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Ein strahlender Sebastian Turner, ein niedergeschlagener Fritz Kuhn: Stuttgart hat einen neuen Oberbürgermeister. Eine Reportage vom Wahlabend des 7. Oktober 2012 zwischen schwarzen Luftschlangen und grünen Tränen.
Am Ende wurde es doch noch ein spannender Wahlkampf. Sebastian Turner, der Kandidat der CDU, und Fritzle Kuhn, der OB-Anwärter der Grünen, hatten sich nach allen Regeln der Kunst beharkt, nachdem es zuvor eher gemütlich bis gemächlich zugegangen war. Die SPD hatte mit ihrer „Spitzen“-Kandidatin Bettina Wilhelm in der Auseinandersetzung wie erwartet keine Rolle gespielt, ein Kandidat der Internet-Plattform Meisterbuerger.org hatte das Duell auf Augenhöhe schließlich entschieden. Das Ergebnis: Sebastian Turner ist der neue Oberbürgermeister von Stuttgart.
Wir schreiben den 7. Oktober 2012. Es ist kurz nach 19 Uhr. Die Kamera des SWR Fernsehens hält voll drauf auf den strahlenden Sieger. Für seine Verhältnisse platzt Turner beinahe vor Freude. Die Mundwinkel schieben sich für den Bruchteil einer Sekunde einen halben Zentimeter nach oben – so geht Gesichts-Ekstase beim neuen CDU-Oberbürgermeister von Stuttgart.
Die CDU-Granden – auch die, die wie der geistige Vorstopper Mayer-Vorfelder anfangs gegen Turner waren – sonnen sich im Erfolg des Quereinsteigers. Schwarze Luftschlangen wirbeln durch die Luft, das unvermeidliche „We are the Champions“ von Queen dröhnt aus den Boxen. Schulterklopfer, Um-den-Hals-Faller und Händeschüttler drängen sich um den Wahlsieger, der sich in der Stunde seines größten Triumphs eher nach Innen freut. Nicht einmal das tumbe Junge-Union-Fußvolk, das die grünen Wahlverlierer mit Schmähgesängen auf Stadion-Niveau verspottet, kann Turner an diesem Abend die Laune verderben.
Turner als Everybody’s Darling, als Profi vor der Kamera und im Blitzlichtgewitter: Im Wahlkampf war das nicht immer so. Zu Beginn von Turners Ochsentour tuschelte manch Politbeobachter, der ehemalige Werbeprofi habe eine ähnlich südländisch-flotte Ausstrahlung wie sein Vorgänger Wolfgang Schuster.
Im persönlichen Gespräch musterte Turner sein Gegenüber den Bruchteil einer Sekunde zu lange, bevor schließlich der linke Mundwinkel den Ansatz eines Lächelns andeutete und eine geschliffene und stets druckreife Antwort aus seinem Munde kam.
Bei öffentlichen Auftritten wirkte Turner oft streberhaft. Als hätte er im Latein-Leistungskurs bei der Tacitus-Übersetzung wieder einmal die beste Note abgeräumt. Schnell attestierten ihm seine Gegner mangelndes Charisma und begannen, ihn zu unterschätzen. Das war ihr Fehler.
Wie aber hatte es soweit kommen können, dass Stuttgart einen Werbe-Profi zum OB wählt? Einen Vertreter der Spezies, die Bedürfnisse erzeugt, wo nie welche waren? Wie konnte ein CDU-Mann das Rathaus entern in einer Stadt, in der der Schwarze Donnerstag, die von CDU-Politikern verordnete Polizeigewalt gegen S21-Demonstranten, für immer im Gedächtnis haften bleiben wird? Wieso hatten es die Grünen verpasst, nach dem Ministerpräsidenten und der größten Gemeinderatsfraktion die heilige Trias der Politik in Stuttgart mit dem OB-Sessel zu komplettieren?
Um diese Fragen zu beantworten, reicht ein Blick in die Gesichter der Wahlverlierer im Stuttgarter Rathaus. Größer könnte der Kontrast an diesem Abend nicht sein. Hier eitle CDU-Freude, dort grüne Tränen. Nachdem die Öko-Partei in den vergangenen Jahren nahezu alle Wahlen in Stuttgart für sich hatte entscheiden können, waren sich die Wahlkampfstrategen ihrer Sache etwas zu sicher gewesen.
Fritz Kuhn, Spitzname in Anspielung an das Maskottchen des VfB Stuttgart „Das bessere Fritzle“, schaut in einer Ansammlung von Trauerklößen am traurigsten. Kuhn war es schließlich ähnlich ergangen wie Renate Künast in Berlin. Irgendwie konnte er das Volk nicht recht begeistern. Der einzige Grund für seine Niederlage war dies indes nicht.
Zünglein an der Waage war vielmehr wieder einmal Stuttgart 21. Die Wähler hatten es Kuhn und seiner grünen Truppe einfach nicht verziehen, dass sich die Partei nach der Landtagswahl nicht entschieden genug gegen das Bahnprojekt gestellt hatte. Weder die Landesregierung noch der Stuttgarter Gemeinderat konnten die Bahn, die sich in Stuttgart wie die Axt im Walde aufgeführt hatte, in die Schranken weisen. Das lastete der Wähler schließlich dem grünen Grandseigneur an.
Am Ende hatten die SPD und der Stadtrat von Stuttgart Ökologisch Sozial (SÖS), Hannes „Rocky“ Rockenbauch, die Wahl entschieden. Während das Aktionsbündnis gegen S21 zunächst keinen eigenen Bewerber ins Rennen schicken wollte, knüpfte die SPD nahtlos an ihre Tradition der Selbstmarginalisierung an. Die politische Konkurrenz nennt diese Entwicklung in Richtung FDP-Prozentzahlen scherzhaft den „Stuttgarter Weg“. Geht eben gut ab, wenn ein City-Manager, eine Meisterin der Hauswirtschaft und eine Diplom-Mathematikerin gemeinsam die Köpfe rauchen lassen.
Erst hatte die SPD gefühlte Jahre gebraucht, einen eigenen Kandidaten aus dem Hut zu zaubern. Als viele schon vergessen hatten, dass es die SPD überhaupt noch gibt, zauberte man schließlich die Untertürkheimer Winzertochter Bettina Wilhelm, Erste Bürgermeisterin in Schwäbisch Hall, aus dem Hut, statt ebenfalls ein bekanntes Gesicht ins Rennen zu schicken. Wilhelm kostete die Grünen aber nur wenige Stimmen, zu unwichtig und ungewichtig präsentierten sich die Sozialdemokraten im Wahlkampf.
Die Kandidatur von Rockenbauch wog deutlich schwerer. Ursprünglich wollten die S21-Gegner keinen eigenen Anwärter nominieren. Rockenbauch war aber schließlich über die Internet-Plattform Meisterbuerger.org zum Kandidaten gekürt worden. Für Rockenbauch stimmten all diejenigen, die sich wegen S21 enttäuscht von den Grünen abgewandt hatten. Rockenbauch wurde so zum Königsmacher, da er nach dem ersten Wahlgang nicht zurückziehen wollte.
Der einzige Grüne, der sich am Abend der Entscheidung nicht mit Trauerarbeit aufhalten will, ist Werner Wölfle. Der grüne Verwaltungsbürgermeister, für seine Meinungsstärke besser bekannt als für seine SMS-Fähigkeiten, stürmt völlig außer sich auf Rockenbauch zu und stellt diesen wie einen Pennäler ordentlich in den Senkel.
Die Piratenpartei beobachtet das Geschehen belustigt aus der Distanz. „grüne bambule im #rathaus. piraten-kandidat gewinnt. stoppt acta“, twittert cymaphore alias Martin Eitzenberger, Vorstand der hiesigen Piraten. Die Stuttgarter Sektion der Trendpartei hatte sich ebenfalls früh auf Turner festgelegt, auch in Ermangelung eigener Vorschläge und Ideen.
Während bei der CDU im Laufe des Abends ordentlich die Löcher aus dem Käse fliegen, freut sich Turner dagegen lieber im Stillen. Ein halbes Jahr lang hatte er sein Wahlkampfbüro in einer Off-Location eingerichtet, in der leer stehenden Schleckerfiliale in der Tübinger Straße – mit bestem Blick auf die Gerber-Baustelle.
Turners Wahlkampfstrategen um den Bundestagabgeordneten Stefan Kaufmann hatten die Location bewusst ausgesucht, um dem Ex-Werber mit dem unsinnigen Gerber-Projekt täglich ein mahnendes Beispiel vor Augen zu halten, wie unbehelligt Investoren bisher in Stuttgart schalten und walten durften.
Ob es mit dem neuen OB anders, gar besser wird? Bisherige Filz-Vertreter wie Finanzbürgermeister Michael Föll werden noch am Wahlabend blass um die Nase. Turner hatte angekündigt, auch im eigenen Lager aufräumen zu wollen. Die große Euphorie will außerhalb der CDU aber nicht aufkommen.
Nur ein Mensch sitzt gerührt vor dem Fernseher: Turners ehemalige Kindergärtnerin, die als Tante Gisela zum Maskottchen des Wahlkampfs geworden war, verdrückt Tränen der Freude. Wenigstens eine.

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