LIFT-Aktuell im März 2017

An dieser Stelle gibt es jeden Monat eine kleine Leseprobe zum Durchblättern sowie einen kompletten Artikel aus unserer aktuellen Print-Ausgabe.

LESEPROBE

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Foto: Ronny Schönebaum, Illustrationen: Brehms Thierleben/Württembergischen Landesbibliothek, Signatur A.13a/1

WÖLFE, WELSE UND WANZEN: JETZT ERWACHT DIE URBANE TIERWELT

WILDES STUTTGART

Die Stadt gehört den Menschen? Wildtiere gibt’s nur im Zoo? Der Fuchs lebt ausschließlich im Wald? Iwo! Ein Streifzug durch die städtische Fauna zeigt: Die Tierwelt einer Großstadt hat weit mehr zu bieten. In einer europäischen Metropole leben im Schnitt 10.000 Tierarten – darunter unliebsame Parasiten, Einwanderer aus fernen Ländern und Übersiedler aus Wald und Feld. Eine Safari durchs wilde Stuttgart.

Schon erstaunlich, welche Artenvielfalt so eine Stadt abgesehen von Hund, Katze und Stadttaube so zu bieten hat. Mittlerweile streunern auch Füchse umher und in Halbhöhenlagen steht schon mal ein Reh im Garten. Und was kreucht und fleucht in Stuttgart noch so? 

Die wohl berühmtesten Exoten sind die Papageien im Rosensteinpark und die Schildkröten in Feuer- und Bärensee. Letztere stammen wohl aus der Zoohandlung und wurden von Menschen ausgesetzt. Mittlerweile leben unzählige Schildkröten in Stuttgarts Gewässern. Auch die erste freilebende Gelbkopfamazone stammt aus einer Tierhandlung, ist 1984 entflogen und fand eine Partnerin aus der Wilhelma. Insofern ist an dem Urban Myth, die Stuttgarter Papageien seien aus der Wilhelma ausgebüxt, doch was dran. 

Die Stadt gibt für Wildtiere als Lebensort jedenfalls alles her, was sie brauchen. Die Schildkröten bedienen sich zum Ärger von Anglern und Naturfreunden am heimischen Fischbestand. Und auch die einzige freilebende Papageien-Population außerhalb Amerikas hat es sich im Kessel gut eingerichtet: Sie wärmen sich an Luftschächten und pflanzen sich seit mehr als 30 Jahren erfolgreich fort. 

Doch Papagei und Schildkröte sind lange nicht die einzigen neigschmeckten Tiere: In die Kesselstadt zieht es immer mehr Arten, die sonst nur im Mittelmeerraum anzutreffen sind. Das liegt natürlich an der Klimaveränderung, erklärt BUND-Mitarbeiter Gerhard Pfeifer: „Im Stuttgarter Westen gibt es seit drei Jahren den Alpensegler. Das ist weltweit das nördlichste Brutvorkommen dieser Mittelmeerart.“ 

Eine weitere ornithologische Besonderheit ist der Orpheusspötter, ebenfalls eine mediterrane Art, die seit einiger Zeit in Stuttgart gesichtet wird. „Er sieht aus wie ein großer Spatz, braucht wüste Umgebung und hat sich an einer Tankstelle im Neckarpark mit viel Brache drumherum angesiedelt“, erklärt Pfeifer. 

Foto: Ronny Schönebaum, Illustrationen: Brehms Thierleben/Württembergischen Landesbibliothek, Signatur A.13a/1

Die klimatischen Veränderungen wirken sich auch auf Reptilien aus: „Wir verzeichnen ein starkes Ansteigen von Eidechsen. Nicht nur auf den Bahnstrecken, auch in Gärten“, so der Tierexperte. In Stuttgart unterscheidet man hauptsächlich zwei Arten. Die heimische Zauneidechse befindet sich „auf dem absteigenden Ast“, sie verschwindet zusehends. Ganz im Gegensatz zur Mauereidechse, die eigentlich am Mittelmeer beheimatet ist. „Es gibt hier immer mehr. Sie brauchen einen warmen, offenen und sonnigen Lebensraum“, so Pfeifer. Ein Highlight ist die Smaragdeidechse, die früher nur am Kaiserstuhl zu finden war und nun auch am Stuttgarter Hasenberg lebt. 

Die Klimaveränderung jedoch ist nicht der einzige Grund, warum es neue Tierarten nach Stuttgart zieht. Städte und Landwirtschaft breiten sich immer weiter aus und verdrängen so die Tiere. In Randgebieten finden Wildschwein, Fuchs und Co. einen neuen, urbanen Lebensraum. Die Trennlinie zwischen Stadt und Natur verschwimmt, plötzlich finden Waldtiere ihren Weg in die Grünanlagen und auf die Straßen. So wurde neulich ein Fuchs am Olgaeck in Stuttgart-Mitte gesichtet. Da bekommt das Sprichwort „Wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen“ eine neue Konnation. 

Statt ländlichem Idyll könnte damit auch der Schloss garten gemeint sein. Denn im Rosensteinpark hoppelt die weltweit größte städtische Feldhasen-Population, Dachse streunern in den Wohnsiedlungen umher. Stuttgart wird zur Wildlife-City.

"In der Stadt finden Wildtiere ein üppigeres Nahrungsangebot und vielfältigere Unterschlupfmöglichkeiten als in ihrer ursprünglichen Heimat", so Nabu-Mitarbeiterin Kathrin Schlecht. „Der Mensch schafft nahezu optimale Lebensbedingungen.“ 

Doch die Städter nehmen die näherrückende Natur als Bedrohung wahr, wie die Naturschützerin weiß: „Oft rufen uns Leute an und fragen, wie sie den Fuchs losbekommen. Sie wollen Tipps, wie sie sich von der Natur befreien“, so Schlecht, „doch der Nabu möchte die Natur schützen.“ 

Daher bietet der Verein regelmäßig Führungen durch das städtische Wildlife an. „Wir wollen zeigen, dass wild nicht gleich bedrohlich ist.“ Ihr Kollege Gerhard Pfeifer vom BUND berichtet auch Gegenteiliges: „Die Menschen in der Stadt freuen sich über das Naturerlebnis. Die Stuttgarter sind recht cool drauf und extrem tolerant.“ Aufklärung sei trotzdem wichtig, da das Thema Wildtiermanagement in allen Städten immer größer werde.

Foto: Ronny Schönebaum, Illustrationen: Brehms Thierleben/Württembergischen Landesbibliothek, Signatur A.13a/1

Denn nicht jeder Wildtier-Besuch bleibt harmlos – von Gefahren wie Fuchsbandwurm und durchwühlten Mülleimern mal abgesehen. Ein Tier, das derzeit ordentlich wütet, ist der Waschbär. Seit Jahren ist er auch in deutschen Städten unterwegs und sorgt für massive Schäden. Das Säugetier, ursprünglich in Nordamerika zu Hause, lebt seit dem 20. Jahrhundert als eingeschleppte Art in Europa. Hierzulande hat er keine Fressfeinde, genug Raum, zudem ist er extrem anpassungsfähig und findet in den städtischen Mülleimern alles, was er braucht. 

Der Allesfresser vermehrt sich rasant und bedroht heimische Arten, vor allem Vögel. Daher steht der Waschbär auf der Liste der invasiven Arten – Eindringlinge, die es zu bekämpfen gilt. „Seit dem Jahr 2016 gibt es von der Europäischen Union eine Liste mit 37 Arten, die einheimische Arten gefährden“, erläutert Veterinärmedizinerin Ariane Désirée Kari von der Stabstelle der Landestierschutzbeauftragten Baden-Württembergs. 

Der Waschbär gilt als sogenannter Prädator: „Er kann in Dachböden oder Kaminschächten große wirtschaftliche Schäden verursachen.“ Nun ist es Aufgabe der EU-Mitgliedstaaten, festzulegen, wie man den Eindringling bekämpfen, eindämmen und kontrollieren kann. 

Ein Tier, das ebenfalls ein äußerst ungern gesehener Gast ist, sich allerdings auf dem Vormarsch befindet, ist die Bettwanze. Findet man den unliebsamen Mitbewohner in seinen vier Wänden, sollte man unbedingt den Kammerjäger rufen. Die Bettwanze ist ein Parasit, der sich ein - nistet und sich in der Nähe des Bettes aufhält. Ähnlich wie Zecken saugt sie nachts Blut. Ungesättigt sind die Parasiten etwa fünf Millimeter lang, nach einer Blutmahlzeit fast doppelt so groß. „2010 wurden wir alle zwei Monate wegen Bettwanzen gerufen, 2017 ist es wöchentlich – und die Fälle werden weiter steigen", erzählt der Stuttgarter Schädlingsbekämpfer Stephan Burkhardt. Der Hauptgrund dafür seien Fernreisen, so schleppe man den Parasiten wieder nach Deutschland, wo er für lange Zeit als ausgestorben galt. „Viele Privathaushalte melden einen Wanzen-Befall nicht", führt Burkhardt weiter aus, „dabei hat es nichts mit mangelnder Hygiene zu tun und die Wanzen bekommt man auch von alleine nicht wieder los." 

Ein klarer Fall für den Profi: Nach einer Bestandsaufnahme, oft auch mit Spürhunden, werden die befallenen Räume für 24 Stunden auf 55 Grad erhitzt, das töte die Viecher und ihre Eier ab. Die gute Nachricht: Die Tierchen übertragen keine Krankheiten. 

Nicht ganz ungefährlich ist dagegen der Eichenprozessionsspinner, eine Schmetterlingsraupe, die man zuhauf an Eichen findet. Jährlich bekämpft das Forstamt die schwarzgrünen Raupen und besprüht präventiv über 2.000 Bäume mit dem Insektizid Niemöl.

Foto: Ronny Schönebaum, Illustrationen: Brehms Thierleben/Württembergischen Landesbibliothek, Signatur A.13a/1

Ganz ausrotten kann man den Schädling so nicht, daher ist Aufklärung umso wichtiger. Auch die Stadt Stuttgart warnt vor den Tierchen, deren feine Brennhaare für den Menschen gesundheitsgefährdend sein können. Ihre Widerhaken enthalten eine giftige Substanz und verbreiten sich massenhaft mit dem Wind. Kommt man in Kontakt mit den Raupenhaaren, entwickelt sich starker Juckreiz, die Haut reagiert sofort mit schmerzhaften Rötungen, Quaddeln und stichartigen Bläschen. Für den Menschen ungefährlich, aber auch immer mehr verbreitet, ist der Wels. Der wohl größte Süßwasserfisch bringt es schon mal auf drei Meter Länge und ein Gewicht von über 100 Kilogramm. Und der Neckar bietet ihm günstige Voraussetzungen, denn der Fluss wurde in den vergangenen Jahren immer wärmer. 

Kläranlagen und Kraftwerke leiten regelmäßig warmes Wasser in den Neckar, sodass sich die Durchschnittstemperatur um ganze fünf Grad Celsius erhöht hat. Der Wels vermehrt sich im warmen Flusswasser prächtig. Doch der Räuber verdrängt kleinere Fischbestände, außerdem verschwinden weitere Arten durch die Erwärmung des Flusses. Die Forelle beispielsweise verzieht sich lieber in kältere Gewässer. 

Klar, auch die Lebenswelten von Tieren verändern sich, doch klimatische und umwelttechnische Veränderungen, die Tiere in die Stadt treiben, verdrängen auch Arten, die früher in der Region heimisch waren. Eine Statistik der baden-württembergischen Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz zeigt, dass allein ein Temperaturanstieg von einem Grad Celsius in den vergangen 100 Jahren die Flora und Fauna in Baden-Württemberg bereits weitreichend beeinflusst hat. Neue Arten wurden heimisch, andere verdrängt, Blühtermine verfrühten und Vegetationsperioden verlängerten sich. 

Wenn aufgrund steigender Temperaturen immer mehr Arten aus dem Mittelmeerraum zu uns kommen, wird es auch einigen heimischen Tierarten wie Sperling, Star oder eben der Forelle zu warm werden. Die städtische Fauna verändert sich also. Markus Rösler, Wolfsbeauftragter des Nabu, wird immer wieder zu Vorträgen eingeladen, in denen er fragt: „Wann kommt der Wolf in den Kreis Ludwigsburg?“ Schaut man sich den Wolfsbestand in Deutschland an, hat sich die Zahl der Rudel zwischen den Jahren 2014 und 2016 von 25 auf 46 nahezu verdoppelt. Und damit könnte man diese Frage mit „Vielleicht schon bald“ beantworten…

 

Mara Veigel

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