LIFT-Aktuell im Dezember 2017

An dieser Stelle gibt es jeden Monat eine kleine Leseprobe zum Durchblättern sowie einen kompletten Artikel aus unserer aktuellen Print-Ausgabe.

LESEPROBE

Foto: Anette Cardinale

IMMER MEHR JUNGE FRAUEN KÄMPFEN IN STUTTGART FÜR GLEICHBERECHTIGUNG

DAS NEUE GESICHT

Frauen werden heute Fußballweltmeisterin, Vorstandschefin oder Kanzlerin. Trotzdem gehören Diskriminierung, Sexismus und Gender-Pay-Gap zum Alltag. In Stuttgart wächst gerade eine neue Generation von Feminist*innen. Ihnen geht es nicht länger um den Kampf Frau gegen Mann, sondern um mehr Gerechtigkeit für alle.

Lena Holzner ist eine dieser jungen Frauen zwischen 25 und 35, die sich fragen, was Feminismus heute eigentlich bedeutet. Mit dem neu formierten Stuttgarter Feministischen Frauengesundheitszentrum FF*GZ, das kürzlich mit seiner Kick-Off-Veranstaltung „We all came out of a Pussy“ für Furore sorgte, will sie die Frauengesundheit aus der Eso-Ecke holen.  

Schon in den 1970er-Jahren trafen sich Frauen, um mit einem Spekulum den eigenen Körper zu untersuchen. Holzner betont, wie wichtig es ist, sich selbst kennenzulernen. Die jungen Frauen, viele Künstlerinnen und Sozialarbeiterinnen, haben eine Veranstaltungsreihe namens „Tender Tuesday“ aufgelegt. Zum Auftakt weckten sie die „Lust an der Brust“. Anfassen ausdrücklich erlaubt.  

„Wir möchten körper- und lustfeindlichen Gesellschaftsstrukturen aufbrechen“, sagt Holzner. Oft fehlen die Worte, um die eigenen Bedürfnisse, Gefühle, ja gar Körperteile zu benennen. Eine sexpositive Feministin also? „Ich tue mich schwer mit diesen Labels.“ Auch was Geschlechterrollen angeht. Deshalb das Sternchen im Namen des FF*GZ. Holzner und ihre Mitstreiterinnen möchten weg von alten Kampflinien: „Wir sind für ein friedliches und gerechtes Miteinander. Das schließt auch Männer ein.“ Denn auch bei denen gebe es großes Leid.  

Das sieht auch Angelina Haug vom Esslinger Unternehmerinnen-Netzwerk „Con - nectworxx“ so. Seit knapp 20 Jahren versteht sich der Verein als regionale Lobby für selbstständige Frauen. „Wir verbünden uns, um uns zu stärken“, sagt die Psychologin. „Wir Frauen zweifeln an unseren Fähigkeiten an, sehen andere Frauen als Konkurrenz, bewerten unsere Arbeit negativ, haben Sex, wenn wir nicht wollen und geben uns mit weniger zufrieden.“ Diese tief verwurzelten Positionen will die Psychologin bewusst machen: „Jede Frau denkt, das ist mein persönliches Problem. Was sie nicht sieht, ist, dass es sich hier um ein gesellschaftliches System handelt.“  

Dieses System aufbrechen möchte auch Maria Nübling. 2015 hat sie mit ihrer Kommilitonin Christina Gassen das Netzwerk „Theater. Frauen“ gegrüdnet, bevor sie als Dramaturgieassistentin ans Schauspiel Stuttgart ging. Ausgangspunkt für die beiden war die Beobachtung, dass in Seminaren gefühlte 80 Prozent Frauen saßen, sich das Geschlechterverhältnis jedoch nicht in den Theaterstrukturen widerspiegelte.  

Von 124 Intendanten in Deutschland sind 19 Frauen. „Eine Frauenquote, für die man sich schämen müsste“, meint Nübling. Bei den Theater.Frauen geht es um Vernetzung, eine Plattform zu bieten gegen die strukturelle Benachteiligung. Dass die nach wie vor groß ist, machte die 2016 von Kulturstaatsministerin Monika Grütters vorgelegte Studie „Frauen in Kultur und Medien“ deutlich. 

Foto: Oliver Röckle/FF*GZ

Für eine Verbesserung der Lebensumstände setzt sich seit vierzig Jahren der Stuttgarter Verein „Frauen helfen Frauen“ (FHF) ein. Er hat sich zum Ziel gesetzt, Frauen und Kindern ein gewaltfreies Leben zu ermöglichen. 1977 arbeitete FHF noch ehrenamtlich. In einer kleinen Drei-Zimmer-Wohnung waren bis zu 16 Frauen und Kinder untergebracht. Wenn der Platz nicht ausreichte, nahmen sie die betroffenen Frauen auch mit nach Hause. Heute hat sich die Arbeit professionalisiert, elf Mitarbeiterinnen arbeiten im größten Frauenhaus Baden-Württembergs, weitere zwei in der Verwaltung und vier in der Beratungsstelle. „Damals war Gewalt gegen Frauen noch ein Tabu“, berichtet Heidi Graf-Knoblauch, die bereits seit zwei Jahrzehnten im Frauenhaus arbeitet. 

Häusliche Gewalt hat viele Facetten – und viele Frauen wollen nach außen das Bild der heilen Familie aufrechterhalten. Nicht zu unterschätzen ist die psychische Gewalt. Frauen werden kleingemacht, erniedrigt und verlieren so zunehmend an Selbstwertgefühl. Die aktuelle Diskussion um #MeToo findet Graf-Knob - lauch gut: „Bei solchen Tabuthemen ist es sehr wichtig, dass auch prominente Frauen ihr Schweigen brechen.“ Nur so könne man das Machtgefälle verringern. Deshalb sieht sie es auch mit Freuden, dass sich unter den jungen Frauen in Stuttgart gerade etwas bewegt. 

Und trotzdem beobachtet die Soziologin: „Gewalt gegen Frauen nimmt nicht ab.“ Seit der Eröffnung des ersten Stuttgarter Frauenhauses 1983 waren dort rund 5.000 Frauen und ihre Kinder untergebracht. Das Haus ist fast immer voll. Jede vierte Frau erlebt Gewalt. Trotz neuer Gesetze und Hilfen. 

Das bestätigt Iris Enchelmaier, die in Beratungsstellen des FHF arbeitet: „Wir haben eine massive Zunahme an Beratungen.“ Vielleicht weil das Thema gesellschaftlich nicht mehr tabuisiert wird, sodass mehr Frauen die Angebote nutzen. „Man denkt, man hat schon alles gehört“, sagt sie, „und dann wird es immer wieder getoppt.“ Viele Frauen haben in Ihrer Kindheit selbst Gewalt erfahren und das Ausshalten als Verhaltensmuster erlernt. „Das wird dann von Generation zu Generation weitergegeben“, erklärt Enchelmaier. 

Deshalb nimmt FHF mittlerweile die Kinder stärker in den Fokus, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen. „Und natürlich ist es auch eine Frage der Sozialisation“, so die Sozialpädagogin, „Jungs werden noch immer anders erzogen als Mädchen.“ 

Als Ursachen sehen die beiden eine nach wie vor existierende Geschlechterungerechtigkeit. „Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft“, sagt Graf-Knoblauch. Frauen verdienen weniger, bekleiden weniger Führungspositionen – der Frauenanteil von 30,7 Prozent im neuen Bundestag lässt sie den Kopf schütteln. 

Maria Nübling hat gerade mit den Theater. Frauen einen neuen Aufschlag gewagt. Im „Abc der (Un)Gleichheiten“, untersuchen sie von A bis Z, wie die Geschlechterverteilung in Leitungspositionen und bei Regie-Aufträgen in der Schauspielsparte aussieht. Zudem es gibt einen engen Austausch mit ProQuote Bühne, die eine Frauen-Quote für das Theater fordern. Nübling findet Quoten zwar nicht schön, aber: „Da sich ohne Quote nichts tun wird, ist das erst mal ein sinnvoller Anfang.“ 

Ja, es geht um die Umverteilung von Macht. Und dazu braucht es Männer als aktive Verbündete, betont Unternehmerin Haug: „Wir können die Evolution nur gemeinsam schaffen.“ Schließlich sei Männerunterdrückung ebenfalls ein Ausdruck von Sexismus. „Die kriegen auch ganz schön viel ab“, meint Haug, „wir können nur gemeinsam wachsen – und nicht auf Kosten des anderen.“ 


Kathrin Stärk 


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FRAUEN HELFEN FRAUEN [www.fhf-stuttgart.de

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TENDER TUESDAY [Di 19 Uhr, FF*GZ, Kernerstr. 31, S-Ost, www.ffgzstuttgart.de]

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