An dieser Stelle bekommen Sie jeden Monat eine kleine Leseprobe zum Durchblättern sowie einen kompletten Artikel aus unserer aktuellen Print-Ausgabe. Von der Abhandlung über Stuttgarter Facebook-User über das Abwatschen eines depperten islamfeindlichen Vereins bis zum Politiker-Eintopf-Interview oder der Reportage aus dem Headquarter der Stuttgarter Hells Angels – solche Texte gibt es nur bei uns.
Zum Vergrößern der Ansicht auf die jeweilige Seite klicken. (Sie benötigen dazu ein Flash Plugin.)
Kultur des Teilens oder egoistische Habgier?

Das Urheberrecht steht in der Diskussion wie selten zuvor. Autoren und Künstler verteidigen den Schutz des geistigen Eigentums in einem viel beachteten Aufruf, Netz-Aktivisten schlagen mit einer wütenden Aktion zurück. Wie aktuell oder veraltet ist das Urheberrecht wirklich? Ein Stuttgarter Pro & Contra.

„Lassen Sie mich mit einer persönlichen Geschichte beginnen: Vor einiger Zeit habe ich ein Buch mit dem Titel „Dumm 3.0“ veröffentlicht. Darin verteidige ich unter anderem die Grundprinzipien des geltenden Urheberrechts. Schon recht bald wurde mir daraufhin in vielen Blogs und Einträgen in Internetforen entgegengehalten: Das Urheberrecht sei von gestern. Es passe nicht in die „Kultur des Teilens“, die sich im Internet etabliert habe.
Im Grunde sei es eine Unverschämtheit, wenn ich erwarten würde, dass Menschen für den Kauf meines Buches Geld ausgeben. Meine Gedanken seien für alle da. Schließlich fußten sie auf den Gedanken früherer Generationen. Wolle ich künftig mit geistigen Leistungen Geld verdienen, solle ich meine Bücher einfach kostenlos ins Internet stellen. Dadurch erweckte ich das Interesse anderer und könnte für Vorträge und Lesungen Honorar kassieren.
Kurz nach Erscheinen des Buches luden mich mehrere Internetvereine zu Podiumsdiskussionen ein. Allerdings, so beschied man mir, könne man mir leider kein Honorar zahlen. Das sei aber sicherlich nicht so schlimm. Immerhin sei der Auftritt Werbung für mein Buch.
Diese Anekdote entlarvt die Verlogenheit in der Debatte um das Urheberrecht. Junge Menschen kommentieren nicht nur in Blogs, sie demonstrieren sogar in vielen Großstädten gegen bestehendes Urherberrecht. In ihrem eigenen Selbstverständnis sind sie Freiheitskämpfer. Sie sehen sich als Aktivisten, die sich einer bösen Verwertungsindustrie und einem überwachungstrunkenen Polizeistaat entgegenstellen.
In Wirklichkeit sind sie Egoisten, die für ihr vermeintliches Recht auf Raubkopien auf die Straße gehen. Sie betreiben üble Camouflage, indem sie die Musik von Lady Gaga, den jüngsten Hollywood-Streifen und das Videospiel zum Erbe der Menschheit und deren kostenlosen Download zum Menschenrecht erklären.
Bis vor kurzem hatte ich mein Büro im Kreativzentrum H7 am Stuttgarter Hauptbahnhof. Dort arbeiteten viele junge Designer, Musiker, Journalisten, Autoren und Internetprogrammierer. In diesem Kreis habe ich nur sehr wenige Menschen getroffen, die das Urheberrecht über Bord werfen wollen. Kein Wunder: Sie sind nicht nur Nutznießer kreativer Leistungen. Sie müssen Brot, Milch, ihre Miete und den Latte Macchiato mit den Erlösen ihrer geistigen Arbeit bezahlen.
Diesen Kreativen ist eine angebliche „Kultur des Teilens“ im Internet zu Recht suspekt. Einer Kultur, der es in erster Linie darum geht, anderer Leute geistiges Eigentum ohne Bezahlung zu teilen. Niemand darf daran gehindert werden, seine Werke der Menschheit zu schenken. Aber niemand sollte dazu gezwungen sein.
Diejenigen, die das Urheberrecht für überholt halten, argumentieren: „Euer Geschäftsmodell ist durch das Internet zusammengebrochen. Sucht euch ein Neues!“ Es geht aber nicht um ein Geschäftsmodell, sondern um einen Rechtsrahmen. Ein Vergleich: Wenn Kaufhäuser in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, weil die Konsumenten lieber im Internet einkaufen, mag das für die Mitarbeiter und für die Innenstädte bedauerlich sein – aber es ist eben nur das Ende eines Geschäftsmodells.
Wenn man aber plötzlich das Prinzip in Frage stellen würde, überhaupt Waren gegen Aussicht auf Profit zu verkaufen, hätten wir ein Problem. Die Urheberrechts-Piraten sollten endlich aufhören, sich zu Freiheitskämpfern zu stilisieren. Sie sind von Habgier getriebene Egoisten, denen es darum geht, auch in Zukunft kostenlos Filme, Musik, Videospiele und Bücher aus dem Netz herunterzuladen. Das zuzugeben wäre zumindest mutig.“
» Markus Reiter arbeitet als Schreibtrainer, Journalist und Publizist in Stuttgart, www.klardeutsch.de

„Der Todeskampf überkommener und schädlicher Geschäftsmodelle im Zeitalter des ,geistigen Eigentums‘ zählt zweifelsohne zu den großen Gründungsthemen und konstituierenden Inhalten der Piratenpartei.
Doch langsam wandelt sich auch das öffentliche Bild der Thematik. Noch vor wenigen Jahren haben vor allem die Behauptungen der großen Verwertungsgesellschaften die öffentliche Diskussion geprägt. Heute ist es zunehmend möglich, sich mit den tatsächlichen Problemen zu befassen.
Wenn große Labels vom Urheberrecht sprechen, ist meistens eigentlich das Verwertungsrecht gemeint. Traditionelle Geschäftsmodelle sehen üblicherweise vor, dass der Urheber – ein Musiker oder Filmemacher beispielsweise – seine Verwertungsrechte nahezu vollständig an Verwertungsgesellschaften – Labels oder ähnliches – abtritt. Im Gegenzug wird sein Werk über die breite Infrastruktur der Rechteverwerter vertrieben und er erhält eine finanzielle Gegenleistung. Im Laufe der Geschichte haben diese Strukturen gigantische Ausmaße angenommen.
Kein Wunder, früher hätte sich ein einzelner Künstler kaum um Produktion und globalen Vertrieb seiner Werke kümmern können. Heute ist das anders.
Die Entlohnung des Urhebers hat sich in den traditionellen Vertriebsstrukturen nicht wesentlich gewandelt. Nach wie vor erhält der Künstler nur einen Bruchteil des Gewinnes aus seiner Arbeit, und auch das üblicherweise nur zeitlich begrenzt. Bei materiellen Gütern konnte dafür noch mit Produktions-, Transport- und Vermarktungskosten argumentiert werden.
Die Kosten für Vermarktung und Vertrieb digitaler Werke betragen aber einen mikroskopischen Bruchteil dessen, was die klassischen Vertriebsinfrastrukturen etwa für CDs und Bücher kosten. Dennoch gehen die Künstler nach wie vor vergleichsweise leer aus. Und Endverbraucher bezahlen für ein MP3-Album meist nahezu das gleiche wie für eine CD. Wo liegt da die Logik?
Erinnern wir uns an Napster. Dieser Filesharing-Veteran konnte nur so erfolgreich sein, weil die Musik-Labels das Internet aktiv bekämpft haben. Der Versuch, Napster mit miserabler Qualität zu astronomischen Preisen in Kombination mit Massenklagen gegen Napster-User zu schlagen, ist bekanntlich kläglich gescheitert.
Während die Firmen mit veralteten Vertriebsstrukturen ihre (potenziellen) Kunden beschimpft und verklagt haben, hat sich das Problem allmählich von selbst gelöst. Neue Geschäftsmodelle wie iTunes, Last.FM, Amazon MP3 Store und viele andere haben ihre Chance genutzt. Innovative Konzepte und gute Qualität zu angemesseneren Preisen, das ist eine Sprache, die die Menschen verstehen.
Seitdem sind auch illegale MP3-Downloads massiv rückläufig. Zurück bleiben überwiegend diejenigen, die ohnehin kein Geld dafür ausgeben können oder wollen. Das war schon zu Zeiten der Audiokassetten so und ist auch in Zeiten der MP3-Player nicht anders.
Dass das Urheberrecht reformiert werden muss, steht außer Zweifel. Viel wesentlicher ist aber, dass es nicht Aufgabe des Staates sein kann, einseitig veraltete und kaputte Geschäftsmodelle, also die Gewinnerzielung mit alten Verwertungsstrukturen, zu schützen. Und nicht zuletzt darum gehen Hunderttausende gegen Acta & Co. auf die Straße. Das Internet ist eine Chance, die genutzt werden will, und kein Feind, der bekämpft werden muss.“
» Martin Eitzenberger ist Vorsitzender der Piratenpartei Stuttgart, www.piratenpartei-stuttgart.de

Unser neues Sonderheft STUTTGART FLIEGT AUS und ein Jahres-Abonnement von LIFT können Sie diesen Monat im Kombi-Paket bestellen, für € 28,60 (statt einzelner Verkaufspreis € 38,60).
Liebe Leserin, lieber Leser,
Optimismus tut gut. Und weil wir für dieses Heft zehn Dinge zusammengetragen haben, die in dieser Stadt gerade so richtig scheiße sind, müssen wir uns mal eben kurz selbst therapieren: Mit Dingen, die gut, ach was, die traumhaft sind! Es ist Frühling, der bisher beste Konzertmonat des Jahres steht bevor...
Mehr im LIFT-Newsletter.