaufruf für Zahnersatz, den Mutter Ensslin an über 50 prominente Deutsche schickte, darunter auch Peymann. Dieser berappte einen kleinen Betrag und hängte den Aufruf ans interne Schwarze Brett des Theaters, was jedoch öffentlich wurde. Es folgen Zuschriften und Zeitungsartikel voller Verurteilungen, gar Morddrohungen. Als Peymann 1977 aus den Spielzeitferien zurückkehrt, ziert er die Titelseite der Bild-Zeitung und in seinem Postfach sammeln sich Drohbriefe, anonym natürlich: „Vergasen sollte man Dich, Du verfluchter Meinhof-Ganove!“ Oder: „Sie sind mir ja ein schöner Schauspieldirektor. Sie spenden einer 22-fachen Mörderin noch Geld für eine Gebiss, damit sie den Aufseher wieder beißen kann.“ Diese Schmähungen gleichen in erschreckender Weise den geifernden Hass-Tiraden, die heutzutage die sozialen Netzwerke durchziehen…

Ein dickes Fell – man könnte sogar sagen: einen Fellmantel – brauchte auch Manfred Nägele, der damals für den SDR als Tagesschau-Reporter arbeitete und legendäre Fernsehbilder produzierte. Sein Auftreten galt vor 40 Jahren als skandalös: langhaarig, fast schon hippiesk mit Bart und bunten Hemden berichtete er aus Stammheim über den Prozess. Die Hamburger Kollegen lästerten: „Was soll dieser Zuhälter mit der schwäbelnden Tonart?“ Damals galt Nägele als finstere Gestalt, heute wäre er total hip. 

Eben diese Ästhetik der RAF-Ära machte sich eine Ausstellung zu eigen, die vergangenen Dezember im Nordlabor des Schauspiel Stuttgart zu sehen war und von sich reden machte. Flankierend zur Premiere des Stücks „Die Erfindung der Rote Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969“ stellte das Stuttgarter Künstlerkollektiv Jean & Claude im Nord (angebliche) Zeit-Dokumente wie Plakate, Fotos, Interviews und andere Erinnerungsstücke rund um die „Bewegung für radikale Empathie“ (BRE) aus.

Hinter Jean & Claude verbergen sich die Designerin Anja Haas und die Fotografin Dominique Brewing. Sie haben diese Bewegung aufgetan und darüber eine Dokumentation gemacht, die ihrer Ansicht nach gut zur aktuellen Lage im Sommer 2016 passte. 

Diese lieferte schließlich schon genug schreckliche Nachrichten: Brexit, Putschversuch in der Türkei, Terroranschläge, der Krieg in Syrien, das Erstarken der AfD und offen zur Schau gestellter Hass. Statt mit einer Terrororganisation wie der RAF beschäftigten sich die beiden also lieber mit diesem radikalen Gegenentwurf, der BRE, so Haas. 

Denn sie steht für das genaue Gegenteil, wie es in ihrem Pamphlets heißt: „Zu Beginn der 1970er-Jahre im süddeutschen Raum gegründet, macht die Bewegung für Radikale Empathie bis heute auf Missstände aufmerksam und bemüht sich um die Stärkung der Gesellschaft durch Empathie. Zunächst als Gegenentwurf zur Roten Armee Fraktion konzipiert, setzt die BRE seitdem mithilfe von Aktionen, Flugblättern und anderem friedlich ein Zeichen gegen Hass. Die BRE setzt dort an, wo sie gesellschaftsrelevante Themen erkennt, und geht wachsender Wut und Angst auf den Grund.“ 

Und da passt diese „Organisation“ dann doch wieder gut zum Zeitgeist, wie auch die Künstlerinnen beobachten konnten: „Es gibt gerade viele kleine Initiativen, die sich für unsere Gesellschaft einsetzen und politisch engagieren. Das ist sehr jetzig“, meint Haas. Was jedoch die Ausstellung über die BRE jetzt mit dem Deutschen Herbst zu tun hat? „Die Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig…“, antworten die beiden nebulös. 

Die Prämisse der Empathie kommt aber so gut an, dass neugewonnene BRE-Anhänger etwa bei Pulse-of-Europe-Demomonstrationen oder beim diesjährigen CSD auf die Straße gingen und forderten: „Jetzt oder nie, radikale Empathie“. Fotografin Brewing fasst die Message dieser alten/neuen Bewegung zusammen: „Sie umarmen ihre Gegner so lange, bis sie nicht mehr können. Sie würden sogar Donald Trump küssen.“ Wenn das mal nicht radikal ist… 

Johannes Pimpl/Kathrin Stärk

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