LIFT-Aktuell im August 2017

An dieser Stelle gibt es jeden Monat eine kleine Leseprobe zum Durchblättern sowie einen kompletten Artikel aus unserer aktuellen Print-Ausgabe.

LESEPROBE

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Jute statt Plastik? So lässt sich überflüssiger Müll vermeiden
Foto: Alex Wunsch

DER NACHHALTIGE LIFESTYLE „ZERO WASTE“ IST AUCH IN DER REGION AUF DEM VORMARSCH

KOMMT MIR NICHT IN DIE TÜTE

Schildkröten und Seevögel, die im Plastikmüll um ihr Leben kämpfen. Strände, die vor lauter Reifen, Dosen und Plastiktüten nicht mehr zu sehen sind – wir alle kennen diese Bilder. Laut Naturschutzbund (Nabu) landen jährlich zehn Millionen Tonnen Plastikmüll in den Weltmeeren. Doch anstatt betroffen dreinzuschauen und Großkonzerne sowie die Verpackungsindustrie zu verfluchen, könnte ja jeder bei sich selbst anfangen. Und so starte ich voller Enthusiasmus eine Woche „Zero Waste“, also null Abfall, in der ich auf sämtliche verpackte Lebensmittel verzichten werde. 

Das heißt: Schluss mit Chips und all den anderen mit Plastik verpackten Knabbereien. Schluss mit eingeschweißten Bio-Gurken und Früchten in Plastiknetzen. Papiermüll möchte ich auch vermeiden – wenn schon, denn schon. Mein Plan ist einfach: Ich werde lose Ware aus dem Supermarkt kaufen und mich auf dem Wochenmarkt eindecken. Mit Jutebeutel und Vesperbox mache ich mich auf den Weg zum Bioladen, wo meine Euphorie den ersten Dämpfer verpasst bekommt: Der Großteil an Obst und Gemüse ist genauso plastikverpackt wie im Discounter. Super. 

Also nehme ich eben von allem, was ich unverpackt finden kann, ein bisschen mit. Meine Ausbeute: ein Büschel Mangold, eine Sellerieknolle, ein paar Süßkartoffeln, eine Zitrone und ein bisschen loses Obst. Übrig bleibt ein meterlanger Einkaufszettel. Anfängerpech, denke ich mir. Die nächsten Tage bin ich glücklich mit meinen verschiedenen Gemüsepfannen und Bratlingen. Käse und Joghurt fehlen mir schon ein bisschen. Pasta, um ehrlich zu sein, sogar sehr. Aber ich will das jetzt durchziehen. 

Auf dem Heimweg vom Wochenmarkt fragt mich eine Freundin, ob ich nicht langsam die Nase voll hätte – worauf ich schlecht nein sagen kann, denn langsam wird meine Ernährung ziemlich eintönig. Um mich herum werden die leckersten Sachen verspeist und vor mir liegt eine gebratene Sellerieknollenscheibe auf dem Teller, in der ich lustlos herumstochere. Meine Laune erreicht den absoluten Tiefpunkt, als ich in geselliger Runde sitze und alle sich aus einem dampfenden Topf voller Maultaschen bedienen – die natürlich nicht selbst gemacht sind. Ich kann meinen Gelüsten nicht mehr widerstehen. Nach dem Essen greife ich auch noch zur Chipstüte – und schäme mich für meine Inkonsequenz und Willensschwäche. 

Einmal ist keinmal, beruhige ich mich und nehme mir fest vor, einen zweiten Versuch zu starten, den ich besser planen werde. Das war vor einem halben Jahr. Einen zweiten Versuch gab es seither nicht, aber ich versuche, immer eine Tragetasche dabeizuhaben, verlange nicht für jeden kleinen Einkauf einen Kassenzettel und versuche, Plastikverpackungen zu vermeiden. Letzteres ist eine echte Herausforderung. An immer mehr Stellen lauert der Plastik-Supergau in Form von Salatboxen und pfandfreien Smoothies in Wegwerf-Plastikfläschchen. Beim Einkaufen stehe ich noch immer vor dem Problem, dass Biogemüse eingeschweißt ist – um es von der konventionellen Ware zu unterscheiden. 

Lina Fritz und Johanna Meyerding sind „Fridi“
Jens-Peter Wedlich steckt hinter „Schüttgut“
Foto: Ronny Schönebaum

Ich klicke mich durch Zero-Waste-Blogs und stoße so auf Schüttgut, einen sogenannten Unverpackt-Laden, der seit einem Jahr vom Westen aus die Stuttgarter mit loser Ware versorgt. Hier kann der Kunde alles in selbst mitgebrachte Behältnisse abfüllen. Plastikverpackungen werden damit überflüssig. Weiterer Pluspunkt: Man kauft nur so viel, wie man wirklich braucht. Außerdem werden Säfte und Milchprodukte in Glaspfandflaschen angeboten und es gibt nachhaltige Kosmetik. 

Auch in Reutlingen wird im Oktober ein Unverpackt-Laden namens Fridi eröffnen. Lina Fritz betreibt den Laden zusammen mit ihrer Freundin Johanna Meyerding und bezeichnet ihren Lebensstil als „Low Waste“, also wenigstens wenig Abfall. Die Idee für Fridi entstand aus der eigenen Not heraus, erzählt sie: „Wir haben selbst versucht, unser Leben so müllfrei wie möglich zu gestalten, sind aber beim Einkauf von Lebensmitteln an unsere Grenzen gestoßen. Hier gab es nirgends einen UnverpacktLaden und da Jammern nicht viel nützt, haben wir beschlossen, selber einen aufzumachen.“ Neben dem Geschäft in Reutlingen sollen noch weitere in der Region folgen. „Wir wollen vielen Menschen den Zugang zu unverpackten Lebensmitteln ermöglichen“, sagt Fritz. 

Sie selbst kommen dadurch dem erklärten Ziel „Zero Waste“ näher, denn so können sie wirklich komplett unverpackt einkaufen. Abgesehen vom Eigennutz möchten die beiden auch zum Umdenken animieren: „Wenn das Bewusstsein wächst und viele Menschen erkennen, dass bereits kleine Schritte Veränderungen bewirken können, haben wir eine Chance, den Müllwahnsinn und die irrsinnige Verschmutzung zu stoppen.“ 

Doch Fritz ist keine Ideologin, sie weiß aus Erfahrung, dass es etwa mit kleinen Kindern nicht ganz einfach ist: „Für deren Bedürfnisse gibt es nicht immer Alternativen.“ Um dem Ziel des müllfreien Lebens immer näher zu kommen, ermutigt sie auch andere zum Ausprobieren. Neben Unverpackt-Läden seien Wochenmärkte eine gute Einkaufsmöglichkeit: „Eigene Behälter und Taschen nicht vergessen, die meisten Verkäufer sind da sehr aufgeschlossen“, berichtet Fritz. Das motiviert auch mich für einen erneuten Versuch. 

Ausgerüstet mit leeren Behältern statte ich Stuttgarts Schüttgut einen Besuch ab und bin überrascht von der großen Auswahl: verschiedene Reis-, Nudel- und Getreidesorten, Müsli, Tee, Gewürze und Salz – alles abfüllbereit in Behältern an der Wand und in Regalen. In der Mitte des Ladens warten verschiedene Obst- und Gemüsesorten. Auch Essig, Öl, Brotaufstriche in Weckgläsern und sogar Schokolade werden angeboten. 

Claudia Wedlich, die den Laden gemeinsam mit ihrem Mann führt, erklärt mir das Abwiegen meiner Behälter. In dem kleinen Laden ist immer was los und alle scheinen sich zu kennen. Man fühlt sich hier sofort wohl. 

Nachdem alle meine Dosen mit einem Etikett versehen sind, befülle ich sie mit Vollkornnudeln, Quinoa, Kakao-Nibs, getrockneten Maulbeeren und allem, was mir bei meiner müllfreien Woche im Januar gefehlt hat. Und eins ist klar: Alles andere kommt mir nicht mehr in den Jutebeutel! 

Diana Fiedler 

 

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SCHÜTTGUT [Vogelsangstr. 51, S-West, Tel. 0711/23 09 68 75, Mo+Do 10-19, Di+Fr 10-18, Mi 12-18, Sa 9-14 Uhr, www.schuettgut-stuttgart.de

FRIDI [www.fridiunverpackt.de]

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