LIFT-Aktuell im Januar 2017

An dieser Stelle gibt es jeden Monat eine kleine Leseprobe zum Durchblättern sowie einen kompletten Artikel aus unserer aktuellen Print-Ausgabe.

LESEPROBE

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Foto: Tyler Mullins

BLOSS NICHT OUTEN: SCHWULE FLüCHTLINGE TREFFEN IN DER NEUEN HEIMAT AUF ALTE PROBLEME

ANGST VOR DEM „SOCIAL DEATH“

In vielen Ländern ist Homosexualität verboten, es drohen teils drakonische Strafen und gefährliche „Heil“-Methoden, weshalb viele Schwule nach Deutschland fliehen. Wie geht es den Menschen hier, wo sie zwar ihre Sexualität frei ausleben dürfen, aber in den Flüchtlingsunterkünften mit Menschen aus der alten Heimat zusammenwohnen?  

Bahador Soori lebt seit fünf Jahren in Deutschland. In seiner Heimat Iran drohten ihm Zwangsmedikamentierung, Elektroschocks, Peitschenhiebe und die Todesstrafe. Sein Verbrechen? Soori ist schwul.  

In einem Café in der Stuttgarter Innenstadt erzählt der junge Mann von seiner Jugend im Iran. „Mit 13 Jahren habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich schwul bin. Ich war auf einer Jungenschule und dachte zuerst, dass es vielleicht nur daran liegt“, sagt er.  

Soori vertraute sich seiner liberalen Mutter an, die schickte ihn zu einer befreundeten Psychologin. Sie sagte ihm, wie die Therapie aussehen würde: Medikamente, Hormone, Elektroschocks. „Ein Schulfreund von mir musste alle drei Stufen durchlaufen, er war danach nicht mehr wie ein Mensch, sondern nur noch wie ein Stück Fleisch.“  

Soori verheimlicht seine Sexualität, nicht mehr nur vor dem konservativen Vater, ein hohes Tier bei der Polizei, sondern auch vor seiner Mutter. Schließlich sieht er einen Ausweg: über ein Studienprogramm kann er nach Deutschland ausreisen, 2011 beginnt er sein Studium der Internationalen Beziehungen an der FH Aachen. Was seine Eltern nicht wissen: Soori hat nicht vor, je wieder in den Iran zurückzukehren.  

Während des Studiums lebt er seine Sexualität ganz offen, setzt sich für Homosexuellenrechte ein, auch in sozialen Netzwerken. Ein Fehler, denn 2013 wird sein halbstaatliches Stipendium vom Iran nicht verlängert. „Ich war nicht nur schwul, sondern auch noch ein politischer Aktivist.“ Soori kann nicht weiter studieren aber auch nicht in den Iran zurückkehren. Er beantragt Asyl – in Karlsruhe, weil seine Schwester in Remseck wohnt. Nach einem Monat in der Landeserstaufnahmeeinrichtung, „ein schmutziges Gefängnis“, kommt er in Stuttgart unter. Bis heute kämpft er für eine gesonderte Unterbringung von Homosexuellen. „Viele Muslime haben Probleme mit Homosexuellen“, sagt Soori. Er ist in Deutschland zum Christentum konvertiert.  

Eine gesonderte Unterbringung von homosexuellen Flüchtlingen – wie in Berlin, Köln oder Nürnberg – gibt es in Stuttgart aber ganz „bewusst nicht“, wie eine Sprecherin erklärt. Denn: „Integration fängt bereits in der städtischen Flüchtlingsunterkunft an, in welcher unter Anleitung der Hausleitung und Sozialberatung die Bewohner mit Toleranz und gegenseitiger Wertschätzung zusammenleben – ungeachtet der Herkunft, Religion oder Sexualität.“ Auch wolle man eine Stigmatisierung vermeiden, die mit der separaten Unterbringung einherginge.  

Der junge Mann spricht nahezu fließend Deutsch, diskutiert lebhaft über Religion, Verfassungstheorie, Liberalismus und kämpft für seine Rechte und Interessen. Er wirkt mit sich im Reinen, wenn er an seinem Caffe Macchiato nippt. Nicht allen geht es so gut.  

Niclas ist 17 Jahre alt. In seiner Heimat ist Homosexualität verboten, Schwule und Lesben werden verfolgt. Niclas ist geflohen, weil er Angst hatte um sich und seine Familie und weil er seinen „Lifestyle“ frei ausleben will. Deutschland ist für ihn ein liberales Vorzeigeland. Seit neun Monaten lebt Niclas in Deutschland. Er kommt aus einem Land in Westafrika, welches sollen wir genauso wenig schreiben wie seinen echten Namen. Denn Niclas hat immer noch Angst.  

Niclas ist nicht sehr groß, aber kräftig, ein sportlicher Typ. Er raucht nicht und trinkt lieber Wein, erzählt er, „denn Bier geht sofort hierhin.“ Niclas zeigt auf seine nicht vorhandene Wampe und grinst. Es ist fast sein einziges Lachen während unseres Treffens. „Ich werde dich nicht anlügen“, sagt er mehrmals, „aber ich vertraue Journalisten nicht. Ich vertraue niemandem.“  

Für Niclas steht viel auf dem Spiel. Nur ganz wenige Menschen wissen, dass er schwul ist. Als er floh, wusste es nur sein bester Freund. Inzwischen auch seine engste Familie, die noch in Afrika lebt. In Deutschland weiß es fast niemand. Niclas hält seine sexuelle Identität geheim. Er lebt mit anderen jungen Flüchtlingen zusammen, in der Nähe von Stuttgart. Auch vor ihnen hält er es geheim.  

Er kennt viele andere Menschen aus seinem Heimatland in Deutschland. Auch vor ihnen verheimlicht er seine sexuelle Orientierung. In sozialen Medien hält er es geheim. „Wenn die Leute herausfinden würden, dass ich schwul bin, wäre das mein sozialer Tod“, sagte er. Auch seine Familie in seinem Heimatland müsste mit Anfeindungen rechnen.  

Niclas hofft, bald ein eigenes, abschließbares Zimmer zu kriegen. Um wenigstens dort endlich er selbst sein zu können. Er konzentriert sich auf die Schule, lernt Deutsch und Mathematik. Zwei Jahre noch, dann will er eine Ausbildung machen, am liebsten zum Elektroniker. Ob er irgendwann seine Identität offen zeigen kann? Niclas kann es sich nicht vorstellen.  

Damit ist er nicht allein. Thorsten Hinz kennt viele solcher Fälle. Der Sozialwissenschaftler der Aids-Hilfe Stuttgart hat bis vor kurzem als Streetworker im Café Strich-Punkt gearbeitet, einer Anlaufstelle für männliche Prostituierte. In vielen Herkunftsländern der Geflüchteten gebe es keine homosexuelle Szene und daher auch keine Rollenvorbilder. „Die Leute haben gar kein Bild von Homosexualität“, erklärt Hinz. „Wenn sie zum ersten Mal beim Christopher Street Day dabei sind, ist das die totale überforderung.“  

Dass schwule Flüchtlinge anfangs in Deutschland nicht offen zu ihrer Sexualität stehen, kann sogar ihr Asylverfahren behindern, erklärt der Stuttgarter Rechtsanwalt Stefan Weidner. Schwerwiegende Verfolgung aufgrund der sexuellen Orientierung ist zwar ein Asylgrund, dafür müsse die Homosexualität aber glaubhaft sein. „Wenn die Leute das nicht gleich bei der ersten Befragung mitteilen, wird’s problematisch“, so Weidner.  

Andererseits tun schwule Flüchtlinge aus homosexuellenfeindlichen Ländern gut daran, ihre sexuelle Orientierung zumindest in der Unterkunft zu verbergen, meint Thorsten Hinz. Der Druck auf die Geflüchteten ist hoch. „über Facebook und Co. sind die Leute heute ja extrem gut vernetzt“, sagt er. „Stellen Sie sich vor, was es bedeutet, wenn jemand hier offen schwul lebt und die Familie im Heimatland darunter leiden muss.“ Hinz weiß aber auch: Trotz aller anfänglichen Unsicherheit, irgendwann wachsen die verfolgten Homosexuellen in Deutschland in ihre Rolle als frei lebende Schwule hinein. „Nach drei Jahren tingeln sie dann durch die Clubs.“  

So wie Soori, der seine Rolle gefunden hat. Er kämpft für die Rechte von Homosexuellen in Deutschland. Die Öffnung der Ehe, Möglichkeiten zur Adoption, es gibt viel zu tun, sagt er. „Ich bin jetzt Aktivist für Deutschland.“ 

 

Johannes Pimpl

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