LIFT-Aktuell im April 2018

An dieser Stelle gibt es jeden Monat eine Blick ins Heft zum Durchblättern sowie einen kompletten Artikel aus unserer aktuellen LIFT-Ausgabe.

LESEPROBE

Ulrike Edelmann ist stolz auf ihre Tracht

GEFÜHLSDUSELEI, KAMPFBEGRIFF ODER KONSERVATIVE KOSMETIK: WAS IST DAS EIGE NTLICH, HEIMAT? 

Stuttgarter Heimatgefühle

Spätestens seit Exportbayer Horst Seehofer sich mit seinem Heimatministerium in Berlin durchgesetzt hat, ist der Begriff in aller Munde. Doch was ist das eigentlich, Heimat? Mehr als ein Label, mit dem man super Kochbücher, Drinks und Nippes verkaufen kann? Urschwaben und Geflüchtete, Trachtler, Nei’gschmeckte und Heimkehrer berichten, wo sie ihre Heimat haben. 

Anja Dargatz tat sich schwer mit den Schwaben

Mit dem heimisch werden tut sich Anja Dargatz auch nach guten zwei Jahren als Nei’-gschmeckte in Stuttgart noch schwer. Für die 44-Jährige „lief das Ankommen ganz passabel“. Ihr schwäbisches Sprachniveau würde die gebürtige Berlinerin „auf A2 schätzen: Das mit dem ‚heben‘ hab ich nun verstanden“. Nur mit der schwäbischen… nun ja, Penibilität hat sie noch ihre Schwierigkeiten. Etwa wenn sie wildfremde Menschen auf kleine Regelverstöße aufmerksam machen, wie an der Ampel: „Rot isch Rot!“ 

Der Begriff Heimat, wie er gerade benutzt wird, nervt sie: so deutsch, so begrenzt. Für sie ist Heimat etwas, das man mitnehmen, das man jederzeit ausbreiten kann. „Das ist da, wo ich bin – das kann mir keiner wegnehmen.“ 

In Stuttgart mag sie den „Palast der Republik“ – nicht nur wegen des Namens. „Das Öschelige, ein Pissoir in eine Kneipe umzubauen, das ist schon sehr Berlinerisch.“ Ein öffentlicher Raum, an dem Leute sitzen und Bier trinken, da fühlt sie sich wohl. Eine Art Heimatgefühl kommt bei ihr nur auf, wenn sie den Berliner Alex sieht. Ironischerweise war sie noch nie auf dem Berliner Fernsehturm, auf dem Stuttgarter dagegen schon dreimal. 

Der Heimatbegriff macht gerade einen Wandel durch, er hat für sie etwas Reaktionäres: „Man ist ja nicht gleich ‚ein guter Bürger‘, nur weil man Heimatgefühle hat.“ Deshalb sind Bücher wie die von Saša Stanišić für sie eine Art geistige Heimat. Seine kurzen Erzählungen sind bunt, divers und zeigen die Absurditäten des deutschen Alltags. Diesen humorvollen, liebevollen Blick findet Dargatz charmant. Und wirft ihn auch auf ihre neue Heimat, das Ländle. Auch schwäbische Lieblingsworte hat sie. Aktuell ist es „Käpsele“.

Dauer-Stuttgarter Martin Elbert

Ob er ein Käpsele ist, können wir nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber wenn es um Stuttgart geht, um seine Stadt, dann ist Martin Elbert allemal Experte. Der 41-Jährige ist nicht nur als DJ Ram bekannt, sondern auch als Chefblogger bei Kessel-TV. Heimat hat für ihn auf jeden Fall einen Stuttgart-Bezug. Hier ist er geboren, hier ist er daheim. „Zu 99,9 Prozent werde ich die Stadt nicht verlassen. Heimat ist da, wo man sich am wohlsten fühlt.“ 

Und im Kessel fühlt er sich wohl. Als Läufer beschert ihm der Blick auf die Stadt „fast tägliche Hach-Momente“. Und das, obwohl er nie wirklich weg war. „Ich bin nicht der Travel-Typ, der unbedingt die Welt erkunden muss.“ Selbst Urlaub ist nicht so wirklich sein Ding. „Reisen ist ja ein anerkanntes Premium-Hobby, aber das brauch ich nicht“, sagt er. Klar freut er sich, mal ein paar Tage in Paris zu verbringen, er ist auch gerne in Amerika. Aber letztlich hält er es wie Woody Allen, der Manhattan auch nur ungern verlässt. 

Mit dem neuen Seehofer-Heimatministerium kann Elbert nichts anfangen: „Ich wünschte mir eher ein Digitalministerium“, sagt Elbert, „vielleicht ist auch der Name falsch gewählt. Klingt jedenfalls schräg und arg nach Aktionismus.“ Als wolle man den Bürgern im Zuge der Rechtsverschiebung zeigen, dass sie gehört werden.

Die Heimat ist offenbar wieder en vogue. Sie darf in keinem Parteiprogramm fehlen und schlaue Werber nutzen sie als verkaufsförderndes Label. Der Trend zum regionalen Konsum ist auch hierzuländle angekommen: 0711, Brezeln, Fernsehtürme und Rössle zieren Shirts, Topflappen und Fußabtreter. Woher kommt das? 

Karin Bürkert, Kulturwissenschaftlerin am Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen, weiß mehr. „Früher war ‚Heimat’ ein juristischer Begriff“, erklärt sie, „erst ab dem 18. Jahrhundert wurde er mit dem Aufkommen von Heimatbewegung und -vereinen emotional aufgeladen.“ Vor dem Hintergrund der Industrialisierung wurde Heimat zu einer Art Schutzbegriff, der sich an Sprache, Bräuchen und ähnlichem festmachen ließ – um diese vor Fremdeinwirkung zu bewahren. 

„Damit hat das immer etwas Konservierendes, etwas Konservatives“, meint die Kulturwissenschaftlerin. Und dieses mit Verlustängsten behaftete Heimatdenken sei eben gerade beliebt. Womit wir auch schon bei einem Erklärungsansatz für den neuen Seehofer’schen Spielplatz wären: der Zeiteilung von Stadt und Land, wobei der neue Superminister Heimat wohl mit Ländlichkeit gleichsetzt. 

Deshalb meint Bürkert auch, treffender wäre der Name „Ministerium für ländliche Entwicklung“. Heimat wird also zu einem politischen Begriff, in dem vieles mitschwingt – wie Heimatschutz oder Exklusion. „Das macht den Begriff gefährlich, denn es geht nicht um Förderung, sondern um Abgrenzung“, betont Bürkert. Und gerade Bewegungen wie die neurechten Identitären setzen diesen Begriff ein, betont Kulturwissenschaftlerin Bürkert. Die Politik habe sich zu wenig um rurale Probleme gekümmert, die ländliche Bevölkerung fühlt sich abgehängt.

Abgehängt fühlt sich Ulrike Edelmann nicht. Sie lebt gerne auf dem Land. In Kiebingen, einem Ortsteil von Rottenburg in der Nähe von Tübingen. Dort ist die 54-Jährige aufgewachsen und sitzt im Vorstand des Trachtenvereins, dem sie seit über 40 Jahren angehört. Dessen Leitspruch lautet: „Liebe die Heimat, ehre die Tracht“. Für Edelmann steht das „für den Erhalt des Brauchtums der Vorfahren. Ich bin stolz, die Tracht zu tragen.“ 

Die ist ihr wichtig, angefangen beim fünf Meter weiten Rock in Kleesamenstruktur, über die weiße Halbschürze und die Bluse mit Puffärmeln aus grobem Leinenstoff, darüber das schwarze Mieder mit goldverzierter Borte bis zu den weißen Strümpfen und schwarzen Schuhen. Nicht zu vergessen die knielange Leinenunterhose und natürlich die eineinhalb Kilo schwere Schappel als Kopfschmuck. „Deren Größe demonstrierte den Wohlstand der Familie“, erklärt die Neckartalerin. 

Außer zur Ausbildung in Freiburg war sie nie über einen längeren Zeitraum weg von zu Hause. 15 Jahre lang wohnte sie im drei Kilometer entfernten Rottenburg. Ihr soziales und das Vereinsleben fanden in Kiebingen statt. Dass jetzt in Deutschland vermehrt über Heimat diskutiert wird, liegt auch daran, dass viele Flüchtlinge hier angekommen sind, ist sich Edelmann sicher.

Mahmoud Ali hält per Smartphone Kontakt zu Freunden und Familie

So wie Mahmoud Ali. Für den 29-jährigen Syrer, der auf der Flucht über Jordanien, Ägypten und Dubai nach Deutschland kam, ist Heimat nicht ortsgebunden: „Für mich sind das meine Freunde.“ Im Gegensatz zur Familie sind das selbst gewählte Weggefährten, mit denen er aufwuchs, zur Schule ging und Journalistik in Damaskus studierte – und durch Krieg und Flucht verlor. 

Mittlerweile hat er einen Job, Bekannte, ein Leben, doch sein Smartphone ist nach wie vor die Verbindung zur Heimat: „Ohne mein Handy kann ich nicht leben.“ Manchmal telefoniert er stundenlang mit den Freunden, in Kanada, Südafrika, Istanbul. Es gibt eben Dinge, die er nur mit ihnen besprechen kann. In Deutschland spürt er deshalb ein Gefühl der Unsicherheit.

„Damaskus ist ein Stück meiner Seele“, sagt Ali. Früher fand er die vielen Gedichte, in denen die Stadt besungen wird, kitschig und übertrieben. Er hatte nie die Absicht, irgendwo anders zu leben. Dann floh er vor dem Krieg. Wenn ihn heute die Sehnsucht überkommt, schaut er sich die Altstadt von Damaskus auf Google-Maps an. „Die Stadt ist unvergleichlich“, sagt er und schwärmt von der Offenheit der Damaszener, ihrer Willkommenskultur. Lächelnd zitiert er ein Sprichwort: „Wenn du 40 Tage in Damaskus gelebt hast, bist du heimisch.“

Für Sara Alterio ist die Familie Heimat

Sara Alterio geht es ähnlich. Die 39-Jährige ist in Göppingen geboren, in Eislingen aufgewachsen, ihre Eltern stammen aus Italien. Für sie besteht Kultur aus vielen Bruchstücken: „Deutschland, Italien – das ist zu eng für mich.“ Für sie ist Heimat durch die politische Vergangenheit ein negativ besetztes Wort. „Das ist wie ein paar Schuhe, die nicht passen, die unbequem sind. Das will ich mir nicht anziehen“, sagt sie. 

Dabei fühlt sie sich schnell woanders heimisch, etwa bei einer Reise in den Nahen Osten: „Land und Kultur waren mir total fremd, trotzdem hatte ich dort erstaunliche Wiedererkennungsmomente.“ So erging es ihr auch, als sie zum Studium nach Neapel ging, die Leute, die Sprache und der Umgang haben ihr viel über ihre Familie erzählt: „Ich hab gespürt, dass es Leerstellen in meiner Geschichte schließt.“ Das Thema Heimat hat sie ad acta gelegt. „Für mich ist das nicht ein Ort, sondern meine Familie, die Menschen, die mir nahe stehen. Wo das Herz ist.“

Goggo Gensch mag sein Viertel samt Graffiti

Auch für den Stuttgarter „Heimkehrer“ Goggo Gensch ist Heimat eher ein Gefühl: „Ich kann mit dem Begriff wenig anfangen“, sagt der SWR-Redakteur. Außer in Form „der tollen Serie von Edgar Reitz“. 

Heimatgefühle kommen bei ihm auf, wenn er mit Freunden kocht, aber auch wenn er an seine Zeit in Mexiko denkt oder die Ecke rund um den Berliner Savignyplatz. In Stuttgart fühlt er sich in seinem Viertel daheim, dem magischen Dreieck zwischen Weinstube Vetter, Uhu-Bar und Brunnenwirt. „Das ist aber immer mit Menschen verbunden“, sagt er. 

Dreieinhalb Jahre lebte er in Mexiko, 2016 ist er aus beruflichen Gründen zurückgekehrt. „Wenn man den Begriff arg strapazieren will, dann war auch dort mein Viertel meine Heimat.“ Und es gab charmante Kuriositäten, wie den Bäcker, der das ganze Jahr über Butterkekse verkaufte, wie es sie hierzulande nur an Weihnachten gibt. Oder die Metzgerei „Selva Negra“ (Schwarzwald) mit deutschen Wurzeln und Wurstwaren. „Der Fleischkäse war wunderbar“, sagt Gensch lachend. 

Doch er tut sich schwer mit diesem Heimatbegriff. Das Nationalistische daran, dieser vermeintliche Stolz auf etwas, das kotzt ihn an, wie er sagt. Los ging das aus seiner Sicht „mit der Fahnenschwingerei 2006“, als Deutschland im Fußballtaumel sein Sommermärchen feierte. „Damit wurden bestimmte Sachen salonfähig“, sagt er. Und bekommt noch heute Magengrimmen, wenn er daran zurückdenkt. 

 

Text: Kathrin Stärk | Fotos: Alex Wunsch

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