LIFT-Aktuell im AugustLIFT-Aktuell im August

An dieser Stelle bekommen Sie jeden Monat eine kleine Leseprobe zum Durchblättern sowie einen kompletten Artikel aus unserer aktuellen Print-Ausgabe. Von der Abhandlung über Stuttgarter Facebook-User über das Abwatschen eines depperten islamfeindlichen Vereins bis zum Politiker-Eintopf-Interview oder der Reportage aus dem Headquarter der Stuttgarter Hells Angels – solche Texte gibt es nur bei uns.

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Sehnsuchtsort NeckarSehnsuchtsort Neckar

Berlin hat ihn. München auch. Köln ebenso. Und Hamburg sowieso: den Fluss in der Mitte der Stadt. Stuttgart kann da nicht mithalten. Der Nesenbach ist im Stadtbild nicht existent, der Neckar ist von der Innenstadt so weit weg wie Bad Cannstatt vom Meer. Wie lässt sich dieser Zustand ändern?

Neulich in einem Stuttgarter Café. Gast zum Wirt: „Das war eine tolle Lesung am Hafen.“ Wirt: „Wie, am Hafen. Wir haben einen Hafen?“ Ja, Stuttgart hat einen Hafen, und keinen kleinen. Der zwischen Unter- und Obertürkheim, Wangen und Hedelfingen gelegene Binnenhafen ist ein Sehnsuchtsort, den kaum ein Stuttgarter kennt.

Dabei geht es von hier aus in nur 52 Stunden hinaus in die weite Welt. Nach etwas mehr als zwei Tagen Fahrzeit erreichen die Binnenschiffe über Neckar und Rhein die Häfen Rotterdam oder Antwerpen. Das Stuttgarter Hafengebiet ist riesig: Die rund 50 Reedereien, Speditionen und Handelsfirmen beschäftigen auf 100 Hektar insgesamt rund 3.000 Mitarbeiter.

Seitdem der Hafen bei der Langen Nacht der Museen auch als Veranstaltungsort bespielt wird, steigt der Bekanntheitsgrad des Areals. Und dennoch: Viel zu wenige Stuttgarter haben einen Bezug zu ihrem Tor zur Welt, von dem aus tonnenweise Container verschippt werden. Wieso? Weil der Neckar nicht nur geographisch, sondern auch und gerade emotional zu weit von der Innenstadt entfernt ist.

Dabei hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Der Fluss ist tatsächlich einen Kielbreit näher an die Stadt gerückt: Neben der Langen Nacht der Museen macht sich auch der Stuttgarter Autor und Kolumnist Joe Bauer um das Gewässer verdient, er veranstaltete einige Lesungen auf der Schiffsflotte des Neckar Käpt’n. Kürzlich hat er sich mit seiner Veranstaltungsreihe Flaneursalon sogar in einen bisher fürs Kulturpublikum unbekannten Winkel des Hafens gewagt – mit Erfolg. Und am Stadtstrand in Bad Cannstatt kommt in guten Momenten tatsächlich Urlaubsfeeling auf, in Lokalen wie dem Keefertal in S-Münster kann man von der Terrasse aus beinahe ins Nass springen.

Schusters Bade-Versprechen

„Es gibt schon jetzt viele tolle Angebote am Neckar“, findet Christian List, einer der Betreiber des Stuttgarter Stadtstrands. „Das Theaterschiff, der Neckarbiergarten oder Veranstaltungen wie das Fischerstechen sind höchstens nicht hipp genug, als dass sie in die Stadtmitte reinstrahlen könnten“, so der Neckar-Gastronom. Ideen, was man außerdem anbieten könnte, hat er trotzdem viele: „Hausboote fände ich eine tolle Sache, denn Häuser kann man wegen der Industrie leider nicht ans Ufer bauen.“

Denkt man an ein Hausboot, bekommt man Lust, von der Terrasse der schwimmenden vier Wände direkt in den Fluss zu tauchen. Womit wir direkt bei den Neckar-Problemen angekommen wären. Als öffentliches Schwimmbad lässt sich der Fluss leider nicht nutzen: Die Brühe ist schlicht zu dreckig. 

Dabei hatte Oberbürgermeister Wolfgang Schuster bei seinem Amtsantritt 1997 versprochen, dass man noch während seiner Amtszeit wieder im Neckar baden können würde. Was ist aus dem Goldenen Seepferdchen der Politiker-Versprechen geworden?

Schusters Zeit ist bald abgelaufen, an Baden im Neckar aber noch lange nicht zu denken, trotz aller Bemühungen: „Unser städtischer Eigenbetrieb SES investiert jährlich etwa 20 Millionen Euro in die nachhaltige Optimierung unserer vier Klärwerke. Uns gelingt es mittlerweile, die gesetzlichen Mindestanforderungen deutlich zu unterschreiten“, so OB Schuster. „Um den Fluss für das Baden freizugeben, reicht das Stuttgarter Engagement alleine jedoch nicht aus.“

Wie weit wir derzeit von badetauglichem Wasser entfernt sind, zeigen Messungen aus dem Jahr 2010. „Die Badewasserqualität ist an allen drei Messstellen mangelhaft“, sagt Erich Zeller vom Landesgesundheitsamt. Im wahrsten Sinne des Wortes beschissen: Das Problem liegt an den Ausscheidungen der Bewohner der Region, da die gereinigten Abwässer vieler hunderttausend Menschen stromaufwärts in den Neckar eingeleitet werden.

Angesichts der Salmonellen, Noroviren und verschiedener anderer Indikatoren für Brech-Durchfall-Erreger, die im Wasser gefunden wurden, vergeht das romantische Bild vom Baden im Neckar schnell. Fürs Planschen müssten alle stromaufwärts eingeleiteten Abwässer desinfiziert werden. Dazu Zeller: „Wieso sollte eine stromaufwärts gelegene Kommune richtig viel Geld in die Hand nehmen, damit einige Kilometer weiter abwärts im Neckar gebadet werden kann?“

Das fragen sich auch die OB-Kandidaten, lehnen sich aber nicht so weit aus dem Fenster wie Vorgänger Schuster und lassen nur sehr dünne Neckar-Bekenntnisse vom Stapel. Grünen-Kandidat Fritz Kuhn verspricht: „Die Stadt muss an den Fluss. Das tut beiden gut. Als Oberbürgermeister werde ich das vorantreiben.“ Dem schließt sich SPD-Frau Bettina Wilhelm an: „Mein Ziel ist es, den Neckar vom Ufer aus zu erschließen. Das bringt Lebensqualität in die Stadt.“ Sebastian Turner, Kandidat von CDU, FDP und Freien Wählern, meint: „Die Rückgewinnung des Neckars ist eine große Chance für Stuttgart. Das Theaterschiff und der Biergarten zeigen, was möglich ist. Wer mehr sehen will, kann in Düsseldorf und London beobachten, wie zurückgewonnene Flüsse die Lebensqualität verbessern.“

Vorerst platzt der Traum vom Baden im Neckar also wie eine große Abwasser-Seifenblase. Doch zum Glück bietet der Fluss einfallsreichen Menschen auch andere Erholungsmöglichkeiten. Die Stuttgarter Rudergesellschaft zieht bereits seit 1899 ihre Bahnen auf dem schwäbischsten aller Ströme, der Cannstatter Ruderclub ebenfalls seit über 100 Jahren.

Menschen, Institutionen und Vereine versuchen also sehr wohl, den Fluss wieder näher an seine Bewohner heranzutragen. Wie aber steht es um die Stadt Stuttgart? Auch von politischer Seite gab es in den vergangenen Jahren Projekte, die den Neckar als Naherholungsgebiet aufwerten sollen.

Bereits 1992 wurden die Ufer im Bereich des Voltasteges in Bad Cannstatt umgestaltet, indem man die Betonverschalung durch ein lebendiges Ufer ersetzte. „Das war die erste Renaturierungsmaßnahme an einer Bundeswasserstraße überhaupt“, sagt Wolfgang Maier vom Stadtplanungsamt Stuttgart.

Ähnliche Projekte folgten. Seit 2004 wird in S-Hofen der Saugraben renaturiert. „Der erste Bauabschnitt ist inzwischen abgeschlossen“, so Peter Geitz, Gesch.ftsführer des leitenden Landschaftsarchitekturbüros Geitz und Partner. „Es wurde ein Seitengewässer mit großzügigen Flachwasserzonen und eine Tiefwasserrinne zum Neckar gebaut. Die Fische können hier einschwimmen, finden reichlich Nahrung und Laichplätze.“ Der nächste Bauabschnitt sieht vor, Teile des alten Ufers zu Inseln umzugestalten, auf denen die fast ausgestorbene Neckar-Schwarzpappel gepflanzt werden soll.

Natürliche Ufer statt Beton

Während der Neckar Anfang des 20. Jahrhunderts stark kanalisiert und in seine heutige Betonform gegossen wurde, um ihn für die Schifffahrt tauglich zu machen, trägt man heute Betonplatten vom Ufer ab und ersetzt diese durch Steinschüttungen und ingenieurbiologische Sicherungsbauwerke.

Bei den Uferwiesen in Ludwigsburg wurden damit erstaunliche Erfolge erzielt, wie Bernd Wenger vom Ludwigsburger Tiefbauamt erzählt: „Ein halbes Jahr nach der Fertigstellung 2009 hat man festgestellt, dass am renaturierten Ufer elf Fischarten zu finden waren, während es am alten Betonufer gerade mal fünf waren.“

Klingt nicht nur nach einem Paradies für Fische, Libellen und Stechmücken, sondern auch für interessierte Neckartouristen. Der Architekt und Stadtplaner Hermann Grub, der 2004 das Projekt „Grünzug Neckartal“ gründete, will aber noch mehr: „Es ist wichtig, dass man in kurzer Zeit viele Projekte realisiert, sonst werden einzelne renaturierte Zonen von tausenden Menschen überschwemmt, was der Natur dann wieder schaden kann.“

Grub sorgte mit seiner Initiative für eine bessere Vernetzung der Neckar-Maßnahmen. Fast 60 Projekte hatten die Kommunalplaner von Plochingen, Esslingen, Stuttgart, Remseck und Ludwigsburg auf dem Zettel, darunter ökologische Flussufer, Freizeitangebote in Flussnähe sowie den Ausbau des flussbegleitenden Rad- und Fußwegenetzes. Um die Einzelmaßnahmen besser zu bündeln, wurden sie zu einem Großprojekt zusammengefasst, zum besagten „Grünzug Neckartal“. Dabei fanden sich rasch politische Einrichtungen, die die Projekte finanziell unterstützten. So stellten unter anderem der Verband Region Stuttgart, das Land Baden-Württemberg und die EU mehrere Millionen Euro zur Verfügung.

Das findet auch der wichtigste Gewerbetreibende am Neckar, der Stuttgarter Hafen gut. Carsten Strähle, Gesch.ftsführer des Hafens: „Ich freue mich über jedes natürliche Ufer.“ Der Grund für die Betonverschalung des Neckars liege nämlich nicht in der Schifffahrt, sondern sei ganz einfach der, dass Klopapier und anderer Abfall an Beton nicht kleben bleibe.

Wie sehen also die Chancen und Möglichkeiten für die Zukunft aus? „Aus dem Neckar einen Erholungsfluss zu machen, ist sehr schwierig angesichts der Tatsache, dass große Flächen im Talgrund von Siedlung, Gewerbe, Industrie und Verkehrsanlagen über baut sind“, erklärt Wolfgang Maier vom Stadtplanungsamt. 

Trotzdem sind einige Neuerungen am Stuttgarter Neckar im Gespräch: „Im Bereich Wagrainäcker ist ein Raum geplant, der Hochwasser dank Feuchtgebüsch und Schilfzonen auf natürliche Weise zurückhält“, so Maier zum Areal beim Max-Eyth-See. Selbst in der Innenstadt könnte wieder Wasser fließen: „Eine Idee ist, im Bereich des Eckensees zwischen Neuem Schloss und Landtag den Nesenbach wieder erlebbar zu machen.“

Eine ganz andere Form des Erlebens präsentiert Greenpeace Anfang August auf dem Neckar. Die Umweltorganisation stellt ihr Fluss- und Küstenschiff Beluga II an der Anlegestelle Wilhelma in Bad Cannstatt vor, um auf den Schutz der Arktis aufmerksam zu machen. Auch so kann man den Fluss aufwerten, ihn für alle Stuttgarter spannender machen. 

Über den Neckar weht eben immer wieder ein Hauch von großer, weiter Welt. Man muss nur die Augen offen halten und sich einfach mal an den Fluss trauen.

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