LIFT-Aktuell im Mai 2017

An dieser Stelle gibt es jeden Monat eine kleine Leseprobe zum Durchblättern sowie einen kompletten Artikel aus unserer aktuellen Print-Ausgabe.

LESEPROBE

Zum Vergrößern der Ansicht auf die jeweilige Seite klicken.

Foto: B. Löffler/DGB

IMMER SCHÖN FLEXIBEL BLEIBEN: MULTIJOBBER UND DIENSTLEISTER HABEN AM 1. MAI NICHTS ZU FEIERN

TAG DER PREKÄREN ARBEIT

Maifeiertag, Tag der Arbeit oder auch: Internationaler Kampftag der Arbeiterklasse. Der 1. Mai hat viele Namen, entstanden ist er vor über 130 Jahren in den USA aus der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung. Und während es dem klassischen Arbeiter heute vergleichsweise gut geht, fallen andere hinten runter: Leiharbeiter, schlecht bezahlte Solo- und Scheinselbstständige, einfache Dienstleister.

Leiharbeiterin Kienzle in der Sendung „betrifft“
Foto: SWR

Manchmal liegt Bettina Kienzle abends im Bett und hat Angst. „Hoffentlich schaff ich das, hoffentlich kommt morgen nicht die Kündigung“, denkt sie dann. „Ich möchte doch nur einen normalen Arbeitsplatz“, sagt sie, „mit einem festen monatlichen Einkommen.“ Die gelernte Hotelfachfrau arbeitet schon lange nicht mehr in ihrem Beruf, aktuell ist sie in einem Call-Center in Böblingen beschäftigt. 

Bis Anfang des Jahres hat sie für verschiedene Zeitarbeitsfirmen gearbeitet. Erst für Tuja, zuletzt knapp zwei Monate für den Branchenprimus Randstad – für zwei verschiedene Arbeitgeber. Beim ersten erhielt sie 12,50 Euro brutto, beim zweiten 11 Euro. Wenn sie „im Off“ war, also gerade keinen Job hatte, gab's von Randstad 9,50 Euro. 

„Wenn dich ein Arbeitgeber nicht mehr braucht, fühlt sich das jedes Mal wie eine Kündigung an“, erzählt Kienzle, vor allem weil sie sich immer gut in neue Teams einfügt, mit allen klar kommt. Was sie besonders ärgert: „Hinter meinem Rücken wird mein Gehalt ausgedealt und ich krieg viel zu wenig.“ 

„Die wachsende Leiharbeit trägt daher erheblich zur Ausbreitung des Niedriglohnsektors und Armutsgefährdung in Baden-Württemberg bei“, heißt es auch im Armutsbericht aus dem Jahr 2015. Jeder zweite Leiharbeiter ist von Niedriglohn betroffen – die Armutsgefährdungsquote beträgt für sie fast 25 Prozent und ist damit gut fünfmal so hoch wie bei Vollerwerbstätigen. 

Nicht normal angestellt ist auch Raffaella Marini. Sie unterrichtet Deutsch als Fremdsprache an der Volkshochschule Stuttgart und dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa). 35 Euro bekommt sie pro Unterrichtsstunde. Die aufwendige Vor- und Nachbereitung wird nicht bezahlt. Dabei ist ihr Job anspruchsvoll, „es geht um mehr als nur Sprachvermittlung“, sagt Marini, „für viele Migranten sind wir die ersten, zu denen sie Vertrauen fassen. Da wird man dann schnell als Freundin oder Mutterfigur gesehen.“ 

Als Marini als Lehrerin anfing, verdiente sie gerade mal 19 Euro pro Unterrichtsstunde. Dass es inzwischen 35 sind, ist auch der Bildungsgewerkschaft GEW zu verdanken, wo Marini aktiv ist. „Aber wir fordern viel mehr: 54 Euro pro Unterrichtsstunde oder endlich Festanstellungen.“ Denn wie ihre Kollegen ist sie als freie Honorarkraft beschäftigt. Die studierte Germanistin hat ein Zertifikat vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf). Darin steht, mit ihrer Tätigkeit sei sie der „Schlüssel zur Integration“. „Das Bittere ist“, sagt Marini, „unsere Arbeit wird nicht entsprechend anerkannt.“ 

Die 58-Jährige ist froh, dass ihr Partner eine feste Anstellung mit guter Bezahlung hat. Durchschnittlich 26 Unterrichtseinheiten gibt Marini pro Woche, mit rund 1.300 Euro netto geht sie nach Hause. Für Alleinverdiener – erst recht mit Kindern – reicht das nicht. „Dann braucht man 40 bis 50 Unterrichtsstunden pro Woche. Und das ist superanstrengend, man wird krank und schleppt sich trotzdem in die Kurse.“ Denn als Honorarkräfte sind Marini und ihre Kollegen selbstständig. Arbeitsausfall bedeutet Verdienstausfall. Und weil sie sich nicht über die Künstlersozialkasse versichern können, zahlen sie die kompletten Sozialabgaben selbst. 

Es gibt ein Leben nach der Zeitung: Hilmar Pfister
Foto: Ronny Schönebaum

Hilmar Pfister war lange Journalist. Im Herbst 2013 kündigte er, nach elf Jahren bei den „Stuttgarter Nachrichten“ und schrieb darüber offen in der deutschen „Huffington Post“. Zwei bis drei Monate nahm er sich Zeit zum Nachdenken: Selbstständigkeit oder Festanstellung? Raus aus dem Redakteursalltag und hinein in die bunte Welt der PR? Just zu dieser Zeit kam auch sein Sohn zur Welt und die ersten Angebote rein: Für einen Tag im Newsroom sollte es 180 Euro geben – als erfahrener Redakteur wohlgemerkt. Redenschreiben war lukrativer und brachte mehr als das Fünffache. Für einen halben Tag Arbeit. „Da lege ich das schon nebeneinander und wundere mich…“, sagt er. Vater zu sein habe ihn verändert und beinahe schon zum kühlen Rechner gemacht. „Mit Familie hat man einfach eine Verantwortung“, so Pfister, „der Sicherheitsgedanke nimmt überhand.“

Von dem, was für gut recherchierte Texte gezahlt wird, will er gar nicht reden, da fällt der Tagessatz auch mal unter 100 Euro. Trotzdem will Pfister das nicht als prekär bezeichnen, denn mit der Situation etwa eines Paketzustellers sei die schlechte Bezahlung für Akademiker in der Kreativwirtschaft nicht zu vergleichen. Viele Leute in der Branche – seien es nun Texter oder Grafiker – hätten einen Brotjob. „Daneben machen sie total abgefahrene Projekte, von denen sie meist wissen, dass die kein Geld bringen.“ Cross-Finanzierung könnte man das nennen. 

Pfister arbeitete zweieinhalb Jahre frei, unter anderem für eine Agentur, doch journalistisch machte er zuletzt kaum etwas. Seit einem Jahr ist der 42-jährige Kommunikationsprofi als politischer Berater tätig, fest angestellt. Und am 1. Mai? Da wird er die Berichterstattung verfolgen: „Ich finde es ein schönes Ritual, doch ähnlich wie bei Mutter- oder Valentinstag finde ich, dass Arbeit und Arbeiterrechte immer aktuell sind.“ 

Unter Kreativen hat Pfister beobachtet: „Durch die mangelnde Bereitschaft sich zu organisieren, bleiben sie Einzelkämpfer.“ Er selbst war auch lange im Deutschen Journalistenverband, hat mitgestreikt. Erst nach seinem Weggang hat er gemerkt, wie wichtig es ist, einen Beistand zu haben, jemanden der sich für einen einsetzt. 

Moderne Tagelöhner: Putzkräfte via Internet
Foto: photocase.de/bruzzomont

Andreas Henke von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi Baden-Württemberg sagt ganz deutlich: „Wir als Gewerkschaften können und konnten es offenkundig nicht mehr für alle Branchen regeln.“ Dafür sind die Beschäftigungsverhältnisse inzwischen zu vielfältig. „Nicht mehr der klassische Arbeiterbereich ist prekär, sondern vor allem einfache, ungelernte Dienstleistungen“, so Henke. Bei der Paketzustellung spielen zum Beispiel scheinselbstständige Subunternehmer eine wichtige Rolle: „Hier werden teils unrealistische Stückzahlen zugrunde gelegt, für die der Subunternehmer dann pauschal bezahlt wird. Das kann er aber niemals in der anvisierten Zeit ausliefern. So wird dann zum Beispiel der Mindestlohn umgangen“, erklärt Verdi-Sprecher Henke. Wobei der mit 8,84 Euro im Raum Stuttgart wegen der hohen Lebenshaltungskosten und Mieten sowieso nicht existenzsichernd sei. Verdi fordert deshalb eine Erhöhung auf mindestens zehn Euro. Der Mindestlohn war notwendig geworden, weil immer weniger Arbeitnehmer nach Tarifverträgen bezahlt wurden. Bis heute versuchen Gewerkschaften der Deregulierung der Nuller-Jahre entgegenzuwirken, auch mit Tarifverträgen. Viel unternehmerisches Risiko wurde auf Individuen abgewälzt. „Bei Soloselbstständigen“, sagt Henke, „hilft kein Tarifvertrag.“ In der Kreativwirtschaft gebe es dieselben Probleme, wie in anderen Branchen mit prekär Beschäftigten auch. 

Früher, in größeren Betrieben und im industriellen Bereich, ließen sich die Interessen von Beschäftigten leichter organisieren und vertreten. Heute geht es dem klassischen Arbeiter dazu anständig. Die neuen prekär Beschäftigten konkurrieren miteinander um Aufträge, sind in einem Unterbietungswettbewerb gefangen. „Für Soloselbstständige ist es viel schwieriger, ihre Interessen gemeinsam zu vertreten“, sagt Gewerkschafter Henke. 

Start-ups wie die Putzfirma Helpling – der immer wieder „moderne Tagelöhnerei“ vorgeworfen wird – bauen auf ein Heer angeblich freier Mitarbeiter. Ab 12,90 Euro ist die Putzstunde im Internet buchbar. Weil die Putzkräfte als freie Mitarbeiter gehandelt werden, müssen die sich selbst versichern und zahlen eine Vermittlungsprovision. Das liegt voll im Trend: Das große Vorbild Uber gilt als äußerst lukrativ, gerade weil man kaum fixe Personalkosten hat. Auch in Deutschland herrscht Goldgräberstimmung: Start-ups, die Putzhilfen übers Internet vermitteln, schießen aus dem Boden: Bookatiger, Helpling, Cleanagents und wie sie alle heißen.

Die Geschäftsführerin einer Stuttgarter Gebäudereinigungsfirma betrachtet diese Plattformen nicht als Konkurrenz: „Meine Kunden buchen dort nicht, weil es unseriös ist“, sagt sie. Die privaten Kunden seien sehr kritisch, forderten Referenzen und Nachweise ein. Vor zwei Jahren wurde sie von Bookatiger kontaktiert. Das Berliner Start-up wollte sie, die seit zehn Jahren im Geschäft ist, als Subunternehmerin gewinnen. „Die Summe, die sie mir boten, war komplett lächerlich.“ 

Sie wunderte sich, wie das Unternehmen so eigentlich existieren kann. Immerhin beträgt der Lohn laut Tarifvertrag für die Branche mindestens zehn Euro. „Die Kunden verlangen, dass wir uns daran halten – und gute Mitarbeiter will ich auch angemessen bezahlen“, sagt die Geschäftsfrau. Bookatiger hat übrigens vor einem guten Jahr eine Kehrtwende vollzogen und stellt seine Reinigungskräfte jetzt fest an. Für die Branche sowas wie eine kleine Revolution. 

Auch für Martin Groß, Professor für Soziologie an der Universität Tübingen, steht fest: "So genannte Normalarbeitsverhältnisse nehmen ab.“ Problematisch sei vor allem die sogenannte externe Flexibilisierung: Unternehmen holen nur nach Bedarf Mitarbeiter ins Unternehmen. Dies funktioniert beispielsweise über Befristung, Leiharbeit oder Werksverträge. Das bestätigt auch ein Schichtführer, der bei Daimler am Band arbeitet. Die Arbeit werde ja nicht weniger, aber immer weiter outgesourct, es gibt kaum noch feste Verträge: „Das ist Sparen am kleinen Mann“, sagt er. 

„Unstete Beschäftigung wird schon deshalb zum Problem, weil Lebensverläufe immer weniger geplant werden können. Trotz aller Anstrengungen des Gesetzgebers finden wir klare Einkommensnachteile für befristet Beschäftigte und für Leiharbeiter“, so der Tübinger Soziologe. Das belegt auch der baden-württembergische Armutsbericht: „Die zunehmende Ausbreitung von Niedriglöhnen ist auch das Ergebnis der zunehmenden Prekarisierung der Beschäftigungsverhältnisse“, heißt es darin. 

Die Zukunftsaussichten der aktuell prekär Beschäftigten sind deshalb düster. „Sie zahlen vergleichsweise wenig in die Rentenkassen ein, haben immer wieder Lücken in ihrer beruflichen Laufbahn. Das Problem der Altersarmut wird in Zukunft noch viel gravierender werden“, so der Tübinger Sozialforscher. Forderungen aus der Wirtschaft nach mehr Flexibilisierung sollten genau geprüft werden. Flexibilisierung muss jedoch nicht zwingend Präkarisierung bedeuten: „Dänemark etwa federt das deutlich besser ab.“ Und nicht jede Flexibilisierung ist schlecht: „Teilzeitarbeit kommt zum Beispiel Eltern zugute, die sich mehr um ihre Kinder kümmern wollen.“ 

Es gibt aber auch den umgekehrten Fall, wie ihn Verdi-Sprecher Henke schildert: „Wenn das Geld nicht reicht, suchen sich die Leute halt einen Zweit- oder gar Drittjob. Und so pervers das klingt: Viele können sich eine Familiengründung schlicht nicht leisten.“ 

Zeitarbeiterin Kienzle hat ihren Sohn alleine großgezogen, zurzeit pflegt sie auch noch ihre Mutter. „Das lässt mich gar nicht mehr zur Ruhe kommen“, berichtet sie. „Was soll ich denn machen, wenn der Kühlschrank leer ist oder meinem Sohn die Hosen nicht mehr passen? Eine Bank überfallen oder was?“ Auch in ihrem Bekanntenkreis verlieren immer mehr Leute ihren festen Job. Ihnen bleibt nur noch Zeitarbeit. „Aber die Leute beschweren sich nicht, sondern sind froh, wenn sie nicht zum Jobcenter müssen“, sagt sie und ergänzt: „Wenn sie nur den Mut hätten, auf die Straße zu gehen: Die Straßen wären voll!“ 

Johannes Pimpl/Kathrin Stärk

Alle Heute Morgen Diese Woche Wochenende Vorschau

von

Bis